Ist das schön?!
Der Podcast über die Kraft, die im Schönen steckt.
Episode #13 | 15. Mai 2026
Schön, dass wir streiten.
Christiane Yavuz über Konflikte als Wegweiser, Ambiguitätstoleranz als Superkraft und den Cocktail aus Wut, Neugier und Mut
Konfliktliebe. Das klingt erstmal nach einem Widerspruch. Oder nach jemandem, der streiten einfach mag. Aber was, wenn Konflikte genau das sind, was uns den Weg zeigt – zu uns selbst, zu anderen, zu dem, was wirklich zählt?
Christiane Yavuz weiß, wie das geht. Sie ist Mediatorin, Recovering Harmony Addict (ein Begriff, den ich erst einmal mit ihr klären musste) und sie behauptet, Haltung zu Konflikten, sei wie einen Cocktail zu mischen: Wut, Neugier, Ambiguitätstoleranz. Wobei jede Zutat hat ihre Zeit! Aber ist das auch schön? Ich wollte das wissen.
Im Quiz stelle ich Christiane auch die Frage, ob sie es schön findet, sich zu entschuldigen. Ihre Antwort kommt nicht schnell und ist nicht die, die ich erwartet hatte. Wie würdest du sie beantworten?
Christiane Yavuz
Christiane Yavuz ist Dipl.-Sozialpädagogin, Familienberaterin und Mediatorin aus Mannheim und beschreibt, was sie tut, gern als Haltungstraining. Ihr Herzensthema ist die Konfliktliebe: die Überzeugung, dass Konflikte zu Unrecht einen schlechten Ruf haben, sondern oft der Anfang von emotional gesunder Klarheit sein können – wenn wir sie gestalten.
In ihrer Beratungspraxis arbeitet sie mit Familien an kleinen und großen Konflikten, besonders an transgenerationalen Dynamiken und an der Frage, wie zwischen den Generationen mehr Verständnis füreinander und tragfähige Beziehungen auf Augenhöhe entstehen können. Parallel trainiert sie pädagogische Fachkräfte in Konflikthaltung: weniger Tools, mehr innere Bewegungsfähigkeit im Alltag mit Kindern, Eltern und Teams.
Im Mai 2025 ist ihr Buch Tochter sein auf Augenhöhe im Kösel-Verlag erschienen; auch ein E-Mail-Paket zur Stärkung der erwachsenen Tochterschaft bietet sie an.
Website: https://www.christianeyavuz.de/
Buch: https://www.penguin.de/buecher/christiane-yavuz-tochter-sein-auf-augenhoehe/paperback/9783466348329
E-Mail-Kurs für erwachsene Töchter: https://www.christianeyavuz.de/klaregrenzen
Instagram: https://www.instagram.com/family.needs.balance/
LinkedIn: https://www.linkedin.com/in/christiane-yavuz-a26ba5220/
Transkript
Jana: Es gibt Menschen, die haben verstanden, dass der erste Schritt zur Veränderung nicht Mut ist, sondern Ehrlichkeit. Mein heutiger Gast begleitet Menschen durch das, was die meisten lieber vermeiden: Konflikte. Konflikte in Familien, in Beziehungen und auch zwischen Müttern und Töchtern. Sie nennt sich selbst eine Recovering Harmony Addict. Jemand, der die Harmoniesucht kennt und irgendwann begriffen hat, dass Konfliktfreiheit keine Ruhe ist, sondern eine Erschöpfung auf Raten. Und heute sagt sie: Konflikte weisen uns den Weg. Ob das auch schön ist, das fragen wir gleich gemeinsam. Herzlich willkommen, Christiane Yavuz.
Christiane Yavuz: Hallo Jana.
Jana: Ich freue mich, dass du da bist, weil ich bin eine sogenannte Harmoniesau und habe Konflikte gescheut. Also ganz doll. Aber mal schauen, wo wir da jetzt heute hinkommen. Du arbeitest ja täglich mit Konflikten. Was ist das eigentlich, ein Konflikt? Woran erkenne ich, dass ich mitten in einem drinstecke?
Christiane Yavuz: Ich glaube, die meisten erkennen es daran, dass es sich erst mal unwohl anfühlt und nicht angenehm. Also ich glaube, wenn wir drinstecken, dann ist es erst mal ein unangenehmes Gefühl. Und wir merken: Oha, das stimmt gerade nicht. Aber auf welcher Ebene, das kann ganz unterschiedlich sein. Aber ich würde es erst mal mit etwas Unangenehmen verbinden. Und das sehe ich auch jeden Tag bei den Menschen.
Jana: Gibt es denn da auch Konflikttypen oder einen bestimmten Konflikttyp, dem du immer wieder begegnest und wo du dich innerlich aber auch ein bisschen amüsierst?
Christiane Yavuz: Auf eine ganz liebevolle Art amüsiere ich mich tatsächlich ein bisschen drüber, weil ich natürlich so ein bisschen die Konflikttypen wahrscheinlich auch anziehe, die ich selbst am besten kenne und auch selbst eigentlich noch bin, wie du es gerade gesagt hast: also so eine Harmoniesau. Ich würde mich auch als Harmoniesau immer noch bezeichnen, weil ich natürlich irgendwie an der Harmonie auch hänge. Und das ist ein besonderer Typ an Konfliktbegegnung bei Menschen, die nie wirklich gelernt haben, Konflikte auszutragen oder sie eben nicht als Bedrohung zu sehen.
Jana: Ich glaube, dass die Bedrohung tatsächlich auch wirklich ein ganz wesentlicher Bestandteil ist. Wann gehen wir Dingen aus dem Weg? Wenn wir uns bedroht fühlen, wenn wir Angst bekommen und nicht mal nur so ein Unwohlsein haben, sondern irgendwie so eine Anspannung. Gibt es eigentlich Konflikte oder Gedanken von Menschen, wo du denkst: Das ist ein Irrtum? Das ist gar kein Konflikt?
Christiane Yavuz: Als Irrtum würde ich es gar nicht groß bezeichnen, aber ich glaube, oft liegt der Konflikt, der eigentliche Konflikt, woanders als das Anliegen oder das Thema, mit dem jemand vielleicht gekommen ist. Also gerade in Familienkonstellationen: oft kommen Eltern, die – ich sag mal – das Kind als Problem oder als Konfliktherd sehen, und eigentlich liegt das Thema aber vielleicht woanders.
Jana: Ja, da würde ich ja sogar weitergehen und sagen, das Problem liegt in den seltensten Fällen beim Kind.
Christiane Yavuz: Genau, das ist noch mal ein Problem. Ja, würde ich auch unterschreiben, meistens.
Jana: Wenn ich mir deinen Werdegang angucke – ich habe mir mal deine Website angeguckt, die ja sehr umfänglich ist und auch sehr schön zeigt, wie dein Werdegang war. Du warst über zehn Jahre bei Jugendschutznet tätig und hast dich irgendwie auch mit den Abgründen des Internets konfrontiert. Hat das was mit dir gemacht?
Christiane Yavuz: Ja, auf jeden Fall. Also es hat vielleicht nicht das mit mir gemacht, was man erwarten würde. Also wenn man sich so mit den Untiefen des Internets befasst – ob das jetzt sexualisierte Gewalt oder Gewalt oder Essstörungen, was auch immer, also alle möglichen Themen, die so schwierig sein können –, das hat mich so ein bisschen ins Zweifeln an der Menschheit kommen lassen. Also ich glaube, das war so das, was es mit mir gemacht hat, wo ich irgendwann auch aufpassen musste, dass es nicht mein komplettes Menschenbild in eine wirklich schwierige Richtung bringt und einen Herzzweifel erzeugt. Also wenn man jeden Tag mitkriegt, zu was Menschen fähig sind, dann fragt man sich manchmal schon – oder verliert aus dem Blick –, zu was sie eben auch im Positiven fähig sind.
Jana: Ja, ich hatte mich auch tatsächlich gefragt, ob dich genau diese Arbeit zur Harmoniesucht geführt hat oder ob du das schon vorher warst. Ich vermute ja, du warst das schon vorher.
Christiane Yavuz: Ja, das ist eher so aus der Kindheit mitgebracht.
Jana: Ja, ich glaube, das ist überhaupt so ein sehr tief in der Kindheit schon fest verankertes Thema. Also wie gehe ich als Kind mit Konflikten um und wie trage ich das dann in mein Erwachsensein weiter. Und im Grunde genommen komme ich da ja auch tatsächlich auf deine Arbeit, die du auch heute machst. Du arbeitest als Mediatorin und hast es auch eben viel mit Familien zu tun. Und du hast im vorigen Jahr ein Buch herausgebracht, und zwar: Tochter sein auf Augenhöhe. Da geht es ja um die Tochter-Mutter-Beziehung, und gerade diese Beziehung trägt oft tiefe Wunden in sich. Also ich spreche da auch ein bisschen aus eigener Erfahrung. Ich glaube, jede Frau hat ihre eigenen Erfahrungen. Und Tochter ist man, dann bleibt man ja immer, egal wie alt die Mutter ist. Das ist auch eine sehr interessante Erfahrung. Nichts davon ist etwas, das wirklich lange wehgetan hat und ich erst jetzt im Erwachsensein – vielleicht sogar schon im älteren Erwachsensein – anfange anzugucken und mich damit zu beschäftigen. Kann das dann schöner werden, oder bleibt immer eine schmerzhafte Narbe in diesen Konflikten?
Christiane Yavuz: Ich glaube, es kann auf jeden Fall immer schöner werden bei dem Thema Mutter-Tochter-Beziehung, wenn ich hingucke. Und das hat eben auch was damit zu tun – und ob ich – klar, das hat immer was damit zu tun: Habe ich auch gerade die Kraft und Ressource dazu, hinzugucken? Und es gibt Phasen, da ist es vielleicht nicht drin. Aber wenn ich hingucke, und das ist das, wozu ich auch mit dem Buch versuche zu ermutigen – also die Angst davor hinter sich zu lassen und einfach offen hinzugucken und sich so ein bisschen da rauszuschälen und auch den Gewinn zu erkennen, den man in der Mutter-Tochter-Beziehung finden kann. Auch wenn es Wunden gibt oder schmerzhafte Erfahrungen gibt. Und gerade weil es eben so eine prägende Beziehung ist, wäre es ja fast schon wirklich verschwenderisch, wenn ich sage, ich nutze das nicht. Also jeder von uns hat diese Beziehung, egal in welcher Ausprägung. Und das war so mein Wunsch oder mein Ansatz. Deswegen: Lasst uns das doch nutzen, um in die eigenmächtige Gestaltungskraft zu kommen.
Jana: Du begleitest das ja auch. Beziehungsweise das Buch ist ja aus deiner Arbeit heraus entstanden. Gibt es Angebote, die du hast? Machst du das ausschließlich in 1-zu-1-Angeboten oder gibt es da sogar irgendwelche anderen Kurse oder sowas? Wie ist eigentlich der Weg, wenn ich mit so einem Konflikt zu dir komme?
Christiane Yavuz: Das kommt immer auch darauf an: Will ich den Weg gerade alleine gehen? Oder ist es vielleicht auch so, dass ich mit meiner Mutter zusammen – oder dass die Mutter vielleicht auch selbst auf mich zukommt und sagt: Hier, mit meiner Tochter ist der Kontakt gerade ganz schwierig, wir wollen gemeinsam da mal hingucken. Also das ist auch immer möglich, zusammen daran mediativ zu arbeiten. Das setzt natürlich voraus, dass das beide auch wollen. Also ich kann niemanden hinschleppen zu einer Mediation. Und ansonsten ist die Frage auch, wie will ich damit arbeiten? Also ich biete sowohl 1-zu-1-Termine an, auch Online-Beratungen, Mediation. Wer das aber lieber vielleicht auch für sich machen will, kann auch klar mit dem Buch weiterkommen oder das auch als E-Mail-Begleitung in Anspruch nehmen und dann in unregelmäßigen Abständen über einen gewissen Zeitraum eine reflexionsbegleitende Unterstützung per Mail bekommen.
Jana: Ah, das ist ja spannend. Gab es schon Momente, wo du selbst – als begleitende, außenstehende Person – gemerkt hast, dass es tatsächlich besser ist, wenn die Beziehung sich trennt, zwischen Mutter und Tochter?
Christiane Yavuz: Ja, ehrlich gesagt, ja. Also das gibt es. Was ich total spannend finde, ist: Ich bin selbst Tochter und ich habe das Thema auch als Tochter mir vorgenommen, sozusagen. Ich hatte immer mal wieder so die Befürchtung, dass ich dadurch auch gerade, wenn ich Mutter-Tochter-Paare begleite, so ein bisschen parteiisch in gewisser Weise bin oder rüberkomme – oder eben diese Gefahr sozusagen besteht. Ich merke aber immer wieder, und das finde ich persönlich total schön, wenn ich bemerke oder mir auch bewusst mache, dass ich das wirklich nicht bin. Also natürlich gibt es Sympathien und so weiter immer, das ist klar, damit kann ich auch professionell umgehen. Aber dieses tiefe Verständnis für alle Seiten zu haben, für beide Seiten zu haben in dem Fall – das konnte ich mir bisher total gut bewahren. Und was nicht heißt, dass es auch gewisse Unterstützungsnotwendigkeiten gibt für die eine Seite mehr als für die andere Seite. Aber ich gehe von meiner Grundhaltung her immer mit einem tiefen Verständnis für beide Seiten an die Sache heran. Also das trägt mich auch so durch solche Begleitungsprozesse.
Jana: Ja, da ist mir gerade ein Gedanke gekommen. Ich selbst als Tochter meiner Mutter bin ja immer irgendwie davon ausgegangen, dass es eher dazu kommt, dass das Kind sich im schlimmsten Fall vom Elternteil distanziert. Hast du eigentlich auch mal erlebt, dass es umgekehrt ist, dass man sagt: Die Mutter sollte einfach den Schritt zurückgehen und sich von dem Kind distanzieren. Gibt es sowas?
Christiane Yavuz: Muss ich echt überlegen, weil das natürlich total komplex ist, diese Dynamik. Aber ja, ich glaube, auch das begegnet mir: dass ich das Gefühl habe, dieser Mutter würde es zumindest mal für eine Phase besser tun, wenn sie es auch mal loslässt. Also wenn sie nicht in dieser Verletzung und an dem Festhalten so klammert, sondern wenn sie auch sagt: Okay. Weil das hat ja auch was mit Grenzen und mit Respekt zu tun, oder mit dem Respektieren der anderen Seite. Also wenn ich zum Beispiel eine Tochter habe, die den Kontakt abgebrochen hat oder abbrechen will, aus Gründen, und die Mutter das nicht hinnimmt – und vielleicht ist es immer schwer zu bewerten, aber ihre eigene Verletzung schlimmer bewertet als die Verletzung der Tochter, und das nicht hinnimmt, dass sie den Kontakt abbrechen will – dann hat das ja auch schon wieder was damit zu tun: Ich akzeptiere deine Entscheidungen nicht. Und da kann es natürlich schon notwendig sein, und auch gesünder, emotional gesünder, zu sagen: Okay, ich muss das jetzt akzeptieren, ich nehme das jetzt hin – aber nicht auf eine verbitterte Art und Weise, sondern ich nutze das. Und da sind wir auch wieder beim: Wozu nutze ich jetzt diesen Konflikt? Was will mir das denn eigentlich sagen? Um hinzugucken. Ich habe gestern zum Beispiel eine Beratung einer Mutter gehabt, bei der das auch gerade Thema war, diese Kontaktreduzierung zur Tochter. Und das war so eine Sache, die ganz wichtig war für sie: dass sie versteht, dass es auch Beziehungspflege ist zwischen Mutter und Tochter, wenn sich die Mutter um sich selbst kümmert und um ihre eigenen Themen – und vielleicht auch noch ihre eigenen Mutterverletzungen, die sie selbst von ihrer Mutter wiederum mitträgt.
Jana: Ja klar, es wäre, glaube ich, ein großer Irrtum zu denken, dass wir unser Leben in dem Moment beginnen, wo wir auf die Welt geboren werden. Sondern wir tragen ja über Generationen, also wirklich mehrere Generationen lang, Prägungen, Informationen und gelebte soziale Verhältnisse in uns. Die nehmen wir schon mal mit auf die Erde, wenn wir hier ankommen. Und das ist ein Thema, das ich auch immer sehr wichtig finde: im Umgang mit meinen eigenen Töchtern, mit mir selbst zu reflektieren, wie meine Beziehungen sind zu meiner Mutter, zu meinen Großmüttern, Urgroßmüttern sogar. Also wie ist auch der Werdegang meiner weiblichen familiären Hintergründe gewesen. Das war für mich ein ganz wichtiger Schritt. Was wäre denn das Schönste – um mal auf die andere Seite zu gehen – das Schönste für dich, das du dir für die Beziehung zwischen Müttern und Töchtern vorstellen kannst? Ich rede da gar nicht so vom Ideal, sondern von einer echten Möglichkeit.
Christiane Yavuz: Da fällt mir das Wort gefühlsmächtig ein, das ich gern in dem Zusammenhang benutze und so wichtig finde in der Beziehungsgestaltung zwischen Mutter und Tochter ganz besonders – generell natürlich auch. Also so einen gefühlsmächtigen Umgang mit dieser Beziehung zu finden und so gesehen auch einen Erwachsenenumgang damit – und rauszuwachsen aus der Eltern-Kind-Beziehung. Also deswegen auch: auf Augenhöhe. Dass sich eben diese Beziehung nicht mehr in einer Hoch-runter-Hierarchie bewegt, sondern eher wie in so einem Kosmos, in dem man so schwebt. Also das darf sich auch bewegen. Es bewegt sich ja gerade im Älterwerden, wenn Eltern noch älter werden – und dann verschieben sich wieder, wie bei Planeten im Sonnensystem, die Hierarchien und die Verantwortungen. Und da mit einer Gestaltungsfreude heranzugehen, also zu sagen: Ja okay, das darf sich verändern, und jetzt will ich das auch eigenmächtig und gefühlsmächtig gestalten. Ich glaube, das ist so das Schönste, was ich mir für Mutter-Tochter-Beziehungen vorstellen kann.
Jana: Da ist mir tatsächlich sogar nochmal mein Anfang, meine Einleitung in den Kopf gekommen, weil ich gesagt habe, es geht um Ehrlichkeit. Und ja, wir werden ja älter. Ich finde das sehr schön, dieses Bild von einem Kosmos und von einem beweglichen System.
Ich habe dich ja kennengelernt als eine Frau, die davon spricht, dass sie mit Konfliktliebe arbeitet und nicht Konfliktlösung. Und ich finde, Konfliktliebe ist erst mal paradox. Steckt da Schönheit drin in einem gut geführten Konflikt?
Christiane Yavuz: Ja, unbedingt – das möchte ich laut in die Welt rufen. Und gerade weil das eben so ein Paradox ist, war das für mich auch so ein, oder ist für mich so das Signalwort, um mich auch immer wieder daran zu erinnern. Weil natürlich auch, wenn ich mich damit jetzt sehr lange und intensiv beschäftigt habe, steckt ja trotzdem erst mal sehr tief drin, Konflikte als etwas Unangenehmes zu sehen und zu empfinden. Und deswegen erinnere ich mich selbst immer gern auch mit diesem Signalwort dran. Das beinhaltet für mich inzwischen wirklich alles, was diese konfliktwertschätzende Haltung beinhaltet. Also dass ich einfach dieses eine Wort höre – und das bedeutet für mich ganz viel. Das bedeutet: Konflikte sind nicht bedrohlich, sondern sie haben eine Funktion, sie dürfen sein. Und genau das ist der wesentliche Unterschied. Wie begegne ich ihnen? Also begegne ich ihnen mit: Hilfe, geh weg, ich stecke den Kopf in den Sand, Angst? Oder sage ich vielleicht erst mal: Ah, guck mal an, da ist wieder einer. Jetzt gucken wir doch mal, was die Botschaft ist und was der mir vielleicht auch bringen kann, wie der mich vielleicht auch in eine tiefere Beziehung bringen kann. Oder: Was will der mir sagen? Also das ist so ein spannendes Feld. Und das merke ich ja nicht nur bei mir selbst, sondern eben auch bei all den Menschen, die ich so begleite, dass einfach in diesen Konflikten so viel drinsteckt, was es sich wirklich zu lieben lohnt.
Jana: Und ich gehe mal davon aus, die Liebe ist schön.
Christiane Yavuz: Ja, ich glaube schon. Also deswegen: Schönheit steckt da auf jeden Fall drin.
Jana: Ich behaupte ja: Je älter man wird – oder vielleicht sollte ich lieber sagen, je älter ich werde –, desto besser kann ich Konflikte aushalten. Weil einerseits meine Erfahrungen wachsen, mein Mut ist auch gewachsen. Aber siehst du das auch so, oder ist das jetzt eine schöne Illusion von mir?
Christiane Yavuz: Dass es im Alter leichter wird? Nee, das beobachte ich tatsächlich auch. Also manchmal kann ich auch gar nicht so genau festmachen, woran das jetzt liegt. Also vielleicht wäre meine Konfliktliebe auch einfach so von selbst im Alter gewachsen. Aber ja, ich glaube einfach, dass natürlich sich mehr Erfahrung auch ansammelt. Und gleichzeitig ist es für Menschen, die so eher die Harmonielaufbahn hatten, glaube ich auch nochmal anders. Also wenn jemand total konfliktfreudig – ich will es nicht sagen: erzogen wurde, aber natürlich ist es schon auch so eine Kindheitssache. Wann habe ich gelernt, für mich einzustehen? Wie wurde mit mir umgegangen, wenn ich rebellisch war oder unangepasst? Also wenn ich da schon früher angefangen habe, Konflikte zu üben und zu lernen, dann ist vielleicht der Zuwachs im Alter nicht ganz so groß. Aber wenn ich das erst über die Jahre noch lernen darf, dann...
Jana: Also ich musste das, glaube ich, lernen. Ich komme noch auf eine andere Geschichte von dir. Und zwar habe ich auch gefunden, dass du dich als Ambiguitätstolerante bezeichnest. Also Ambiguitätstoleranz – habe ich extra nachgeguckt, was das nochmal bedeutet – bezeichnet die Fähigkeit, mehrdeutige Situationen und widersprüchliche Handlungsweisen zu ertragen. In dem Moment habe ich so gedacht: Ja, das ist ja was, das braucht Schönheit auch. Die Schönheit braucht nämlich ein Spannungsfeld, vielleicht auch eine Unvollständigkeit, eine Offenheit – oder eben auch das Pendant des Nicht-so-Schönen. Ist ein perfekt gelöster Konflikt eigentlich langweilig?
Christiane Yavuz: Jetzt die Frage: Was ist überhaupt ein perfekt gelöster Konflikt? Also das ist überhaupt nicht einheitlich zu sagen. Aber ich glaube, dass dieses Bild vom gelösten Konflikt schon trügerisch ist. Weil ich glaube, manchmal ist es gar nicht hilfreich, wenn das Ziel ist: Komm, wir müssen jetzt diesen Konflikt lösen. Sondern manchmal kann natürlich das Ziel auch sein: Lass uns einen Weg finden, mit den Mehrdeutigkeiten, mit den Widrigkeiten gesund zu leben. Weil manchmal ist es ja überhaupt nicht sinnvoll, sich jetzt in die Harmonie zu boxen. Also auf welche Kosten? Zu welchen Kosten? Und deswegen kann es manchmal quasi die Lösung sein oder das Ergebnis, einen unbefriedigenden Zustand auszuhalten – aber ohne, und das finde ich so das Wichtige bei dieser Ambiguitätstoleranz, dass es nicht darum geht, jetzt Zähne knirschend einen Zustand stoisch zu ertragen, einfach: Ich muss das jetzt irgendwie aushalten, mit zusammengebissenen Zähnen. Sondern es angenehm auszuhalten, also es mit Ruhe auszuhalten. Weil man sich eben nicht bedroht fühlt von etwas, das nicht nur schwarz und weiß sein darf. Da gibt es ganz viel Grau. Und das ist auch okay. Und das merkt man immer so an sich selbst, glaube ich, dass man sich so sehr sehnt nach Eindeutigkeit: Es wäre so schön, wenn das einfach einfach wäre, wenn es ganz klar wäre. Natürlich wäre das schön, und das gibt uns auch Sicherheit und ist auch leicht. Aber so ist es halt nicht.
Jana: Es wird immer Reibungen geben, immer Momente, wo man es miteinander aushalten muss. Übrigens: Reibung – wir hatten ja neulich mal darüber gesprochen, dass es so total interessant ist, dass diese Reibung ja auch in der Musik im Grunde genommen genau der Punkt ist, der Musik spannend macht. Wir singen beide an unterschiedlichen Orten im Chor und haben die Erfahrung gemacht, dass wenn verschiedene Stimmen einen halben oder einen ganzen Ton nebeneinander singen, das eher schräg ist, schwer aushaltbar. Und ich finde, das ist so ein ganz tolles Bild im Grunde genommen.
Christiane Yavuz: Total. Also da haben wir ja die ganze Spannbreite von Harmonie und Disharmonie. Und überhaupt in diesen ganzen musikalischen Begriffen steckt auch so viel Konfliktliebe. Und das finde ich so schön auch vom Bild. Also mir helfen solche Bilder immer total, auch in so eine konfliktliebende Haltung zu kommen und zu erkennen: Genau, es braucht Reibung, weil es spannend ist und weil es sonst Stillstand einfach nur wäre und langweilig. Also es braucht diese Spannung. Und manchmal löst sie sich auf und manchmal aber auch nicht. Da bleibt die Spannung einfach stehen. Und da finde ich, das sind ganz tolle Bilder, die man so verknüpfen kann mit der Musik.
Jana: Genau, genau. Es ist ein großes Stück Lebendigkeit, glaube ich, drin in Spannungen. Wenn ich jetzt Konflikte auch mal einfach übersetze mit Spannungen, dann klingt für mich Konflikt auch schon wieder gar nicht mehr so plump.
Christiane Yavuz: Genau.
Jana: Sondern eher interessant.
Christiane Yavuz: Ja.
Jana: Da fängt mich Neugier. Und ich gehe jetzt noch mal in eine andere Richtung, weil ich das auch total interessant finde. Das musst du mir noch mal erklären. Du bietest Cocktails an. Du lädst ein zur Cocktailparty. Ich habe keine Ahnung. Also erklär doch nochmal, wie das gemeint ist.
Christiane Yavuz: Ja, das ist mein Online-Training Konflikte und Cocktails. Beziehungsweise ist es eigentlich die Idee, die mir irgendwann mal kam. Also ich mache ja, ich nenne es immer, Haltungstraining. Auch wie ich an gewisse Themen rangehe. Also letztlich dreht sich immer ganz viel um die Haltung. Und ich finde, wir können Haltung auch trainieren. Also wir können trainieren, wie wir dem Leben, wie wir Herausforderungen, wie wir Konflikten begegnen. Und ich weiß nicht mehr, wie es kam, aber ich hatte dann irgendwann einfach dieses Bild im Kopf, dass wir unsere Haltung ja irgendwie auch zusammenmixen. Also die entsteht ja aus irgendwas, unsere Haltung. Oft sind es Werte oder Einstellungen oder Erfahrungen, unterschiedliche Puzzleteile und Bausteine. Und ich finde eben dieses Bild total hilfreich: Woraus mixe ich mir denn meine Haltung zusammen? Und da ist ein bisschen dieses Bild mit den Cocktails entstanden. Wo man dann eben wirklich in jedem Termin sich einer speziellen Haltungszutat sozusagen widmet. Die Ambiguitätstoleranz zum Beispiel gehört auch dazu, oder einfach nur die Neugier. Es gibt unterschiedliche Zutaten. Die Wut kommt auch irgendwann, es geht so in Richtung Regulationsbewusstsein. Wie kann ich Gefühle gut regulieren? Es sind insgesamt zwölf oder 15 Zutaten. Und das ist auch nicht erschöpfend. Es geht eher darum, so ein Bewusstsein dafür zu haben: Ich kann meine Haltung wachsen lassen, variieren, beeinflussen. Und je nach Situation sind manche Zutaten hilfreicher als andere. Und da sich so ein Repertoire aufzubauen und zu nutzen.
Jana: Mir ging sofort der Begriff wilde Mischungen durch den Kopf. Das kann eine wilde Mischung sein, genauso wie Cocktails ja öfter mal eine wilde Mischung sind. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass es auch guttut. Das ist ja wie so ein Bild, was ich mir schaffe, und ich kann mir ja verschiedene Cocktails erarbeiten. Das finde ich ist ein schönes Bild. Damit kann ich total mitgehen. Also: Wie unterschiedlich gehe ich mit unterschiedlichen Dingen um? Spannend. Wie ist das eigentlich bei dir – um nochmal so ganz persönlich auf dich zu kommen? Erinnerst du dich an einen Konflikt, der dann im Nachhinein etwas Schönes hinterlassen hat? Was wäre das?
Christiane Yavuz: Mir fällt jetzt spontan gerade eine Situation ein, wo ich einen Konflikt mit meiner Mutter hatte und dann hinterher wirklich innerlich gefeiert habe, wie uns das näher gebracht hat. Und dass ich ihr sagen konnte, was ich gerade von ihr brauche. Und dadurch ja genau eben mein Konfliktmut und mein Mut, Dinge anzusprechen, sich total bewährt hat und ausgezahlt hat, sozusagen, weil es sich einfach total gut angefühlt hat. Aber ein paar Jahre vorher hätte ich das nicht gemacht.
Jana: Ja, das ist dieses Ding: Älter werden, mutiger werden, gelassener werden. Also ja, die Erfahrung mache ich auch. Und da du gerade über Mut sprichst, liebe Christiane: Jetzt fordere ich deinen Mut heraus.
Christiane Yavuz: Oha.
Jana: Ich habe ja jedes Mal in einem Interview ein Fragenquiz. Es sind zwölf Fragen, und ich bitte dich darum, sie lediglich mit Ja oder mit Nein zu beantworten. Ja, ich bin mal gespannt. Das würde ich jetzt gerne starten.
Christiane Yavuz: Wir legen los.
- Findest du Schweigen schön? –> Ja.
- Ist ein aufgeräumtes Zimmer schön? –> Ja.
- Ist Wut schön? –> Ja. Aber – ja, aber ich weiß nicht.
- Ist es schön, sich zu entschuldigen? –> Ich sage jetzt Nein. Aus Gründen, die ich nicht erzählen darf.
- Ist Stille nach einem Streit schön? –> Ja.
- Findest du es schön, wenn jemand klare Grenzen setzt? –> Ja.
- Ist Scheitern schön? –> Not at first. Zuerst nicht.
- Kannst du Widerspruch schön finden? –> Ja.
- Ist es schön, allein zu sein? –> Ja, sehr.
- Findest du Narben schön? –> Ja.
- Kannst du einen ungelösten Konflikt schön finden? –> Ja.
Jana: Ja, liebe Christiane, wir nähern uns dem Ende. Ich habe ganz am Schluss immer noch eine allerletzte Frage – oder besser gesagt eine Bitte an meine Gäste, und zwar in einem Satz: Was findest du an deiner Arbeit schön?
Christiane Yavuz: Dass ich Menschen dabei begleiten kann, Konflikte schön zu finden.
Jana: Das ist ein toller Schlusssatz. Konflikte schön zu finden. Ich glaube, dieses Gespräch hat ein bisschen dazu beigetragen, auf Konflikte mit einem anderen Blick zu schauen. Wunderbar. Ich bin dir sehr, sehr dankbar, dass wir das Gespräch führen konnten.
Christiane Yavuz: Ich danke dir total. Es hat sehr viel Freude gemacht.