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Ist das schön?!

Der Podcast über die Kraft, die im Schönen steckt.

Episode #15 | 29. Mai 2026

Freiraum passt auf vier Räder

Angelika Bungert-Stüttgen über die Schönheit des Weniger, das Innen als Kompass und den übergroßen Pullover zum Hineinwachsen

Angelika Bungert-Stüttgen wollte ein Haus am See. Was sie bekam, war dasselbe – auf vier Rädern. Und irgendwann hat sie gemerkt: Das passt sogar besser.

Sie hat Innenarchitektur studiert, dreißig Jahre in München gelebt und sich dann Stück für Stück von allem getrennt, was mit der Zeit und dem Leben weniger wichtig wurde. Heute fährt sie mit ihrem Wohnmobil in alle Himmelsrichtungen, begleitet Menschen dabei, ihren eigenen Freiraum zu finden, und zeichnet am Ende jedes Prozesses ein Bild. Die Essenz. Die Zukunft. Den übergroßen Pullover, in den ihre Kundinnen hineinwachsen dürfen. In dieser Episode sprechen wir darüber, warum weniger nicht Verzicht ist, was Freiraum mit Schönheit zu tun hat und ob Freiraum überhaupt Quadratmeter braucht.

Im Quiz am Ende antwortet Angelika auf fast alles mit Ja. Fast. Eine Frage verneint sie so entschieden, dass ich kurz nachgehakt habe. Welche das ist? Hör selbst.

    Angelika Bungert-Stüttgen

    Angelika Bungert-Stüttgen ist die Freiraumfrau®: Autorin, Künstlerin, Coach und Innenarchitektin. Sie kreiert Freiraum mit den Menschen, die ihr ihre Themen anvertrauen. Seit 2014 fährt sie ein kleines Wohnmobil, den Freiraumbus. Arbeit und Leben verweben, das ist ihr persönlicher Freiraum. Sie liebt Weitblick, Leuchttürme und die Ostsee.

    Angelikas Blog im Internet: https://www.freiraumfrau.de

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    Transkript

     

    Jana: Durch eine sehr persönliche Eigenart habe ich meinen heutigen Gast zufällig in der Realität kennengelernt. Ich war im schönen Haus auf der Insel Rügen. Ich war sehr erschöpft und ich wollte einfach weg sein. Und so saß ich in diesem Haus, das meiner Familie gehört, und tat praktisch nichts. Ab und zu habe ich auf LinkedIn irgendwelche Beiträge gelesen und auch einen sehr persönlichen Beitrag geschrieben. Und auf diesen sehr persönlichen Beitrag bekam ich eine außerordentlich persönliche Antwort von ihr. Und in der Überraschung, die da drinsteckte, und meiner Antwort darauf, schrieb ich in meiner ganz persönlichen Eigenart: Schöne Grüße, gerade vom Kap Arkona nach München – denn ich wusste, sie ist in München ansässig. Und dann hat sie mir geantwortet: Ich stehe gerade in Glowe. Geht es dir gut? Brauchst du Unterstützung? Sie stand mit ihrem Bus nur zehn Kilometer entfernt – und ja, am nächsten Tag haben wir uns getroffen, und das war Freiraum. Eine sehr persönliche Geste, und zwar nicht als Konzept, sondern eben wirklich als Geste. Herzlich willkommen, liebe Angelika Bungert-Stüttgen.

    Angelika Bungert-Stüttgen: Hallo, liebe Jana. Ich habe gerade Schauer bei deinem Erzählen.

    Jana: Ja, das war ein sehr bewegendes Kennenlernen. Ungewöhnlich.
    Du nennst dich die Freiraumfrau, und zwar schon seit 15 Jahren. Was ist denn Freiraum für dich ganz persönlich? Weil ich habe mich gefragt: Freiraum – ist das Zeit, ist das ein Ort oder ist das eine innere Haltung?

    Angelika Bungert-Stüttgen: Freiraum ist alles drei. Es ist Zeit, so unterwegs zu sein, wie mir das stimmig und gut ist. Es ist auf jeden Fall ein Ort – mittlerweile ja auch, oder schon lange eben, ein Wohnmobil, Orte, die mich nähren. Und es ist natürlich eine innere Haltung. Es ist auch eine äußere Haltung. Also ich sage mal: vollgestellte Räume sind kein Freiraum für mich. Aber vielleicht sollte ich das so sagen: Ich glaube, dass Freiraum sehr unterschiedlich ist und für jeden, jede was anderes bedeutet. Und wenn man einmal anfängt, sich dem Thema zu widmen, so wie ich – auch mit Freiraumfrau, was ja eine Marke ist, eine eingetragene Wortmarke –, habe ich angefangen, dem Freiraum zu folgen. Und dann wird man so ein Stück weit, ich sage jetzt mal süchtig: Ach ja, wenn das auch Freiraum ist, dann könnte ich das ja auch noch ändern oder da nochmal hinschauen. Also ich habe da ganz viel mich auch verändert und entwickelt auf dem Weg.

    Jana: Oh, das glaube ich dir. Ich musste jetzt als Allererstes auch schmunzeln, weil ich ja weiß, dass du Innenarchitektur studiert hast – und da ist natürlich Freiraum und die Frage, wie viel habe ich in meinem Raum zu stehen und wo, mit welcher Bedeutung, schon mal als Allererstes ein riesengroßes Thema. Insgesamt ist das, was du jetzt gerade sagst, auch – dass sich immer mehr erschließt und du immer mehr reingehst in das Thema, je mehr du dich damit beschäftigst –, im Grunde genommen genau das, was ich mit der Schönheit empfinde. Wenn ich Schönheit erst mal als Allererstes so sehe, sage, denke: naja, schön – und je mehr ich mich mit der Schönheit beschäftige, je tiefer ich in die Schönheit eindringe, desto stärker umgibt sie mich, beziehungsweise merke ich, wo sie überall vorhanden ist. Aber noch mal ganz kurz: Woher kommt wirklich der Begriff, wann bist du zu dieser Freiraumfrau geworden?

    Angelika Bungert-Stüttgen: Das war tatsächlich ein Markenprozess, den ich damals gemacht habe, weil ich – als Innenarchitektin, als Künstlerin, als Coach – immer einen großen, wie heißt das so schön, Bauchladen hatte. Und ich hatte immer das Gefühl: Das braucht ein Dach. Und am Ende dieser Markenberatung – es war bei Maren – hat die Maren irgendwann gesagt: Du bist die Freiraumfrau, weil das war das Thema, was sich da so durchzog. Also von den realen Räumen und der Innenarchitektur und der Kunst und der Begleitung war es dann das – und das hat so Pling in meinem Herzen gemacht. Das war wie so ein: Genau, ich bin selber das Dach, und ich entscheide. Und mal abgesehen davon, dass ich ja einen Doppelnamen habe – also das ist so einfach. Auch Menschen kommen dann auf mich zu und sagen: Ich weiß gar nicht, wie du heißt, aber du bist die Freiraumfrau. Das hat so ganz, ganz viele Teile wie so ein Puzzle zusammengebracht. Und danach war so eine Beruhigung in mir drin. Und ich habe dann tatsächlich in einem ersten Impuls gedacht: Das Wort ist so genial, das lasse ich mir als Marke schützen. Und das führt eigentlich zu dem, was du eben über Schönheit gesagt hast. Das wurde dann zu meiner Messlatte. Meine Messlatte ist Freiraumfrau. Wenn ich nicht als Freiraumfrau Freiräume lebe, wie sollen dann Menschen zu mir kommen und mit mir über ihre Freiräume sprechen? Ich muss sozusagen vorangehen. Und ich sage immer: Man kann nicht selber anderen Freiraum verkaufen und dann in einer Engstelle sitzen.

    Jana: Da muss ich gleich mal einhaken, wenn du sagst, anderen Freiraum verkaufen. Da frage ich doch jetzt mal nach. Also das, was ich von dir gelesen habe und von dir höre, ist immer wieder, dass du davon sprichst, dass der Freiraum ein Prozess ist, dass er hergestellt werden kann, kreiert werden kann. Also ich ihn aktiv baue, um wirklich frei zu sein. Was bietest du den Menschen an, die zu dir kommen? Was ist denn das, was du tust?

    Angelika Bungert-Stüttgen: Das Kreieren ist ja ein sehr, sehr schönes Wort, das eine Aktivität beinhaltet, die einerseits ich tun kann in der Begleitung – und die Menschen, die zu mir kommen, kreieren ja auch, indem sie entscheiden: Ich bin jetzt an einem Punkt, an dem du vielleicht auch mal in deinem Leben warst, und merke: So geht es nicht weiter. Das ist eigentlich oft der Startpunkt. Um dann gemeinsam dahin zu schauen und zuzuhören – das ist eines meiner Talente, da sehr spezifisch zuzuhören und auch zu fragen. Und am Ende dieses Prozesses entwickle ich für die Menschen, die mir ihre Geschichte anvertrauen, eine Zeichnung, die die Essenz von all dem, was wir da besprochen haben, beinhaltet – wie so eine Art Visionsbild, das meine Klientinnen in die Zukunft lockt. Eine Klientin hat mal gesagt: Das ist so ein bisschen, was du da gemacht hast, wie so ein übergroßer Pullover, in den ich jetzt hineinwachsen darf. Und das ist das, was ich unter kreieren verstehe. Ich unterstütze, indem ich rausfilter, was ich spüre – also auch die Schönheit der Worte und diese Nebensätze, wo etwas zum Vorschein kommt, was die Person im ersten Moment gar nicht greifbar hat. Und das packe ich dann auch noch in ein Bild, in eine – ich nenne das Essenzzeichnung –, die ganz persönlich für diese Person ist.

    Jana: Die Menschen, die zu dir kommen – was hindert die eigentlich am meisten? Pflichten, Erwartungen oder der eigene Kopf? Oder ist es einfach eine Entwicklung innerhalb ihres Alters?

    Angelika Bungert-Stüttgen: Alles von dem, was du gesagt hast. Also es ist eigentlich dieses Portfolio – was du auch über Schönheit gerade gesagt hast, das ist mal ein ganz großes Bild. Und das ist nicht so: Ich mache jetzt eine Ausbildung zu XYZ und da fange ich bei A an, sondern das ist ein ganz großes Gefühl von: Hier stimmt was nicht – oder hier ist es schön, oder es ist nicht schön. Also diese Gegensätze. Und dieses Gefühl wird immer wieder vom Alltag zugekleistert. Es hat nicht die Priorität, obwohl es im Untergrund mitschwingt. Und ich kenne dieses Gefühl gut, das hatte ich am Anfang auch. Tatsächlich ist es dieses: Ich glaube, ich bin betriebsblind. Kannst du da mal mit einem anderen Auge draufschauen, mir zuhören und da mal eine Sortierung machen? Und das Bild ist so eine Art Verlockung, ein Anker in die Zukunft. Und lustigerweise ist es ja so: Den Weg in deine Veränderung gehst du ja selber.

    Jana: Ja, deswegen finde ich dieses Bild auch unglaublich stimmig – zu sagen, dass eine Kundin von dir sagte, du hättest ihr einen übergroßen Pullover gestrickt und jetzt darf sie da hineinwachsen. Das enthält ja auch schon wieder den Raum als Bild. Der Raum ist erst mal noch gar nicht gefüllt. Und ich darf ihn jetzt füllen und hineinwachsen und dadurch natürlich auch größer werden. Also da spielt Psychologie eher genauso eine Rolle – ja, wahrscheinlich sogar die entscheidende Rolle – wie die äußerliche Fülle. Ich weiß nicht, ob wir das immer unbedingt wollen.

    Angelika Bungert-Stüttgen: Ja, es ist halt dadurch nicht vorgegeben: Du musst diesen Weg gehen – sondern das ist eher so ein: Lass dich darauf ein, so ein mäandernder Weg, der dich vielleicht auch ganz woanders rausführt. Und das finde ich daran so spannend. Also wenn du mir am Anfang, als ich angefangen habe, mir über Freiraum Gedanken zu machen, gesagt hättest, dass ich mit einem Wohnmobil unterwegs bin, dann hätte ich gesagt: Du spinnst. Und das ist aber Teil von diesem Prozess, weil alle Puzzleteile dann für mich zusammenpassten und ich wusste: Das ist die Antwort auf meine Sehnsucht nach einem Haus am See. Ich habe ja nun leider kein Haus am schönen Kap Arkona. Du weißt eben nicht, wo du rauskommst. Es geht darum, dieses Gefühl einzufangen und ihm Raum zu geben und zu sagen: Wenn mich das so beschäftigt, was passiert denn, wenn ich mir das zugestehe? Was passiert denn – weil ich finde das so schön, dass du die Pressesprecherin der Schönheit bist –, was passiert denn, wenn ich mal anfange, mich mit Schönheit zu beschäftigen? Was kommt da hinzu? Und wenn wir das Gespräch in drei Jahren nochmal führen, dann hast du ganz andere Facetten von Schönheit eingesammelt als heute. Und so ist das mit dem Freiraum auch.

    Jana: Ich bewundere es, dass du immer wieder mit deinem Freiraumbus unterwegs bist – ein kleines Mini-Haus im Gegensatz zu dem großen Haus am See beziehungsweise dem großen Haus am Meer, in dem ich immer wieder sein darf. Ich bewundere das deshalb, weil ich mir die Kleinheit dieses Busses schwierig vorstelle – in einem so winzigen Raum mit meinem Leben zu leben. Also erzähl mir doch mal ein bisschen aus dem Alltag deines Freiraumbus-Daseins – du hast sogar ein ganzes Buch daraus gemacht. Wie kam es dazu?

    Angelika Bungert-Stüttgen: Ja, das sind ja zwei Themen. Also das eine ist das Haus am See, was ich mir gewünscht hatte, so als spirituellen Ort – was der Anfang meiner Geschichte ist. Das gab es nicht. Also das konnte ich mir nicht leisten, und daraus wurde ein Haus am See auf Rädern. Und weil ich die Geschichte, wie ich zu diesem Haus gekommen bin, gerne erzählen wollte – ich dann aber in meinem Leben die Geschichte im Umfeld meiner damaligen Beziehung nicht so erzählen durfte als Buch, ich wollte das damals schon als Buch machen –, ist daraus ein Comic geworden, eine Comic-Biografie. Weil ich ja als Innenarchitektin und generell in meinem Leben immer gezeichnet habe. Und deswegen habe ich gedacht: Na ja, wenn du das nicht in Worte fassen kannst, aus Gründen, dann fasst du es halt in Bilder. Und letztlich war das auch ein ganz wesentlicher Punkt: dass ich zu meinen Wurzeln zurückgekehrt bin. Ich habe immer viel gezeichnet, und für mich war das ein Tool, was ich ganz normal fand – ein Standard-Tool. Das haben aber nicht alle so eingebaut. Und dann habe ich gedacht: Das war wie so eine Initialzündung. Das ist die Antwort darauf. So kann ich das erzählen, ohne dass ich jetzt Befindlichkeiten betrete. Das ist die eine Sache, warum das Buch entstanden ist. Und das andere war deine Frage nach: Wie ist das in so einem kleinen Auto? Und da habe ich gemerkt: Was ist denn das, was wichtig ist für mich? Also es ist ja nicht wichtig, mit 15 verschiedenen Porzellansorten durchs Leben zu gehen, sondern es ist wichtig, dass ich meinen Kaffee aus einer schönen Tasse trinke. Und dann habe ich festgestellt: Es ist auch wichtig, wo ich meinen Kaffee trinke. Dieser eine Melaminbecher mit einem schönen Kaffee drin, mit Blick auf den Strand – oder abends mit einer Plastikschüssel Abendessen im Stuhl sitzen und auf den Sonnenuntergang gucken. Das ist etwas, was mich total nährt. Das ist für mich Schönheit, das ist für mich Freiraum, das ist seelenwärmend. Und ich habe festgestellt: Ich brauche weniger von diesem Zeug und mehr von dieser Seelenzeit. Und dann habe ich festgestellt: In so einem kleinen Auto muss ich mich ja entscheiden, was mitfährt. Du denkst immer, man braucht zu viel – aber du brauchst ja nicht so viel. Und das andere ist: Das Auto kann nicht weiterfahren, wenn die Sachen nicht verräumt sind. Du kannst nicht sagen: Ich stapel jetzt mal das ganze Gespülte, sondern du musst es spülen, einpacken – und dann kannst du weiterfahren. Also ich habe mich tatsächlich minimiert und mich auf das konzentriert, was für mich wesentlich ist. Das ist eigentlich auch ein Teil von diesem Freiraumprozess. Ich bin dann von einem Atelier, das ich tatsächlich in München hatte, auf ein digitales Atelier umgestiegen. Ich habe ein iPad und zeichne digital, sodass ich jetzt mit so einem kleinen Tablet eine ganze kreative Welt mit mir rumtrage. Und das war auch so ein Prozess: mich zu minimieren und gleichzeitig meine kreative Welt zu explodieren, also auszuweiten. Ich kann es gar nicht beschreiben. Es war ein unfassbar intensiver Prozess.

    Jana: Das ist gerade ein ganz, ganz interessanter Gedanke – in dem Moment, wo du von Freiraum und Minimieren sprichst. Weil ich habe dich ja nach dem Auto wirklich gefragt, weil ich mich immer wieder hinterfrage. Ich möchte auch gerne an anderen Stränden sein. Ich bin halt immer wieder am gleichen Strand, obwohl ich das nie langweilig finde. Und immer wieder im gleichen Haus. Und ich empfinde es als enorme Freiheit, den Ort wechseln zu können und immer wieder Neues sehen zu können. Und insofern finde ich das Wort Freiraum ganz spannend – um mal auf die Sprache zu kommen –, weil ich persönlich mit Raum denke. Raum ist für mich Freiheit, Größe und Platz. Und das ist, wo ich mich ausdehnen kann. Und das Auto oder das Haus auf vier Rädern ist ein sehr komprimierter Raum. Ich könnte ja jetzt mal auf Hermine und ihre Tasche in Harry Potter zurückkommen – oder ihr Zelt oder was auch immer das ist, wo plötzlich ganz viel da ist, weil man da reingegangen ist. Es wäre echt genial, so ein Auto zu haben. Aber im ersten Moment hätte ich gedacht, es ist ein ganz großer Widerspruch zu sagen: Ich spreche von Freiraum und erschaffe mir den Freiraum, indem ich mich reduziere – erstens durch äußerliche Dinge, also durch die Dinge, mit denen ich mich umgebe, und dann eben auch mit tatsächlich kleinerem Raum. Du hast das gerade ausgeführt und ich finde das total schön. Und ich finde, da gibt es übrigens auch ganz viele Parallelen zur Schönheit insgesamt – dass die Schönheit ja ganz viel mit uns im Innen zu tun hat, nicht so sehr mit dem Außen, sondern eher mit unserer Wahrnehmung. Dein Freiraum ist, wenn ich dich richtig verstehe, nicht an Raum gebunden, sondern an Haltung.

    Angelika Bungert-Stüttgen: Ja, der Freiraum ist an Haltung gebunden, das ist richtig. Und er ist trotzdem an dieses Auto gebunden. Also das Auto ist wie so ein – es ist so klein, und das ist trotzdem, ich sage immer, mein rollendes Schneckenhaus. Das ist meine mitfahrende Kontinuität, die mir erlaubt, an unterschiedlichen Orten, auch bei unterschiedlichen Menschen einzutauchen, weil ich eine Kontinuität immer mitfahre. Und da musste ich für mich definieren, dass ich diese Ruhe brauche. Also das ist für mich die große Schönheit an diesem Auto: Es ist mein Bett, mein Kaffee, mein Kopfkissen, und es ist mein Setting, egal wo dieses Auto steht. Und das ist für mich ein unfassbar großer Raum – dass ich diese mitreisende Sicherheit habe, damit ich das erstöbern kann, was meine Seele gerne möchte. Also schöne Strände, Begegnungen mit Menschen. Dadurch, dass das Auto immer mein Rückzugsort ist, ist da eine ganz große Kontinuität drin.

    Jana: Könntest du dir auch vorstellen, immer in einem solchen Auto zu leben? Oder ist genau der Wechsel – auch einen tatsächlichen Wohnort zu haben – Teil des Ganzen?

    Angelika Bungert-Stüttgen: Also das ist eine gute Frage. Die habe ich mir im letzten Jahr intensiv gestellt, weil ich mich ja nach 38 Jahren von meinem Mann getrennt habe. Und da habe ich mir wirklich die Frage gestellt: Kann ich mein Leben so minimieren, dass ich in dieses Auto ziehe? Komplett – und vielleicht noch irgendwo einen kleinen Keller habe und meine restlichen Sachen unterbringe. Ich habe mich am Ende dagegen entschieden, weil ich gemerkt habe: Ich brauche einen Ort, von dem aus ich starten kann. Aber ja, ich habe im letzten Jahr mein Leben wirklich so minimiert, dass auch der neue Ort, an dem ich jetzt wohne, sehr minimalistisch ist. Weil – und das ist so ein Prozess, den ich schon lange in meinem Leben habe –: Ich weiß, dass wir am Ende des Lebens in die letzte Schachtel – da sind keine Regalböden drin. Wir können nichts mitnehmen. Und ich beobachte in meinem Umfeld so viele Menschen, die mit einem hohen Maß an materiellen Dingen unterwegs sind. Das braucht halt viel Zeit, Sachen zu pflegen. Und die habe ich nicht. Ich habe mich ganz klar gegen Pflanzen entschieden – ich bin schlecht in Pflanzenpflege, bin viel unterwegs, und alles, was ich habe, muss ich auch pflegen. Das heißt, ich habe den Freiraum, morgen zu entscheiden: Ich fahre los. Und das Auto steht da, ist in der Regel mit einer Grundausstattung gepackt. Ich stelle fest: Das, was ich schön finde und was mich nährt, das ist eben, im Freiraum unterwegs zu sein – an schönen Stränden, in wunderbare Begegnungen einzutauchen, und alles, was mich jetzt beruflich ausmacht, dabei zu haben. Ich habe kein stationäres Atelier mehr und habe das so ausgerichtet, dass ich das da machen kann, wo ich bin. Und das ist für mich eine unfassbare Freiheit. Da ist eine Freiheit im Außen entstanden, weil ich mich im Inneren reduzieren kann.

    Jana: Ja.

    Angelika Bungert-Stüttgen: Und nichts vermissen.

    Jana: Da kommen gleich 100 Fragen in mir hoch. Die eine Feststellung ist ja etwas, was ich auch extrem schätze – die moderne Technik. Und ich glaube, das spricht auch aus dir, wenn du von dem Tablet erzählst und davon, dass du mit wenigen Handgriffen alles mitnehmen kannst, um deine Arbeit trotzdem machen zu können. Das geht mir ganz genauso. Ich arbeite im Haus am Meer genauso wie hier in Berlin. Andererseits – da wir ja beim Thema Schönheit sind – stelle ich immer wieder fest: Ich muss jetzt mal ein bisschen wohnen. Also ich bin in meiner Wohnung hier gerne in der Küche, ich koche gerne, ich mag mein Arbeitszimmer sehr. Ich freue mich, wenn die Katze sich zu mir gesellt, und dann sitze ich. Und das sind unfassbar schöne und wertvolle Momente für mich, wenn ich einfach da bin und mich daran freue – an den vielen Büchern, an dem Ort, an dem ich bin, an dem, was mir vertraut ist, wo ich sein kann. Und das geht mir im Haus am Meer auch so. Es ist mein Zuhause. Auch da sitze ich manchmal – wenn mich jemand fragt, was machst du denn gerade, kann es schon mal passieren, dass ich sage: Ich wohne. Gerade eben. Und das finde ich sehr schön. Nun hast du ja immer wieder von den Sonnenuntergängen gesprochen, geschrieben auch, beziehungsweise Bilder veröffentlicht. Ist das dein Wohnen? Würdest du das damit vergleichen? Oder brauchst du manchmal doch auch dieses Zuhause-Ankommen, auch wenn es noch so reduziert ist, um dich zurückzubesinnen, zu erden?

    Angelika Bungert-Stüttgen: Das ist eine Frage, die sich gerade in meinem Leben verändert. Dadurch, dass ich ja jetzt in einen Ort zurückkehre, der neu ist für mich und in dem ich jetzt auch alleine lebe, ist das nochmal anders geworden. Das ist jetzt ein Ort, der so ist, wie ich das gestaltet habe. Das tut mir tatsächlich gut, und da erde ich mich. Und ich merke, dass sich meine Art zu reisen in diesem Jahr, oder seit ich getrennt bin, verändert hat. Also ich gehe ganz anders los und komme auch ganz anders zurück. Diese Freiheit, gerade am Meer zu sein – das ist für mich schon ein Raum. Das ist so ein Genussraum, sage ich jetzt mal. Ein Schönheitsraum – am Abend zu sagen: Wie viel Uhr haben wir eigentlich? Wann geht die Sonne unter? Schnapp mir meinen Stuhl, mach es mir kuschelig – es wird ja abends oft kühl –, setze mich an den Strand und denke: Wow, was für ein Geschenk. Und das ist ja auch jeden Abend anders. Ja, ich glaube, die Grundfrage ist zu beantworten, und da gibt es keine Standardantwort, weder bei der Schönheit noch beim Freiraum. Was ist es denn für dich?

    Jana: Ja, das gibt es ganz und gar nicht, also überhaupt nicht. Das ist sehr, sehr individuell.

    Angelika Bungert-Stüttgen: Genau, und das kann auch stimmungsabhängig sein. Es kann sein, dass ich das manchmal kann und manchmal nicht.

    Jana: Ja, und es kann auch sein, dass dir jemand sagt: Das finde ich voll langweilig. Wo ist dann der nächste Fernseher? Oder wann kann ich ins Kino gehen? Und du findest, das ist Kino pur.

    Angelika Bungert-Stüttgen: Es gab Menschen, die haben gesagt: Was machst du denn den ganzen Tag – als ich den ganzen Sommer an diesem Lieblingsstrand verbrachte? Ich sage: Ich finde das großartig befreiend und voller Schönheit, an den Strand zu gehen und nur noch die Frage zu beantworten, gehe ich nach links oder nach rechts oder alternativ mitten rein ins Wasser. Das macht mir so eine Seelenruhe. Ich kann total gut verstehen, dass andere das anders brauchen. Und da kommen wir zu einem wesentlichen Thema dahinter, das betrifft wirklich den Freiraum und auch die Schönheit gleichermaßen: Was ist es denn für dich? Und diese Frage beantworten viele Menschen nicht – die folgen einem Mainstream. So macht man das, so geht Urlaub. Aber die Frage, was ist es für mich, habe ich beantwortet. Für mich ist das tatsächlich Luxus.

    Jana: Interessant, weil ich denke: Wenn wir wirklich mehr Freiraum hätten als Menschen beziehungsweise uns nehmen würden, dann ist das gar nicht eine Frage des Luxus, sondern es wäre viel spannender zu fragen: Was verändert sich, wenn das ein Normalzustand ist? Wobei man natürlich einschränkend sagen muss: Wir beide haben den Luxus – oder wir haben es uns erschaffen. Das ist natürlich einfach auch eine andere Betrachtungsweise, arbeiten zu können, wo wir wollen und auch wann wir wollen. Also ich bin selbstständig, du bist selbstständig, wir entscheiden. Und das kann nicht jeder – wenn ich in einem Krankenhaus oder in einem Kindergarten oder in einer Schule oder in einem Werk arbeite, dann bin ich schon mal an den Ort gebunden. Und trotzdem ist ja Freiraum etwas, was letzten Endes im Kopf entsteht. Ich habe übrigens im Vorfeld, in der Vorbereitung unseres Gesprächs, noch mal wirklich intensiv darüber nachgedacht: Was ist denn Freiraum für mich? Und bin darauf gekommen, dass das am allerstärksten ausgedrückt wird durch ein Volkslied, durch ein deutsches Volkslied – und zwar: Die Gedanken sind frei. Kennst du das?

    Angelika Bungert-Stüttgen: Kenn ich, ja.

    Jana: Und da ist nochmal so diese Frage: Ist Freiraum eigentlich eher eine innere Angelegenheit oder eine äußere? Da beißt du dir ja ein bisschen in den Schwanz. Ich glaube, du wirst jetzt sagen: beides.

    Angelika Bungert-Stüttgen: Ja, wie ahntest du das? Ich würde sagen, es ist ein Dialog. Weil ich mich den Freiräumen in meinem Inneren widme und sage: An der und der Stelle merke ich, da darf ich was verändern – das hat Wechselwirkung auch nach außen. Wenn ich mich aus einem ganzen langen Leben verabschiede und sage, das brauche ich alles gar nicht mitnehmen, und das wegtue oder zurücklasse, dann habe ich mir Freiraum im Außen geschaffen, der wiederum darauf wirkt, dass ich im Innen merke: Ach, ich brauche das ja gar nicht mehr. Also es ist – ich habe am Anfang mal gesagt, das ist so ein bisschen, du wirst danach süchtig, im guten Sinne. Du fängst an und stellst fest: Jetzt bin ich auf dieser Entwicklungsebene angekommen in meinem Freiraum, und dann ist die nächste Möglichkeit da. Also ich glaube, das ist ein Prozess, der nie zu Ende sein wird und der natürlich auch altersspezifisch sich nochmal ändern und wandeln wird. Ich weiß ja nicht, ob ich das den Rest meines Lebens machen kann, so ein Auto zu fahren. Deswegen wird da immer eine Justierung sein. Aber ich merke, dass ich immer konsequenter werde, was das angeht, meinen eigenen Freiraum ernst zu nehmen. Und da kommen wir zu einem ganz wichtigen Thema. Nur weil für mich das Freiraum ist, oder du das als Schönheit betrachtest, ist das für andere Leute nicht nachvollziehbar, zum Teil. Und das ist in Ordnung so. Wir könnten eine Gesellschaft werden – und dafür trete ich an –, in der ganz, ganz viele unterschiedliche Freiräume und ganz, ganz viele Betrachtungsweisen von Schönheit nebeneinander wirken dürfen und wir uns da entweder inspirieren oder im Zweifelsfall auch einfach nur aushalten und sagen: Ach, so wie diese Person das sieht, interessant – ist jetzt nicht so mein Weg. Und dann ist das auch gut. Also ich muss da keinen bekehren. Ich will im Übrigen auch nicht, dass alle Menschen Wohnmobil fahren. Ich möchte einfach nur, dass wir anfangen, die Frage zu stellen: Ist es denn wirklich gut für mich? Ist es mein Weg? Oder ist es der Weg, den man mir vorgezeichnet hat? Der war schon immer so, so macht man das, was sollen die Leute denken? Diese ganzen Themen kommen tatsächlich immer wieder – auch wenn ich mit meinen Büchern auf Lesereise bin –, immer wieder. Und ich sage dann: Wenn dieses Gefühl kommt, fang an, dir die Frage zu stellen: Was ist es denn für dich? Das ist der Anfang von jeder Freiraumgeschichte. Und von jedem Schönheitsweg ist genau diese Frage der Anfang: Was ist es für mich? Und dann erst entwickelst du dich.

    Jana: Und du hast im Grunde genommen meine Frage vorweggenommen – beziehungsweise ich wollte noch mal einen Themenwechsel anstreben, den du jetzt schon getan hast. Und zwar behaupte ich, dass Schönheit eine gesellschaftliche Kraft ist. Und ich wollte dich fragen, ob Freiraum das ebenfalls ist. Aber das hast du gerade schon gesagt: Freiraum ist eine gesellschaftliche Kraft. Davon bin ich auch ganz tief überzeugt, weil es in dem Moment, wo ich mir meiner selbst bewusst werde – entweder über meinen persönlichen Freiraum, also den Raum, Entscheidungen treffen zu können und auch immer wieder treffen zu können –, sowohl was mit meiner eigenen Freiheit als auch mit der Schönheit zu tun hat, aber eben auch mit der Gesellschaft. Denn in dem Moment, wo ich in der Lage bin, eigene Entscheidungen für mich zu treffen, kann ich auch viel toleranter sein den Entscheidungen anderer gegenüber. Davon bin ich auch überzeugt. Aber nochmal genau auf den Punkt gefragt: Denkst du, dass Freiraum eine gesellschaftliche Kraft hat?

    Angelika Bungert-Stüttgen: Ja, ich denke, dass wir – wenn wir alle, jeder für sich, mehr durch den Blick auf den eigenen Freiraum in seiner, in ihrer inneren Mitte ankommen, denn darum geht es ja am Ende – dann auch miteinander wohliger unterwegs sind.

    Jana: Toleranter wahrscheinlich.

    Angelika Bungert-Stüttgen: Toleranter, ja. Also es ist tatsächlich mein Anliegen. Ich glaube, dass Freiraum eine gesellschaftliche Kraft ist, wenn du das jetzt so sagst, weil wir so eine So-macht-man-das-Haltung entwickelt haben. Und je länger ich mit meinem persönlichen Weg unterwegs bin, merke ich: Ich kann das so tun, es stört keinen, es macht keine Grenzen von anderen kaputt, und es tut mir wohler. Und das meine ich damit. Also dieses Mal-fragen: Kann ich denn auch im Rahmen meiner eigenen Möglichkeiten Dinge anders gestalten, dass es mir näher kommt? Und das müssen nicht immer die großen Sachen sein, sondern es können eben diese vielen kleinen Stellrädchen sein – wie bei so einer guten Uhr –, und dann erst, dann bewegt sich das. Und wenn du da einmal angefangen hast, dann denke ich: Wenn ich das kann, dann kann ich ja das auch. Und wenn ich es schaffe, in so einem Auto unterwegs zu sein – also in meinem Leben haben sich ganz viele Dinge verändert, weil ich einmal angefangen habe. Und wenn du mir vor zwölf Jahren gesagt hättest, wo ich heute stehe, hätte ich gesagt: Niemals.

    Jana: Das ist eine ganz wunderbare Feststellung, die du jetzt gerade triffst. Und ich glaube, ich möchte es damit belassen. Jetzt an dem Punkt in unserem Gespräch – wir haben mit Sicherheit ganz, ganz viele Themen, über die wir uns unterhalten könnten. Liebe Angelika, ich habe in allen meinen Interviews ein Quiz.

    Jana: Und die Herausforderung besteht darin, dass du die Fragen, die ich dir jetzt stellen werde – zwölf Fragen im Allgemeinen, manchmal mehr –, nur mit Ja oder Nein beantworten darfst. Also ich bitte dich sehr darum, keine Diskussion aufzumachen. Ein Quiz: Ist das schön? Findest du das schön, Angelika?

    • Ist es schön, allein in einem Bus zu schlafen? –> Ja.
    • Ist ein leerer Kalender schön? –> Ja.
    • Findest du Skizzen schöner als fertige Bilder? –> Ja.
    • Ist es schön, kein festes Ziel zu haben? –> Auf jeden Fall.
    • Findest du Langsamkeit schön? –> Ja!
    • Ist es schön, Nein zu sagen? –> Ja, auf jeden Fall.
    • Findest du es schön, jemanden anzurufen, den du lange nicht gesprochen hast? – Ja.
    • Ist ein gefüllter Notizblock schön? –> Ja.
    • Findest du es schön, dich zu verirren? –> Nein.
    • Findest du Grenzen schön? –> Ja.
    • Ist es schön, etwas nicht fertig zu machen? –> Jein. Mehrheitlich ja.
    • Interessant, ne? Findest du einen grauen Himmel schön? –> Ja.
    • Ist Stille schön? –> Auf jeden Fall.
    • Und die letzte Frage: Ist Freiraum schön? –> Unbedingt. – Das war kein Ja! –> Ja!

    Jana: Zum Abschluss eine Frage, die ich auch allen meinen Gästen stelle. In einem Satz formulieren: Was findest du an deiner Arbeit schön?

    Angelika Bungert-Stüttgen: Die unfassbare Kreativität, die ich ausleben darf. Ja, das ist toll.

    Jana: Ein schöner Schlusssatz. Liebe Angelika, ich danke dir für dieses Gespräch über freien Raum, den ich persönlich mit Freiheit übersetze.

    Angelika Bungert-Stüttgen: Danke, dass ich da sein durfte, liebe Jana. War das schön?