Ist das schön?!
Der Podcast über die Kraft, die im Schönen steckt.

Episode #19 | 26. Juni 2026
Sind Menschen schön?
Dieter Düvelmeyer über den Weg vom Mischpult zur Kamera, das Spiegelbild als Täuschung und den Makel, der uns schön macht
Ein Foto soll uns zeigen, wie wir aussehen. Dabei zeigt es vielleicht eher, wie wir gesehen werden wollen. Wer vor der Kamera steht, kennt dieses kurze Erschrecken: Das soll ich sein? Dabei täuscht uns längst der Spiegel davor, jeden Tag, nur dass wir es nie merken, weil wir uns darin immer spiegelverkehrt sehen.
Was, wenn nicht das makellose Foto das schöne ist, sondern das, das einen Makel zeigt? Dieter Düvelmeyer, Fotograf und selbst ernannter »empathischer Authentizitätsbeauftragter«, erzählt, warum er lieber zuhört, bevor er hinsieht, warum Authentizität verschwindet, sobald man sie festhalten will und warum ihn eine Frau mit einem entstellten Gesicht mehr berührt hat als jedes perfekte Porträt.
Und am Ende wartet wie immer das Quiz: vierzehn Mal »Ist das schön?"« und natürlich habe ich den Fotografen gefragt, wie er es findet, selbst fotografiert zu werden.
Dieter Düvelmeyer
Dieter Düvelmeyer hat es schon früh aus dem Ost-Westfälischen nach Berlin getrieben, um an der UdK Produkt-Design zu studieren. Finanziert hat er das mit Gastronomie Jobs, dem Life-Mischen von internationalen Jazz-Konzerten und als Ton-Angler bei verschiedenen Film- und Fernsehproduktionen.
Fotografiert hat er schon immer, aber seit ca. 15 Jahren steht die Fotografie im Mittelpunkt seiner Arbeit. Seine Erfahrungen nutzt und kombiniert er:
als Beratograf® in der professionellen Business-Fotografie,
als Konzertfotograf vor allem im Jazz
- https://stage-photographer.com
- @jazzpict
und als Fotograf für Schauspieler*innen.
- https://dieterduevelmeyer.de/
- @dieterduevelmeyer
Dazu hat er ein Buch geschrieben: »Bestens vorbereitet & entspannt zum Schauspielshooting« (https://amzn.eu/d/024xB8pd)
Transkript
Jana: Heute möchte ich über ein Thema sprechen, das so manche und mancher eher nicht mag. Der Blick in die Kamera. Wie geht es dir damit, wenn professionelle Fotos gebraucht werden? Business Feeling, Ernsthaftigkeit und die Frage, wie sehe ich aus? Mein heutiger Gast macht genau das, er fotografiert Menschen. Doch bevor er das tat, angelte er. Allerdings erst einmal Töne, denn er war bei Film- und Fernsehproduktion tätig. Später hat er internationale Jazz-Konzerte live gemischt und dort begann wohl auch seine Liebe zur Fotografie. Das Zuhören lag also vor dem Abdrücken und, sehr bemerkenswert, er nennt sich nicht Fotograf, sondern er beschreibt sich selbst als empathischen Authentizitätsbeauftragten. Was das bedeutet, das lasse ich mir jetzt gleich von ihm selbst erzählen. Herzlich willkommen, Dieter Düvelmeyer.
Dieter Düvelmeyer: Ja, hallo, hey, hallo Jana.
Jana: Habe ich dich gleich schon mal zum Lachen gebracht?
Dieter Düvelmeyer: Ja, absolut. Die Sachen von den Authentizitätsbeauftragten.
Jana: Genau das, du nennst dich so. Aber was bedeutet das? Und vor allen Dingen, wer beauftragt dich?
Dieter Düvelmeyer: Ich beauftrage mich selber. Ich bin auf der Suche nach Authentizität. Und die lässt sich irgendwie nicht so ohne weiteres herstellen. Es gibt Dinge, wenn man sie haben will, verschwinden sie. Die sind einfach nicht mehr da. Vielleicht ist es auch bei Schönheit so. Ich glaube, wenn man Schönheit wirklich will, dann verschwindet sie. Es ist eine Sache, die sich einfach von alleine einstellt, die man nur dann haben kann, wenn man sie nicht wirklich will.
Jana: Authentizität sozusagen genau
Dieter Düvelmeyer: Und das ist halt, ja, das ist das Spannende an dieser ganzen Geschichte, deswegen geht es bei mir auch nicht ums Foto machen, sondern dass hinterher Fotos dabei rauskommen, ist eigentlich eine Nebensache.
Jana: Da kommen wir gleich noch drauf. Doch, um mal ganz kurz bei dem Begriff Authentizität zu bleiben, weil ich bin schon ziemlich drüber gestolpert, weil, es ist ja so ein bisschen ein abgekauter Begriff, Authentizität. Man muss so authentisch sein und sich so authentisch zeigen auch. Und ich bin jetzt gerade neulich über den Begriff Eigensinn gestolpert und habe auch so gedacht, ja, eigensinnig sein, also sozusagen das Eigene so zu zeigen, wie es sich präsentiert. Und das muss ja nicht überall glatt geschliffen und nett sein. Das kann ja auch mit Ecken und Kanten sein. Das finde ich viel passender.
Dieter Düvelmeyer: Ja, eigensinnig zu sein, macht die ganze Geschichte ja auch interessant. Also, einen Sinn für das Eigene zu haben. Ich glaube, das heißt es eigentlich, dass man einen Sinn für das Eigene hat. Das hat ja auch was damit zu tun, dass man sich selber vielleicht auch ein Stück mag oder sich selber ein Stück respektiert oder einen Sinn entwickelt hat für bestimmte Ecken und Kanten oder Macken, die man hat. Ich habe das jetzt negativ ausgedrückt. Ich meine damit aber natürlich auch die positiven Sachen. Aber den meisten Leuten fällt es halt schwer, sich darüber zu äußern, was sie gut finden an sich.
Jana: Du warst Tonassistent, Tonmeister, glaube ich sogar. Und hast Jazzkonzerte live gemischt?
Dieter Düvelmeyer: Ja, Tonmeister ist ein, den Begriff würde ich da nicht in den Mund nehmen wollen. Ich habe eine halbe Produktion als Filmtonmeister gearbeitet. Ganz zum Schluss. Dann bin ich aber auch dann mehr oder weniger weg vom Film. Ich habe schon immer fotografiert und zum Film gekommen, weil ich halt irgendwie Geld verdienen musste. Und ich habe gleichzeitig also auch internationale Jazz-Konzerte gemischt.
Jana: Was ich unheimlich spannend finde. Und da hast du sicherlich auch die eine oder andere Situation erlebt, wo du fotografiert hast und sozusagen Menschen ins Bild holen konntest. Aber bevor du fotografiert hast, hatte ich denn, was hatte ich denn das Hören, also die Arbeit mit dem Hören, über Menschen gelehrt, was die Kamera alleine nicht könnte?
Dieter Düvelmeyer: Beim Angeln geht es in erster Linie auch um technische Aspekte, dass du halt immer drauf bist. Also drauf heißt, dass du das Mikrofon immer an der Stelle hältst, dass es so gerade eben nicht in der Kamera ist. Und du aber auch nicht so weit weg bist, dass du einen schlechten Ton bekommst. Das ist eine Komponente. Die andere Komponente ist, dass du keinen Schatten machst, dass du deine Angel gefällig so positionierst, dass sie weder in einer Spiegelung ist noch irgendwo einen Schatten an die Wand wirft. Ich hatte das in Los Angeles. Es ging aber nicht um ein Foto von einer Person, sondern es ging um ein Bild von Rothko. Ein Riesenteil, keine Ahnung, vier mal drei Meter oder noch größer. Ich komme da so um die Ecke, sehe das Ding, das Ding haut mich buchstäblich um. Ich bin ein bisschen nah am Wasser gebaut, das ist tatsächlich so. Ich musste mich wieder umdrehen, ich musste erst mal Luft holen. Ich dachte mir, verdammt noch mal, hältst du dieses Bild aus? Hältst du das aus? Ich habe dann zwei Versuche gemacht und habe mich dann dieser ganzen Situation ausgesetzt. Das ist ja kein Farbenrausch, es sind maximal drei Farben, die da zusammenkommen bei ihm. Das war aber so überwältigend. Ja, genau. Wie geht es dir? Ich weiß es nicht. Gibt es bei dir Fotos, wo du sagst, schwer auszuhalten?
Jana: Absolut. Also, ich bin vielleicht nicht ganz, ganz nah am Wasser gebaut, aber ich reagiere auch durchaus sehr emotional. Mir ist das auch gerade jetzt erst bewusst geworden. Und zwar war ich 2015 in Barcelona in der Sagrada Família. Und das war im Oktober, und trotzdem war es so ein sonnenstrahlender Tag. Und ich bin in diese Kirche reingegangen, und mir wurden die Knie weich. Das war dermaßen beeindruckend. Das war jetzt kein Foto oder keine Malerei, kein Bild, aber ein Moment, ein sichtbarer Moment. Und jetzt komme ich auf den Moment von vor Kurzem: Der Papst hat den höchsten Turm geweiht, mit dem Kreuz da drauf. Also eine der letzten Dinge, die ja immer noch nicht fertig waren. Dieses Kreuz, das da oben auf dem höchsten Kirchturm überhaupt der Welt steht. Und in dem Moment, ich hatte da eine Reportage darüber gesehen von der ARD, ganz kurz, nur vier Minuten lang, und in dem Moment, wo in dieser Reportage das Licht eingeschaltet wird und dieses Kreuz zu leuchten beginnt, sind mir die Tränen gelaufen.
Dieter Düvelmeyer: Oh, toll.
Jana: Aber was ich dich eigentlich fragen wollte: Du hast ja die Einleitung gehabt mit dem Film und Angeln. Ist es so, dass uns der Ton, das Hören, die Sprache doch eher einfangen als Bilder?
Dieter Düvelmeyer: Ich glaube schon, also aus zwei Gründen. Erstens ist das Gehör das Erste, was sich ausbildet in unserem Sinne. Das heißt, wir hören schon im Mutterbauch. Und das Zweite ist, wir können die Augen zumachen, die Nase zumachen, aber wir können nicht unsere Ohren zumachen.
Jana: Ja, das stimmt ja alles.
Dieter Düvelmeyer: Wir sind ständig auf Sendung.
Jana: Oder auf Empfang.
Dieter Düvelmeyer: Ja, wir hören die Sendung, so meine ich das. Wir sind ständig auf Empfang, richtig. Und das Gehör ist obendrein auch noch unfassbar genau. Also viel genauer als unsere Augen.
Jana: Ja, das ist der Wahnsinn, unser Gehör. Schwenken wir mal über von der Tonangel, vom Einfangen von Geräuschen oder von Sprache oder was auch immer, hin zur Kamera. Eigentlich hat sich deine Position ja nicht grundsätzlich verändert. Bei der Tonangel bist du derjenige, der hinter der Angel steht und versucht, die Töne einzufangen. Und bei der Kamera bist du derjenige, der hinter der Kamera steht und versucht, den Moment einzufangen, das Bild einzufangen, fällt mir ein bisschen schwer zu sagen, aber eben den Augenblick festzumachen. Wie fühlst du dich in dieser Rolle?
Dieter Düvelmeyer: Ja, die Rollen sind komplett unterschiedlich. Also, auf einmal bin ich sozusagen auf das angewiesen, was kommt, ohne darauf Einfluss nehmen zu können. Auf der anderen Seite bin ich aber dann so etwas wie ein Regisseur, der letztendlich das bekommen kann oder nicht bekommt. Ich bin für die Situation verantwortlich, und das bin ich beim Angeln nicht. Ich bin bei der Angel dafür verantwortlich, die Töne korrekt zu kriegen. Beim Bild, wenn ich nicht dokumentarisch arbeite, wenn ich also Porträts von Leuten mache, dann bin ich einfach dafür verantwortlich. Deswegen geht es für mich immer darum, und das sage ich den Leuten halt auch, immer eine Situation zu erzeugen und dass die Leute in einer Situation sind. Und die einzige Situation, die es nicht ist, ist die, dass sie fotografiert werden. Alle anderen Situationen kommen sehr gerne in Betracht, aber nicht das.
Jana: Also ich sage dann immer, du stehst jetzt hier und du kannst in irgendeiner Situation sein,
Dieter Düvelmeyer: Aber denk nicht daran, dass du fotografiert wirst. Das das möchte ich nicht. Ich möchte nicht, dass du so aussiehst, als hätte man dich gerade fotografiert.
Jana: Ja, das ist ein total schönes... Ja, ob man das jetzt Motto nennen kann, würde ich vielleicht gar nicht so sagen, sondern, also, dass du genau darauf aus bist, das gefällt mir total gut, diese Unbewusstheit beziehungsweise eben Authentizität herzustellen, dieses Bei-sich-Sein, nicht nach außen fokussiert zu sein, sondern in der Situation drin zu sein. Das heißt doch auch irgendwie, bei sich zu sein, oder?
Dieter Düvelmeyer: Ja, genau. Richtig. Oder sonst bist du nämlich außer dir. Ja, ich meine das. Ja, ich habe das auch so in meinem Buch beschrieben. Es geht darum, bei sich zu sein und andere dazu einzuladen, offen zu sein, bei mir zu sein, bei sich zu sein. Andere dazu einzuladen, dich zu betrachten.
Jana: Okay. Also kein Konstrukt zu betrachten, sondern dich zu sehen. Das ist ja spannend. Erzähl mir mal kurz von deinem Buch, bitte.
Dieter Düvelmeyer: Der Titel ist »Bestens vorbereitet und entspannt zum Schauspiel-Shooting«. Da sind eigentlich all die Dinge drin, die ich so im Laufe der Jahre, im Zwischenjahr, Jahrzehnte irgendwie so herausgefunden habe, wie man sich einfach auf so ein Shooting vorbereitet. Also ganz banal, welche Klamotten man anziehen kann, wie man zu diesen Klamotten kommt. Es geht um Rollenprofile, also diese ganzen Basics und so weiter. Es geht aber dann auch darüber hinaus, indem ich also beschreibe, was man vor der Kamera tun kann, um authentisch zu wirken. Weil es geht eigentlich nie um Aussehen, in der Mode eventuell, aber ansonsten geht es überhaupt nicht um Aussehen, sondern es geht immer um Wirkung. Und die Frage ist immer: Wie wirke ich eigentlich? Und da lege ich meinen Fokus auch drauf. Wenn ich dann mit den Leuten arbeite, dann machen wir zusammen ein paar Fotos, ich zeige die dann hier am großen Screen und zeige den Leuten, wie sie wirken, und bringe sie davon ab zu sehen, dass das eine Auge größer ist, die Nase schief, hier irgendwas abhängt und da was komisch ist und so weiter.
Jana: Aber warte mal ganz kurz, ich gehe nur auf den Ausdruck ein. Ganz kurz nochmal, um auf dein Buch zu sprechen zu kommen: Dein Buch ist praktisch eine Zusammenfassung deines Wissens, das du dir angeeignet hast über Jahre und Jahrzehnte als Fotograf, Porträtfotograf. Ich meine, du bist ja auch tatsächlich... Ich habe ja Fotos auch von dir gesehen, die auf Konzerten und so stattfinden, wo die Leute sich gar nicht bewusst sind, dass sie zwangsweise fotografiert werden. Also sie wissen wahrscheinlich schon, dass fotografiert wird, aber sie stehen jetzt nicht so im Fokus der Kamera, sondern sie sind halt dabei zu singen und das zu tun, was sie gerne tun und was sie auch wahrscheinlich sehr, sehr gut können. Und in dem Moment sind sie natürlich viel mehr bei sich, als wenn sie plötzlich der Kamera gegenüberstehen.
Dieter Düvelmeyer: Also, das kippt, es ist interessant, das kippt dann auch manchmal. Also, bei der Bühnenfotografie, wenn sie dann mitkriegen, ah, es wird fotografiert, dann ändert sich sofort der Gesichtsausdruck. Ich habe aber auch schon Fotos gemacht, wo Leute absolut so die Kamera gucken. So ein Schlagzeuger zum Beispiel, aber der guckt wirklich durch mich durch, der ist so in seinem Ding drin. Der guckt in meine Richtung, der guckt in die Kamera.
Jana: Der sieht dich gar nicht.
Dieter Düvelmeyer: Nee, der guckt einfach wirklich komplett durch, auf den nächsten Stern. Das ist also sowas von in die Ferne fokussiert. Ist ein tolles Foto geworden. Ich liebe das, weil das ist so ein Double-Take, du guckst das zweimal hin und denkst dir, wo guckt der eigentlich hin? Aber das Buch richtet sich überhaupt nicht an Fotografen, sondern es richtet sich einzig und allein an Schauspielerinnen und Schauspieler und gibt ihnen einfach Hilfestellungen, wie sie sich am besten vorbereiten können. Und ja, auf was sie achten können. Es geht auch um Hair-and-Make-up. Es geht darum, verschiedene Epochen bei so einem Shooting abzubilden, wie so ein Shooting überhaupt abläuft. Ja, und so weiter und so weiter, es gibt dann noch eine Reihe von Tipps, auch so mentale Übungen und so weiter. Wie gesagt, es richtet sich einzig und allein an Schauspielerinnen.
Jana: Cool. Aber du fotografierst ja nicht nur Schauspieler und Schauspielerinnen, sondern auch überhaupt Menschen. Genau. Und die meisten Menschen... Also, ich rede jetzt wahrscheinlich von mir, aber ich drücke es mal allgemeiner aus: Die meisten Menschen, die zu dir kommen, mögen es nicht, Fotos von sich selbst machen zu lassen. Furchtbar. Was steckt denn aus deiner Erfahrung hinter dieser Angst?
Wir kennen uns über unser Spiegelbild. Aber das bin nicht ich, das ist ja spiegelverkehrt.
Dieter Düvelmeyer: Das Erste, was ich dann nennen würde, ist: Die Leute haben Angst vor Bewertung. Verstehe ich. Das Zweite ist, da haben wir vorhin schon drüber gesprochen, es hat wirklich einfach was mit diesem Negativitäts-Bias zu tun. Wir sind konzentriert auf negative Dinge. Stell dir ein Klassenfoto vor oder ein Gruppenfoto: Wo guckst du als Erstes hin? Gott, wie sehe ich denn aus? Wie gucke ich denn da? Du betrachtest nicht das ganze Bild. Du betrachtest zuerst nur dich. Ja, und das sind so die wesentlichen Sachen. Was natürlich auch noch dazu kommt, eine Kleinigkeit, die aber viele unterschätzen: Wir kennen uns über unser Spiegelbild. Wir sind im Bad, abends, wie auch immer, und dann sehen wir ein Foto von uns und denken, ja, ich sehe, dass das ich bin. Aber das bin nicht ich, das ist ja spiegelverkehrt. Aber so sehen uns die Leute. Und das ist eine totale Irritation. Du weißt, das bist du, weil du schließlich dabei warst, als dieses Foto gemacht wurde, und du denkst, das bin aber nicht ich, das ist doch schief, meine Nase ist doch nicht schief.
Jana: Ich habe mal eine Frage an dich, ganz anders. Und zwar, seit der Corona-Pandemie haben wir ja praktisch alle unser Business auch sehr auf das Gespräch via Internet verlegt, jedenfalls viele. Bevor wir hier angefangen haben, hast du mich ja gefragt, ist mein Bild spiegelverkehrt oder ist es richtig rum. Das fand ich schon mal sehr interessant. Aber was ich auch interessant finde: Ich habe ungefähr vor zwei Jahren angefangen, die Selbstansicht in Zoom-Meetings auszuschalten. Ich sehe mich nicht, weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass ich, wenn ich in einem Meeting bin und mich selbst sehe, egal ob ich zu zweit bin oder ob es mehrere Leute im Raum gibt, unweigerlich mit mir selbst beschäftigt bin. Und das mag ich nicht. Das ist schon ein bisschen eine Macke, die wir auch entwickelt haben, oder?
Dieter Düvelmeyer: Ja, die Frage ist, womit? Also, du hast gesagt, du bist damit beschäftigt, auf dein Konterfei zu gucken. Womit bist denn du beschäftigt?
Jana: Ja, wie wirklich? Wie sehe ich aus? Habe ich irgendwo einen Pickel? Liegen die Haare richtig?
Dieter Düvelmeyer: Ja, genau.
Jana: Ist das furchtbar?
Dieter Düvelmeyer: Ja, es ist nicht relevant.
Jana: Genau, es ist nicht relevant.
Dieter Düvelmeyer: Das ist einfach überhaupt nicht relevant, weil die Leute... Und das ist ja das Ding an einem Foto: Das ist wirklich ein Bruchteil einer Sekunde aus dem Leben. Da achtest du auf komplett andere Sachen als zum Beispiel im Video. Beziehungsweise, wenn wir im Gespräch sind, dann interessiert mich nicht, ob du dann eine temporäre Unpässlichkeit hast. Ich will hören, was du sagst, mich interessiert das. Das ist eine ganz andere Relevanz. In der Bewegung zum Beispiel kriegen die Dinge eine andere Bedeutung, da spielt die Gestik und so weiter rein. Das ist alles das, was bei einem Foto dann wegfällt.
Jana: Ja, du fotografierst Menschen in dem Moment, wo du dich mit ihnen unterhältst, wo du mit ihnen im Gespräch bist, wo du mit ihnen in einer Aktion drinsteckst. Und du behauptest dann, und das steht auf deiner Website: »Wer sich nur halb so ernst nimmt, kann doppelt so viel Spaß haben.« Glaubst du denn, das ist der Schlüssel gegen diese Angst?
Dieter Düvelmeyer: Welches?
Jana: Humor.
Dieter Düvelmeyer: Humor? Auf jeden Fall. Also, wenn ich die Leute fotografiere, sind wir natürlich nicht im Gespräch, weil sonst habe ich ständig einen offenen Mund, in der Art und Weise, wie ich ihn nicht will. Ach so, das ist total wichtig. Ich unterhalte mich mit den Leuten während des Shootings, aber wenn wir Fotos machen, dann fange ich manchmal auch ein Gespräch an. Es kommt immer auf die Situation an, wo ich die Leute kriege, für das, was ich von denen will. Für mich sind einfach zwei Dinge wichtig: Erstens, dass die Leute Vertrauen haben, dass die Leute entspannt sind, weil sonst können sie dann nicht in einer Situation sein. Ich brauche die Leute in einer Situation, und wie gesagt, nicht in der Situation, dass sie vor der Kamera stehen. Also, bei Schauspielern zum Beispiel spreche ich einfach bestimmte Rollentypen an oder so, dass sie sich einfach in eine Situation begeben. Manchmal überrasche ich sie auch, wenn ich einen bestimmten Ausdruck haben will. Oder so ein ganz einfaches Ding als Beispiel: Stell dir vor, da hinten kommt einfach dein Liebster um die Ecke. Oder es gibt Dinge, die du weißt, mir aber nie erzählen würdest, weil sie einfach so gefährlich sind, weil sie einfach nicht für mich bestimmt sind, weil du weißt, dass es nicht meine Art von Humor ist oder sonst irgendwas. Sie denken dann über bestimmte Dinge nach, und sie bleiben dann, oder sollen einfach mit dem Blick bei mir bleiben, und darüber kommt einfach dieses Authentische.
Jana: Zwei Fragen noch?
Dieter Düvelmeyer: Ein anderes Ding, womit ich das vorbereite, ist, ich gebe eine Zufriedenheitsgarantie. Das heißt, wenn die Fotos nichts werden, dann brauchen sie auch nichts zu bezahlen. Und das ist die halbe Miete für mich, weil ich bin so ein super Prüfungsängstling gewesen. Ich möchte nicht, dass die Leute in die Situation kommen, so angespannt sein zu müssen, weil es kostet Geld und Zeit und so weiter. Nee, also, genau, Nerven. Entspannung ist für mich das Allerwichtigste.
Jana: Ja, Entspannung ist aber ja auch so ein ziemlicher Kaugummi-Begriff, wenn ich es mal so sagen darf. Also, wenn ich jetzt mich frage, was entspannt mich, wenn ich jetzt zu einem Fotoshooting gehen möchte, was mich definitiv entspannen würde, ist ganz, ganz klar: Kleidung. Ich hatte das jetzt letztes Wochenende erst wieder, große Familienfeier, und ich war angezogen, obwohl es so warm war, und ich fühlte mich im Beisein der anderen overdressed. Und das ist kein gutes Gefühl. Also, in dem Moment bin ich schon nicht mehr entspannt, also schon gar nicht bei Fotos, die natürlich gemacht wurden. Und, also, Kleidung, sicherlich ist das ein Thema, das du in einem Vorgespräch auf jeden Fall mit anbringst. Beziehungsweise, und das ist der zweite Punkt, ich kenne ja einige Arbeiten von dir: Wie ist das mit den Orten? Besprichst du dich mit deinen Kundinnen über die Orte, wo die Shootings stattfinden? Oder bist du da der Regisseur, der aufgrund der Vorgespräche schon ein bisschen denkt, ah, das wäre eigentlich der richtige Ort für diese Person?
Dieter Düvelmeyer: Ja, also, es gibt quasi zwei Standbeine. Das eine ist professionelle Business-Fotografie, das andere sind Schauspielfotos. Bei Schauspielfotos geht das alles vom Rollenprofil aus, und danach wähle ich auch die Hintergründe. Es kann aber auch einfach passieren, dass wir irgendwo langgehen und sagen, die Klamotte zu der Mauer, also bitte, komm, das müssen wir jetzt fotografieren. Und wir vergessen dann die anderen Locations von mir aus oder fotografieren halt nicht so viel davon. Bei professioneller Business-Fotografie geht es um was anderes. Also, da geht es im Wesentlichen ja darum, dass die Fotos nicht meinen Kunden gefallen müssen, sondern den Kunden meiner Kunden.
Jana: Du hast nochmal einen anderen Blick drauf. Das stimmt.
Dieter Düvelmeyer: Es ist ein komplett anderer Blick. Und wenn die Leute sagen, ja, ich mag aber Blau, und es passt einfach nicht zu ihrem Business, dann schlage ich was anderes vor. Also, für mich ist da einfach, was bei dem einen sozusagen das Rollenprofil ist,
Jana: worüber wir sehr viel sprechen im Vorfeld,
Dieter Düvelmeyer: ist einfach bei der Business-Fotografie: Was für Kunden hast du eigentlich, wo willst du hin? Und dann mache ich Vorschläge, wo wir das dann fotografieren. Also, wenn Leute zu mir kommen, sage ich, ich brauche einfach noch ein paar Headshots, Studio reicht. Und dann frage ich erst mal, okay, ja, was für einen Kunden hast du oder Patienten oder Klienten? An wen will ich verkaufen, was will ich verkaufen? Was ist ein guter Hebel, sage ich mal? Und dann heißt es, wir machen das nicht im Studio, sondern wir machen das bei dir im Büro, oder wir machen das vor deiner Haustür, oder wir gehen dann zum Potsdamer Platz, wie auch immer. Es muss einfach passen. Da bin ich einfach zu sehr meiner Ausbildung verpflichtet. Als Produktdesigner ist für mich ein Foto in erster Linie ein Produkt, das verkaufen soll. Und es geht immer darum, herauszufinden, wie sich das am besten verkauft. Wie kommt es am besten an? Und es hat auch schon Situationen gegeben, wo ich gesagt habe, ich bin der Falsche. Also, ich fotografiere dich nicht, weil das einfach nicht passt oder weil deine Vorstellungen nicht zu meinen passen. Und weil ich nicht denke, dass es gut ist für dein Business, dass du mit dieser Art der Fotografie... Ist auch schon vorgekommen. Oder dass ich gesagt habe, Leute, für mich verkörperst du das noch nicht. Also, du kommst mit dem, was du sagst und wie du dich verhältst, für mich nicht so richtig authentisch rüber. Für mich ist das zu aufgesetzt.
Jana: Okay.
Dieter Düvelmeyer: Ja, das ist...
Jana: Das ist ja interessant, so der Blick als Fotograf. Ja, ich bin da sehr, sehr streng. Ja.
Dieter Düvelmeyer: Aber das hilft den Leuten.
Jana: Ja, na klar hilft das. Naja, es ist ja ehrlich.
Dieter Düvelmeyer: Ja, also andere Leute würden dann möglicherweise sagen, okay, klar, mach ich Fotos, mir auch egal, so nach dem Motto, ich kriege mein Geld und der Nächste bitte. So bin ich einfach nicht gestrickt. Und das ist manchmal auch ziemlich ärgerlich, weil es dann irgendwie knapp in der Kasse ist. Aber ich mag mich da einfach auch nicht verbiegen. Ich finde es auch wichtig, dass die Chemie stimmt.
Jana: Komme ich jetzt noch mal auf die andere Perspektive zu sprechen, und zwar einfach mal so aus dem Bauch heraus, aus deiner Erfahrung: Gibt es da einen Moment, in dem du zuschaust, wie jemand anfängt, sein eigenes Foto zu mögen?
Dieter Düvelmeyer: Ja, das ist natürlich jedes Mal so. Und das ist auch der Grund, warum ich Fotograf bin, weil das sind einfach Sternstunden. Das ist einfach groß. Ja, ich habe auch schon mit Kundinnen irgendwie... Ja, da hat einfach alles gepasst. Weißt du, wir hatten dann irgendwie noch, sie wollte sich so ein bisschen verkleiden, und wir haben dann irgendwie so 30er-Jahre-Musik aufgelegt, aber so Richtung Satie, also klassisch. Und, ach, ich kriege jetzt noch Gänsehaut, wir haben vor dem Screen gestanden und haben geheult.
Jana: Ja.
Dieter Düvelmeyer: Ich weiß nicht, ich erzähle heute so viel über das Heulen, aber es ist wirklich so. Es hat uns beide einfach so berührt. Wir haben uns in den Arm genommen, wir kannten uns nicht oder kaum. Und solche Situationen gibt es. Das ist wirklich verrückt, dass du auch diese Frage stellst, weil es gibt wirklich, für mich jedenfalls, diesen Moment, wo die Leute anfangen zu strahlen, also beim Fotografieren. Und dann, weißt du, du machst irgendwie eine Sequenz von fünf Bildern, und die ersten drei sind toll, super. Dann kommt das vierte, und da hast du wirklich das Gefühl, als wenn in den Pupillen eine kleine Kerze angegangen ist, das wird ein bisschen heller. So, und das fünfte ist dann wieder... Ja, dann geht er oder sie wieder raus aus diesem Gefühl oder so. Großartig.
Jana: Lieber Dieter, ich möchte eine andere Frage noch in den Raum stellen. Und zwar, sind Menschen schön?
Dieter Düvelmeyer: Ja, es ist völlig egal, wie sie aussehen. Menschen sind schön. Ich habe so viele wirklich auch wunderschöne Frauen kennengelernt, die sich selber einfach nicht schön finden. Wo du irgendwie denkst, wie kann man nur auf so eine Idee kommen, sich selber nicht schön zu finden. Für mich liegt die Schönheit einfach in der Ausstrahlung. Und das hat viel auch mit einer gewissen Art von Selbstbewusstsein zu tun. Wie hast du vorhin gesagt? Eigensinn, genau.
Jana: Eigensinn, genau, mit dem Eigensinn.
Dieter Düvelmeyer: Wenn du auf Leute triffst, denen es völlig egal ist, wie sie aussehen, dann können die so eine tolle Ausstrahlung haben. Oder wenn sie sich mit ihrem Aussehen wirklich abgefunden haben. Ich spreche da eine ganz spezielle Situation an. Ich hatte, als ich noch das Studio unten hatte, kamen ab und zu Leute rein und wollten Passfotos haben. Und ich habe auch natürlich Passfotos gemacht, aber nicht der Passfotos wegen, auch nicht des Geldes wegen, sondern ich wollte die Leute einfach kennenlernen und wollte denen einfach einen schönen Moment schenken, was mir einige dann auch irgendwie zurückgespiegelt haben. Ich wollte eigentlich Passfotos, aber jetzt haben wir einen Kaffee zusammengekriegt, das war viel besser. Und die Fotos, die sind ja sowieso super, so nach dem Motto. Ich kam zurück von einem Shooting mit einem Schauspieler. Wir hatten die Vorhänge unten zugezogen. Er hatte jetzt aber kein Schild reingehängt, dass das zu ist, dass ich keine Fotos machen kann. Dann klopfte es an der Tür. Ich mache den Vorhang weg und habe mich wirklich erschrocken, weil mich eine Frau angeguckt hat, die ein komplett entstelltes Gesicht hatte. Die eine Hälfte war noch sozusagen okay, die andere hing mehr. Man hatte ihr, wie sich dann nachher im Gespräch herausstellte, einen Tumor wegschneiden müssen und daraufhin eine Reihe von Nerven zerstört. Die Frau sah wirklich, ich sag mal, erschreckend aus, leider. Aber sie war unfassbar schön, weil sie so eine offene Art hatte. Sie hatte ungelogen so ein dickes, grünes Lederportemonnaie, wo ihre Lebensgeschichte quasi drin war, die sie uns erzählt hat. Ich habe mit ihr Fotos gemacht, und die waren toll, und sie ist dann raus, und dann mache ich den Vorhang wieder zu, und wir guckten uns an, also der Schauspieler und ich, und beide quasi unisono: War das nicht Wahnsinn? Was für eine Frau. Und das war einfach...
Jana: Erstaunlich, dass du sie nicht weggeschickt hast. Nee, es ging überhaupt nicht.
Dieter Düvelmeyer: Kennst du wahrscheinlich auch solche Situationen, wo du einfach Dinge machst, wo du erst mal so denkst, warum machst du das jetzt eigentlich, und du machst sie einfach, und eine komplett neue Welt öffnet sich. Und so eine Begegnung war das. Und die Art, wie sie geguckt hat und wie sie gesprochen hat, war für mich einfach unheimlich schön. Genauso schön wie auch ein Porträt im allgemeinen Sinne.
Jana: Weil du sagtest, so entstelltes Gesicht und so weiter. Wir leben ja in digitalen Zeiten. Und wir leben auch, und das schon lange vor KI, in Zeiten von Weichzeichnern und Retusche. Gut, Retusche fand übrigens ja auch analog statt, also das ist ja keine neue Erfindung. Nein, nein. Auch Personen rauszuschneiden, Gegenstände rauszuretuschieren oder sonst irgendwas auszubilden. Das ist alles schon vor 100 Jahren auch gemacht worden. Und trotzdem finde ich ja, dass genau dieser sogenannte Makel... Bei der Frau war es sicherlich jetzt ein extremes Beispiel, aber dieser kleine Makel, den wir haben, ein Leberfleck, eine Narbe, eine schiefe Nase oder eben ein Augenlid, das auf der einen Seite das eine Auge so ein bisschen zugehängt wirken lässt und so weiter. Oder gar die Brille. Also, wie viele Menschen haben Probleme, eine Brille zu tragen. Und wie gehst du mit dem Thema Retusche oder Verschönern um?
Dieter Düvelmeyer: Ich mache temporäre Unpässlichkeiten weg.
Jana: Na, das ist ja mal ein schöner Ausdruck.
Ich liebe Macken.
Dieter Düvelmeyer: Ja, genau. Temporäre Unpässlichkeiten, wie der Name schon sagt: dicker Pickel. Genau, mal wieder einen Riegel zu viel gegessen oder das falsche Getränk, keine Ahnung, und man kriegt einfach einen Pickel. Oder ein Gerstenkorn. Bei einem Gerstenkorn, da kann man nur sagen, wir machen einen neuen Termin, geht einfach nicht. Gut, aber ansonsten, kleine Pickel und so was mache ich weg. Bei Falten, da hört es schon so langsam auf. Ich mache keine Beauty-Retusche, also ich prinzipiell nicht, weil ich das nicht gut finde, beziehungsweise weil es auch nicht... Also, was Schauspielerfotografie angeht, Schauspielfotografie, da ist es komplett fehl am Platz. In der Businessfotografie rede ich auch vorher mit den Leuten und sage, dass ich das nicht mache, dass ich das nicht möchte, weil ich, ja, ich liebe Macken. Und ich finde diese aufgespritzten Lippen und so weiter... Ich hatte mal ein Shooting mit jemandem, die aufgespritzte Lippen hatte und Botox, es war furchtbar. Das war das einzige Shooting, das ich gemacht habe, ohne die Frau vorher zu sehen. Vorher stand das für mich schon fest, aber danach ist es wirklich eingemeißelt: Ich mache keine Shootings, ohne die Leute vorher gesehen zu haben. Beauty-Retusche ist einfach nicht mein Thema, weil ich keine Beauty-Fotografie mache. Für mich hat das was mit Ehrlichkeit zu tun. Deswegen sind auch so KI-generierte Bilder, was man auch so auf LinkedIn und so weiter sieht, wo in irgendwelchen Diskussionen, guck mal hier, hier stehe ich auf der Bühne, und da bin ich auf Mallorca, und hier bin ich im Centre Pompidou, keine Ahnung, alles KI-generiert... Ich finde, das ist einfach eine große Verarsche. Ich möchte mich von den Leuten nicht verarschen lassen. Und ich möchte nicht, dass meine Kunden ihre Kunden verarschen. Aber ich war ja
Jana: tatsächlich auf die Frage nach dem Beauty gekommen und nach dem Muttermal, das man irgendwo hat, oder eben die Brille oder so. Und ich finde ja auch, das ist genau der Eigensinn, genau die Individualität, genau das, was einen Menschen ja dann auch ausmacht: dass nicht alles perfekt ist. Sondern das ist halt das Lebendige. Und das Lebendige finde ich schön. Und damit kann ich dann auch sagen, also, ich finde Menschen schön. Und zwar im Grunde genommen
Dieter Düvelmeyer: egal, wie sie aussehen. Ja, richtig. Genau, so geht es mir auch. Und dann gibt es halt eben, dann gibt es einfach diese Momente, wo diese vermeintlich hässlichen Leute strahlen. Und wo du ... Das ist ja, es ist nicht zu bezahlen. Es ist großartig. Es sind einfach so die absoluten Sternstunden. Es ist wirklich toll. Menschen sind schön, egal wie sie aussehen.
Menschen sind schön, egal wie sie aussehen.
Jana: Das finde ich, ist ein super schöner Satz, um jetzt überzuleiten auf mein Quiz. 14 Fragen, die ich dir stellen möchte: Ja oder nein. Lass dich überraschen.
Dieter Düvelmeyer: Bin gespannt.
- Findest du Smalltalk vor dem eigentlichen Gespräch schön? –> Ja.
- Kann ein verwackeltes Foto schön sein? –> Ja.
- Ist es für dich schön, fotografiert zu werden? –> Ich hasse es, fotografiert zu werden. Ich finde es ganz schlimm. Ach, um Gottes Willen.
- Sind Selfies schön? –> Ja, aber nicht generell.
- Findest du Schwarz-Weiß-Fotografie schöner als Farbe? –> Schwarz-Weiß ist ziemlich interessant. Ja, ich glaube ja.
- Sag mal, kann Lampenfieber schön sein? –>Nee
- Findest du eine Jazz-Improvisation schöner als ein durchkomponiertes Stück? –> Kommt wieder drauf an. Ich habe aber so viele unfassbar improvisierte Sachen gehört, dass ich eher dazu tendiere, die Improvisation zu nehmen. Es kommt echt drauf an, wer das macht.
- Ist es schön, sich selbst nicht ernst zu nehmen? –> Ja.
- Kann ein Doppelkinn auf einem Foto schön sein? –> Ja.
- Findest du Symmetrie im Gesicht schön? –> Gibt es nicht.
- Kann ein zu lautes Lachen schön sein? –> Ja, steckt ja schon irgendwie mit „zu laut". Die Bewertung steckt ja schon in der Frage. Mit dieser Bewertung würde ich sagen, nein.
- Ist es schön, vor der Kamera alt zu werden? –> Ja.
- Macht technische Perfektion ein Foto automatisch schön? –> Nein, auf gar keinen Fall.
- Ist es schön, wenn ein Kunde sein eigenes Bild zunächst nicht mag? –> Mir rattern jetzt so viele Situationen durch den Kopf, wo das so war. Ich fand die Situation nicht schön, aber hilfreich. Aber hilfreich.
Jana: Ganz zum Schluss. Was findest du an deiner Arbeit schön?
Dieter Düvelmeyer: Ja, die Sternmomente, über die wir gesprochen haben. Also, mit den Leuten zu sein, bei den Leuten zu sein, sich näher zu kommen. Ja, es ist einfach so, es kommt einfach häufig vor, wenn die Leute gehen, dass wir dann denken, also beide Seiten irgendwie denken, was für eine Begegnung. Also, oder... Ich hatte jetzt gerade das, das Ding: Ich habe einen Schauspieler fotografiert, seine Agentin kam dazu, und wir saßen im Auto, wir sind mit seinem Auto gefahren, sind dann wieder ins Studio, uns verabschiedet. Auf der Fahrt zu uns fragte sie, sag mal, wie lange kennt ihr euch eigentlich? Und wir haben uns angeguckt: Wir haben uns heute das erste Mal gesehen. Und das wollte sie nicht glauben. Und so sind meine Shootings. Also, da will ich einfach hin, weil es nicht um Fotos geht. Es geht einfach darum, sich kennenzulernen, ab und zu mal ein bisschen auf die Taste zu drücken und sich näherzukommen, und wenn dabei zu reden, einfach zusammen eine gute Zeit zu haben.
Jana: Ja, und das führt zu guten Bildern. Das kann ich mir sehr, sehr gut vorstellen. Lieber Dieter, ich freue mich, dass wir uns heute über den schönen Menschen unterhalten haben und die große Liebe zu deinem Beruf, und sage ganz herzlich danke.
Dieter Düvelmeyer: Ja, ich danke dir für die Möglichkeit, für das Gespräch.