Ist das schön?!
Der Podcast über die Kraft, die im Schönen steckt.
Episode #8 | 10. April 2026
Verändert sich der Blick oder verändert sich die Welt?
Über den alten Mann mit der Zahnlücke, Heisenbergs Erkenntnistheorie und die Frage, was Schönheit mit dem Beobachten zu tun hat.
Ein alter Mann in der Straßenbahn. Mantel zu groß, Haare ungepflegt, Plastiktüte zwischen den Füßen. Ich habe ihn in Sekundenschnelle eingeordnet und dann hat er mich angesehen. Zahnlücke, Lachfältchen, schiefes warmes Grinsen. Und plötzlich saß da jemand ganz anderes vor mir.
Was war passiert? Er hatte sich nicht verändert. Ich hatte anders geschaut.
Diese Episode dreht sich um eine Frage, die mich seitdem nicht loslässt: Liegt Schönheit in den Dingen oder entsteht sie erst im Moment, in dem wir hinschauen? Werner Heisenberg hat für die Quantenphysik entdeckt, dass Teilchen keinen eindeutigen Zustand zeigen, solange niemand misst. Erst die Beobachtung entscheidet, was da ist. Vielleicht gilt das auch für Schönheit. Vielleicht liegt sie nicht fertig in der Welt herum und wartet darauf, gefunden zu werden. Vielleicht wird sie durch uns erst sichtbar.
- Warum ein lächelnder alter Mann mit Zahnlücke mein Bild von Schönheit durcheinandergebracht hat
- Was Werner Heisenberg und die Quantenphysik mit dem Hinschauen zu tun haben
- Über Elma Esrigs Satz vom »Mehr« und warum er mich noch Tage später beschäftigt [→ Episode 9]
- Ob sich der Blick verändert. Oder die Welt. Oder beides.
Vielleicht lächelt jemand zurück.
Das erwähnte Buch:
»Es werde Licht – Die einheit von Geist und Materie in der Quantenphysik« von Frido Mann und Christine Mann
S. Fischer Verlage https://www.fischerverlage.de/buch/frido-mann-christine-mann-es-werde-licht-9783596297450
Transkript
Ich habe neulich in der Straßenbahn jemandem zugeschaut. Ein alter Mann saß schräg vor mir, gebeugt, hatte eine Plastiktüte zwischen den Füßen, sein Mantel war etwas zu groß und er hatte auch ein bisschen ungepflegte Haare. Und ich habe ohne es zu wollen sofort geurteilt, wie müde ein Mensch aussehen kann und ungepflegt.
Ja, das Alter macht es nicht besser. Und dann hielt ich die Bahnen an, ich stand auf, wollte aussteigen und in genau diesem Moment hob ich den Kopf, sah mich an und lächelte. Mit Zahnlücke und mit Lachfältchen und mit so einem schiefen, warmen Grinsen, das in mir sofort alle Spiegelneuronen aufleuchten ließ.
Ich lächelte zurück. Plötzlich saß da kein gebeugter alter Mann mehr. Da saß ein Verschmitzter, einer, der höchstwahrscheinlich in seinem Leben auch geliebt hat, sicher auch gescheitert ist und halt irgendwie sein Leben lebt. Einer mit Geschichte. Ich stieg aus und mich bewegte die Frage, wer saß da eigentlich gerade vor mir?
Wir reden über Schönheit so oft so, als wäre sie eine feste Eigenschaft. Diese Vase ist schön, jenes Gesicht ist schön, das Haus ist schön. Als lege die Schönheit auf Dinge wie ein Preisschild. So ganz objektiv schön.
Bitte nicht anfassen. Aber was ist, wenn das gar nicht stimmt? Was, wenn Schönheit nicht in den Dingen liegt, zwischen uns und ihnen erst entsteht?
Vor gutem las ich ein Buch über Quantenphysik. Es werde Licht sein Titel. Ich fürchte, ich verstehe nicht so viel von Quantenphysik, aber ich bin immer wieder völlig fasziniert davon. Denn auf kleinster Ebene verhalten sich Teilchen sehr seltsam. Sie zeigen keinen eindeutigen Zustand, solange niemand misst. Und das Messen, ist eben der Moment der Beobachtung.
Also erst in dem Moment der Beobachtung entscheidet sich, was die Teilchen sind. Werner Heisenberg war der erste Physiker, der das entdeckte und er hat unser Bild von der Wirklichkeit damit ziemlich durcheinandergebracht. Also als Gedanken liebe ich die Beobachtung und oder der Beobachter ist nicht passiv, sondern erst
Durch das Hinschauen, durch das Sehen verändern sich die Teilchen, verändert sich etwas, entsteht etwas. Vielleicht ist das mit der Schönheit genauso. Vielleicht liegt sie ja gar nicht fertig in den Dingen herum. Vielleicht wird sie erst durch mich und durch meine Betrachtung sichtbar. Die alte Hausfassade
an der ich gestern achtlos vorbeigegangen bin, ist heute schön, weil das Abendlicht auf ihr liegt und weil ich diese Abendsonne jetzt im Frühling genieße. Ich erinnere mich an die Hände meiner Mutter, die waren schön, weil ich sie halt auch oft berührt habe. Und der alte Mann in der Straßenbahn ist vielleicht deshalb in dem Moment schön,
weil er mich mit seiner Zahnlücke daran erinnert, dass Würde oder Menschsein manchmal grinst.
Und in dem Moment, als ich jetzt gerade für diese Episode darüber nachgedacht habe, mir auch noch einmal das Gespräch mit Elma Esrig in den Sinn gekommen, die nämlich am Ende, als ich sie frage, was sie an ihrer Arbeit schön findet, antwortet: »Dass Menschen geistig, körperlich und sprachlich mehr werden, als sie schon sind, was sie aber nur tun können, weil sie es schon sind. Dieses Mehr.«
Dieses mehr. Das hat mich nicht losgelassen, weil es ja genau das beschreibt, was in der Straßenbahn passiert ist. Das mehr war die ganze Zeit da. Ich habe es nur nicht gesehen.
bis zu dem Moment, als der Mann gelächelt hat. Übrigens, was passiert eigentlich mit der Umkehrung? Was wäre denn in mir ausgelöst worden, wenn er mich grimmig angeknurrt hätte? Ich hätte mit Sicherheit nicht zurückgelächelt und wahrscheinlich hätte ich mich gewundert und ihn dann einfach vergessen.
Also die große Frage dahinter ist doch, verändert sich mein Blick oder verändert sich die Welt? Und ich glaube, dass es beides ist, dass das eine mit dem anderen zusammenhängt. Wenn ich anders schaue, dann sehe ich etwas anderes. Und wenn ich etwas anderes sehe, dann bin ich in diesem Moment eine andere Person. Und vielleicht ist sogar die ganze Welt in diesem Moment dann tatsächlich eine andere.
Jiddu Krishnamurti, ein indischer Philosoph und spiritueller Lehrer, hat das so ausgedrückt: »Wir schaffen die Welt, die uns umgibt, das, was wir denken, jeden Tag neu.« Wenn das stimmt, dann ist das ja auch eine Verantwortung. Und vielleicht sogar eine Einladung, morgen ein bisschen anders hinzuschauen. Wer weiß? Vielleicht.
Lächelt jemand zurück?