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Ist das schön?!

Der Podcast über die Kraft, die im Schönen steckt.

Episode #8 | 10. April 2026

Schönheit wartet. Man muss nur hingehen

Über das Momentum als Wert, Brahms auf Rügen und die Kunst, wirklich anzukommen

Schönheit ist da. Eigentlich immer. Aber wie oft bist du wirklich da?

Diese Episode entstand auf Rügen. Am Osterfeuer, im Buchenwald, in der Küche mit frischem Bärlauch. Und aus einer Frage, die ich mir nicht zum ersten Mal stelle: Was ist eigentlich der Wert der Schönheit? Und warum wartet sie?

Vielleicht, weil sie es kann. Brahms hat sie gehört. Caspar David Friedrich hat sie gesehen. Und beide mussten erst innehalten, bevor irgendetwas hängen blieb.

  • Warum Johannes Brahms auf Rügen eine Sinfonie verloren hat
  • Was Momentum mit Schönheit zu tun hat – und warum „einfach hingehen" nicht reicht
  • Über Momente, in denen Schönheit da war. Aber ich nicht.
  • Warum auch die Pressesprecherin der Schönheit jeden Tag neu üben muss

Schönheit wartet. Du musst nur ankommen.

Transkript

 

Wir sind gerade in der Osterzeit. Und am letzten Freitag, am Karfreitag, war ich zu einem Osterfeuer bei Freunden eingeladen.

Wir standen um das Feuer herum, die Funken flogen, es war windig, man musste immer mal gucken, dass man auf der richtigen Seite stand, um nicht völlig zugeräuchert zu werden.

Und, wie das so ist, wir sind ins Gespräch gekommen, natürlich hin zum Osterspaziergang. Irgendwann in der Osterzeit kommt immer der Osterspaziergang von Goethe, jedenfalls in meinem Leben. Und gemeinsam mit den anderen haben wir versucht, das Gedicht, was ja jeder irgendwie in seiner Schulzeit auswendig lernen musste, Stück für Stück zusammenzusetzen. Aber wir haben es nicht ganz hingekriegt, aber immerhin, wir waren nah dran.

Und dann, als ich da so stehe, dachte ich: ja, Ostern, Osterspaziergang. Morgen gehe ich raus, wie die vielen anderen.

Ich bin auf der schönen Insel Rügen und habe die Wahl: Gehe ich ans Meer oder gehe ich durch den Buchenwald zu den Kreidefelsen?

Es ist nämlich ziemlich kalt und der Wind tobt um mich herum und insofern finde ich ja die Option Buchenwald und Kreideküste eine durchaus sehr weise Entscheidung. Hier wird der Wind etwas ausgebremst.

Ich gehe durch den Buchenwald, sehe das Meer immer mal schon durchleuchten, durch die noch unbeblätterten, kahlen Bäume und denke: Hach, das Meer!

Und ich erinnere mich an ein Zitat von Johannes Brahms, der da sagte: »An den Wissower Klinken ist eine schöne Sinfonie hängen geblieben.« Er hörte die Musik. Und ich? Ich sehe die wilden Farben des Meeres und spüre die wärmenden Sonnenstrahlen und das Licht auf meiner Haut.

Brahms war ja nicht der Einzige auf der Insel Rügen. Caspar David Friedrich hat hier gemalt. Andere haben hier gestanden, den Kopf in den Wind gehalten und irgendetwas ist hängen geblieben. Eine Melodie, ein Bild, ein Gedanke.

Gerade dieser Ort hier, Rügen, hat schon immer etwas mit Menschen gemacht, die innehalten können. Und ich stehe hier und schon seit so vielen Jahrzehnten sehe ich diese Felsen, kenne ich diese Felsen, dieses Licht, diesen Wind und trotzdem überrascht es mich immer wieder und immer noch.

Und vielleicht ist die eigentliche Frage nicht, warum Schönheit entsteht, ich denke ja schließlich andauernd über die Schönheit nach, sondern warum sie wartet? Auf Brahms, auf Friedrich und auch auf mich.

Was bleibt hängen, im wahrsten Sinne des Wortes, an Kreidefelsen, in den Ästen der Bäume oder in meinem Kopf? Wie viel nehme ich denn wirklich wahr, was um mich herum ist?
Zurück im schönen Haus, im stillen Garten, leuchtet mich frisches Pesto an. Ohne suchen zu müssen, pflücke ich den frischen Bärlauch unter den Büschen. Kaum in der Küche verbreitet er seinen Knoblauchduft im ganzen Haus. Und ich stürze mich in seine Verarbeitung.

Ostern.

Diese Zeit des Suchens und Findens.

Auch Schönheit finden. Sie ist ja da. Im Grunde muss ich gar nicht suchen, sondern einfach nur hingehen. Alle Sinne geöffnet.

Und während ich Blatt für Blatt den Stiel aus dem Bärlauch schneide, geht mir diese Frage durch den Kopf. Wie nehme ich Schönheit denn eigentlich wahr?

Und ich denke: Momentum. Momentum ist der Wert der Schönheit.

Ich bemerke sie, wenn ich sie bemerke. Und das passiert, wenn ich mich auf genau diesen Moment einlasse und meine Wahrnehmung auf die Schönheit richte. Ganz im Hier und Jetzt bin.

Klingt einfach, ist es aber nicht.
Ich kenne das Gegenteil sehr gut, den Spaziergang, bei dem ich die ganze Zeit an etwas anderes denke, die Küche, in der ich funktioniere, anstatt zu riechen und auch die Momente am Meer, die ich bereits fotografiere, bevor ich sie überhaupt auf mich einlasse.

In solchen Momenten war Schönheit da. Aber ich nicht.

Und vielleicht ist das ja auch das Ehrlichste, was ich sagen kann. Ich bin die Pressesprecherin der Schönheit. Und trotzdem muss auch ich üben. Einfach hin zu gehen reicht nicht. Ich muss in den Momenten auch ankommen.

Was waren also die Momente während meiner Osterfeiertage? Jetzt gerade.

Ich erinnere mich, wie ich am Feuer gemeinsam mit anderen Menschen stehe und die Hitze, den beißenden Rauch und die Wortfetzen wahrnehme. Wie wir nach dem Text des Gedichts suchen und uns gegenseitig ergänzen. Oder auch während des Spaziergangs, wo der fauchende Wind durch meine Haare und auch durch die Bäume stürmt und mir ständig den Blick nimmt auf das tosende Meer in seinen vielen Blau- und Grün-Tönen. Mich an Farben satt sehen, daran erinnere ich mich. Und ich erinnere mich auch, wie ich unter den Büschen den frischen Bärlauch pflückte und eine dicke, brummende Hummel an mir vorbeitorkelte. Ich muss immer schmunzeln, wenn ich Hummeln sehe. Und ich grüße sie.

Sie ist flüchtig, die Schönheit. Immer ist sie so flüchtig. Der schöne Moment ist flüchtig. Die Melodie, kaum habe ich sie wahrgenommen, schon ist sie flüchtig.

Und ich frage dich, was bleibt bei dir hängen? An welchem Ort hat sich eine Melodie verfangen? In den Ästen eines Baumes, im Geruch einer Küche oder im Knistern eines Feuers? Oder wo auch immer du warst, vielleicht kennst du den Ort sogar schon seit vielen Jahren, so wie ich, die Insel Rügen. Und vielleicht bist du schon tausendmal daran vorbeigegangen. Und dann bleibst du stehen und plötzlich ist sie da.

Die Schönheit wartet. Du musst nur hingehen