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Ist das schön?!

Der Podcast über die Kraft, die im Schönen steckt.

Episode #6 | 27. März 2026

Schön ist unkaputtbar

Über ein Wort, das alles aushält, sich gegen sich selbst verwenden lässt und aufhört, ein Adjektiv zu sein.

»Schön« sei das meistmissbrauchte Wort der deutschen Sprache. Das hat mir jemand gesagt, von dem ich es am wenigsten erwartet hätte: die Schönheit selbst.

Ich habe ihr widersprochen. Laut. Und mit Überzeugung. Denn ich glaube: #Schön ist unkaputtbar. Kein anderes Wort hält so viel aus.

  • Es beschreibt eine Melodie und einen Sonnenuntergang und eine gut gemachte Tabelle, alles gleichwertig und ohne sich zu widersprechen.
  • Es verpackt Bitterkeit, ohne eine Lüge aufzutischen.
  • Es lässt sich gegen sich selbst verwenden und überlebt das erstaunlich gut. Praktisch ohne Kratzer.
  • Es drückt eine Haltung aus, für die wir eigentlich viel mehr Worte bräuchten und trotzdem reicht dieses eine.
  • Und manchmal kommt es kurz und knapp und in ganz stiller Form daher: Schön. Ein Wort als ein ganzer Satz. Kein Adjektiv mehr. Eher ein Atemzug.

In dieser Solo-Episode verteidige ich dieses wenig hinterfragte, schnell gesagte, leicht gesprochene Wort »schön« und stelle fest, dass es sich eigentlich nicht helfen lassen muss.

Transkript

 

Ich habe immer gedacht, schön ist das am inflationärsten benutzte Wort in unserer Sprache. Ja, ich habe das sogar immer mal wieder in Gesprächen fallengelassen, weil kaum gesagt, schon gehört, überall, ständig. Aber stimmt das eigentlich?

Um meinem gefühlten Denken mit Wissen zu begegnen, habe ich das schlaue Internet befragt. Und siehe da, schön gilt als ein Bewertungswort. Es transportiert Nähe, Haltung und Emotion. Spannend.

Aber dann habe ich mich mit der Schönheit über das Wort schön unterhalten. Und sie wiederum stellte die Behauptung in den Raum: Schön ist das meistmissbrauchte Wort der deutschen Sprache. Ich finde, das ist eine ganz schön starke Behauptung. Noch dazu, wo sie das Ganze mit einem Wort beschreibt, Missbrauch, das mit einer ausgesprochen negativen Konnotation daherkommt.

Ich verstehe sie ja, man hört schön überall: im Supermarkt, im Büro, in der Therapie. „Schön, dass wir darüber gesprochen haben!“ Schön? Wirklich?

Im Gespräch mit der Schönheit habe ich eine Gegenthese aufgestellt und die lautet: "Schön ist unkaputtbar".

Ich bin die Pressesprecherin der Schönheit, das habe ich in der ersten Episode dieses Podcast erklärt und als eine solche fühle ich mich prompt verpflichtet, jetzt einfach mal das Wort schön zu verteidigen. Heute soll es deshalb nur um dieses eine Wort gehen. Nicht um die Idee von Schönheit, sondern um das Wort schön. Denn man kann schön ja tausendmal sagen und trotzdem meint es dauernd etwas anderes.

Stell dir mal vor, du kommst irgendwo an, zu einem Geburtstag, vielleicht auch zu einem Arbeitstreffen oder vielleicht einfach zu jemandem, der auf dich gewartet hat und derjenige sagt dann: „Schön, dass du da bist!“ Was passiert da gerade? Was soll denn damit ausgedrückt werden? Nicht etwa, du siehst schön aus. Und auch nicht, deine Anwesenheit entspricht meinen ästhetischen Erwartungen. Sondern es drückt etwas viel Selteneres aus: „Ich bin froh, dass es dich gibt. Schön, dass du da bist.“

Das ist keine äußere Beschreibung, sondern eher eine Haltung. Also mit diesem kleinen Wort schön wird hier etwas ausgedrückt, für das wir eigentlich viel mehr Worte bräuchten. Und trotzdem reicht dieses eine. Das ist dann keine Inflation und auch schon gar kein Missbrauch, sondern ganz praktisch ausgedrückt ist das Effizienz.

Aber Moment mal, schön kann ja auch ganz anders. Ich stehe im Supermarkt vor den Tomaten und denke: „Ganz schön teuer!“. Ist teuer jetzt schön? Nö, eher ganz im Gegenteil. Aber das Wort, das traut sich etwas. Und zwar traut es sich, meinen Schmerz ein bisschen zu verpacken. Es macht das Bittere dieser Situation oder auch einfach nur meinen Ärger über die Inflation, steigenden Preise und die ganz großen Ungerechtigkeiten in der Welt, irgendwie aushaltbar.

Oder ein anderes Beispiel: „Das ist ganz schön schiefgelaufen.“ Da ist der volle Schaden drin. Aber gleichzeitig könnte es auch ein kleines Augenzwinkern sein, also als würde man sagen: "Ja, das passiert, ich habe es überlebt." Immerhin.

Ich habe hier noch ein krummes "schön"-Beispiel. Wenn jemand sagt: "Na, das ist ja schön." Wenn jemand das sagt und auch noch so (!) schaut, dann weiß ich doch: Da ist nichts schön, gar nichts. Aber das Wörtchen schön, das behält die Fassung. Es ist wie ein kleiner Witz, der die Situation für mich, für andere rettet. Ich finde das bemerkenswert. Das Wort lässt sich gegen sich selbst verwenden und es überlebt. Ohne Kratzer. Fast wie frisch und fröhlich. Das schafft nicht jedes Wort.

Und dann gibt es noch eine ganz andere Variante von schön. So eine ganz stille Form: Schön. Allein. Ein Wort. Ein Wort als ein ganzer Satz. Zum Beispiel so: Jemand erzählt dir etwas, vielleicht eine gute Nachricht, vielleicht eine kleine Geschichte oder einen Traum, egal. Und du hörst zu, bist ganz im Gespräch und sagst: Schön. Das ist keinerlei Bewertung, da ist auch kein Ausrufezeichen dran und es ist schon gar kein Kommentar. Nur: Schön.

In einem solchen Moment hört das Wort doch auf, ein Adjektiv zu sein. Es ist doch eher wie ein Atemzug. Man könnte es sogar als einen Klang oder als einen Ton bezeichnen. In einer früheren Episode habe ich schon mal über die Stille gesprochen und darüber, dass Stille keine Abwesenheit von Klang ist, sondern so etwas wie etwas Vertrautes. Schön als einzelnes Wort erscheint mir gerade als das sprachliche Äquivalent davon. Es macht keinen Lärm, aber es nimmt Raum ein. Und es hält den Raum auch.

Komme ich zurück zu der These der Schönheit. Ist schön wirklich das meistmissbrauchte Wort der deutschen Sprache? Nee, ich glaube nicht. Ich glaube, schön ist das flexibelste Wort der deutschen Sprache. Kein anderes Wort hält so viel aus. Schön beschreibt eine Melodie und einen Sonnenuntergang und eine gut gemachte Tabelle gleichzeitig und ohne Widerspruch.

Zusammengefasst heißt das doch: Schön tröstet, schön ironisiert, schön beendet Gespräche und schön beginnt auch Momente. Und wenn ein einziges Wort das alles kann, ist das dann nicht eigentlich  – schön?

Ich finde, schön ist nicht leer. Schön ist voll. Schön ist proppenvoll. Es ist eines dieser seltenen Wörter, die sich nicht abnutzen, die nicht verschleißen, egal wie oft man sie benutzt. Und weil schön eben nicht beschreibt oder bewertet, was da im Außen ist, sondern ganz trefflich darauf reagiert, was in meinem Inneren resoniert.

Das ist übrigens kein Zufall. Das ist doch das Wesen der Schönheit selbst. Ich erinnere mich an das Gespräch mit Anne Seubert in der zweiten Episode, in dem wir auch ganz ausführlich über die Frage von Schönheit und Resonanz gesprochen hatten.

Wenn ich jetzt ganz zurückgehe, ganz an den Anfang und noch einmal den Duden befrage, der erklärt mir, schön, aus sprachwissenschaftlicher Sicht gesehen, gehört zu den sogenannten Evaluationsadjektiven, also Wörtern, mit denen wir bewerten. – Ja, was denn nun?

Heute gebe ich dir wieder eine Aufgabe mit, eine ganz kleine. Achte doch mal darauf, wann jemand schön sagt oder auch wann du selbst das Wort nutzt. Im Supermarkt, im Gespräch, in einem Nebensatz. Und dann frag dich ganz kurz, was ist denn wirklich gemeint? Ist das eine Beschreibung? Ist das eine Geste oder ein Witz, eine Ironie? Oder ist es auch einfach nur ein Abschluss?

Und dann frag dich gerne am Ende: Ist das schön?