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Ist das schön?!

Der Podcast über die Kraft, die im Schönen steckt.

Episode #12 | 8. Mai 2026

Dreh deinen Blick auf die Ohren

Ein schöner Gedanke: Über Zeitgeber, die uns nicht brauchen und uns trotzdem berühren.

Ich sitze im Gras. Neben mir zeichnet mein Kollege. Wir haben uns an einem Ort verabredet, der nur für sehr kurze Zeit im Jahr wirklich unwiderstehlich ist: die Kirschblütenallee auf dem ehemaligen Grenzstreifen der Berliner Mauer. Alle machen Fotos. Mein Kollege bringt alles aufs Papier. Und dann, mitten in der Blütenfülle, ist da plötzlich ein Piepmatz, der mein Herz hüpfen lässt.

Ich höre die erste Nachtigall in diesem Jahr und frage mich fast zeitgleich: Was passiert eigentlich mit uns, wenn so etwas Schönes uns doch gar nicht braucht?

Diese Solo-Episode dreht sich um Vögel als Zeitgeber, um meinen Balkon im Sommer und Mauersegler, die in irrsinnigem Tempo durch Straßenschluchten schwirren. Und darum, warum Schönheit, die nichts von uns will, uns manchmal am tiefsten berührt.

  • Warum Vögel meine persönlichen Zeitgeber sind und nicht der Kalender
  • Was Birding mit uns macht und warum Millionen Menschen gerade damit anfangen
  • Mauersegler überm Balkon: über einen Reset, den ich nicht bestellt habe
  • Warum Schönheit, die uns nicht braucht, uns manchmal am tiefsten berührt

Was meinst du? Dreh doch heute mal deinen Blick auf die Ohren.

    App-Tipp:
    Wenn du schnell eine Vogelstimme identifizieren willst, dann hilft dir die Merlin Bird ID: merlin.allaboutbirds.org

     

    Transkript

     

    Ich sitze im Gras und neben mir sitzt ein Kollege und zeichnet. Wir arbeiten gerade gemeinsam an einem Kinderbuch. Er ist Illustrator, und wir haben uns dieses Mal an einem ganz besonderen Ort verabredet, der nämlich nur für sehr kurze Zeit im Jahr unfassbar schön ist: die Kirschblütenallee auf dem ehemaligen Grenzstreifen der Berliner Mauer.

    Die Bäume blühen in voller Pracht. Es herrscht eine Völkerwanderung – und die ist inklusive. Alle machen Fotos, und mein Kollege bringt all das aufs Papier: die Blüten, die fröhlichen Gesichter, die Radfahrer, die in Schlangenlinien um die Besucher fahren müssen, und auch die tobenden Hunde. Ich freue mich auch. Diese Blütefülle ist zauberhaft. Wirklich – die Sonne lässt alles erstrahlen, es duftet und es summt deutlich um uns herum.

    Aber dann, ganz plötzlich, ist da so ein Piepmatz, der mein Herz hüpfen lässt. Ich höre sie. Endlich höre ich sie. Eine Nachtigall. Schon seit ein paar Tagen habe ich auf sie gewartet, immer mal wieder die Ohren ausgestreckt – aber sie hat auf sich warten lassen in diesem Jahr. Und jetzt, zum ersten Mal, genau an diesem Tag, unter den Kirschbaumblüten.

    Ihr Gesang ist so vielfältig und so verlockend und so verschiedenartig – mal rufend, mal fröhlich, manchmal durchaus auch fordernd. Und manchmal auch so laut, dass ich zum Beispiel ein paar Abende später, als ich spätabends auf einem Bahnhof in Schöneberg auf die S-Bahn wartete, ihren Gesang gleich neben den Bahngleisen durch die Dunkelheit trällern hörte und dachte: ernsthaft? Das grenzt doch schon an Ruhestörung.

    Im Park bin ich erst einmal ganz aufgeregt und muss dann auch über mich lachen. Und in diesem Lachen steckt schon alles, worüber ich heute sprechen möchte.

    Vögel sind nämlich meine Zeitgeber. Es ist nicht der Kalender oder das Datum auf meinem Telefon – sondern wenn die ersten Amseln so ab Februar in den frühen Morgenstunden anfangen zu singen, dann weiß ich: Jetzt geht’s los. Im April sind es die Nachtigallen, Ende April. Und Anfang Mai – da warte ich schon sehnsuchtsvoll – kommen die Mauersegler. Sie sind die Letzten, die im Frühjahr kommen, und die Ersten, die wieder wegfliegen.

    Doch was ist das Besondere daran? Warum Vögel? Ich kann sie nicht bestellen. Ich kann warten und ich kann wahrnehmen, ob sie da sind. Und genau das macht etwas mit mir. In einer Welt, in der fast alles auf Abruf verfügbar ist, sind Vögel das Gegenteil davon. Sie kommen, wenn sie kommen. Sie gehen, wenn sie gehen. Und ich bin dabei – oder ich verpasse es.

    Und übrigens bin ich damit anscheinend gar nicht allein. Denn gerade erst las ich, dass Millionen Menschen das Vogelbeobachten neu entdecken. Birding wird das neuerdings genannt. Und es betrifft nicht nur ältere Herrschaften, die mit Feldstechern ausgerüstet durchs Moor streifen, sondern junge Menschen, Städter, die sich verabreden, die einfach rausgehen und innehalten wollen. Das wirkt fast wie eine leise Gegenbewegung zu allem, was laut ist. Und ich finde das schön – nicht weil es trendy ist, sondern weil es zeigt: Wir suchen alle nach etwas, das uns nicht braucht, sondern das einfach da ist. Das uns durch sein bloßes Dasein wegführt von den getakteten Zeiten und damit auch ein bisschen vom Leisten-müssen.

    Bei mir sind das die Mauersegler. Fast süchtig sitze ich im Sommer auf meinem Balkon, abends, wenn der Tag sich langsam auflöst. Direkt über mir befindet sich ein Nistkasten, und die Mauersegler brüten dort. Es ist sowieso schon ein Highlight – denn sie sind ausschließlich in der Luft unterwegs. Mauersegler schlafen, fressen, leben in der Luft. Sie landen nicht. Nur in den drei Monaten im Jahr, in denen sie aus südafrikanischen Ländern hier nach Europa kommen, nisten und brüten sie und setzen sich auch mal hin.

    Und wenn die Jungen dann flügge sind, beginnt das ganz große Schauspiel. Sie schwirren in einem irrsinnigen Tempo durch die Abende – immer Runde für Runde um Häuserblöcke oder durch die Straßenschluchten hindurch. Eng und schnell und dabei so unfassbar elegant. Und immer mit diesem Schreien. Diesem schwirrendem Schreien.

    Ich schaue zu und denke jedes Mal dasselbe: Das sieht aus wie eine Horde spielender Kinder. Übermütig, ausgelassen, als hätten sie gerade erst entdeckt, was ihre Flügel können.

    Und dann passiert etwas mit mir. Mein Gesicht wird zu einem großen Grinsen. Ich lausche und schaue. Und alles fällt ab – die Gedanken, die To-dos, das Tempo des Tages. In mir wird es still. Nicht leer, sondern still. Das ist wie ein Reset. Ein kurzes Heraustreten aus mir selbst, ohne dass ich irgendetwas dafür getan habe. Außer, dass ich mich auf den Balkon gesetzt und das geschehen gelassen habe, was gerade geschieht.

    Und das machen die Mauersegler mit mir. Ohne es zu wissen. Denn sie brauchen mich nicht. Genau das ist es, glaube ich. Schönheit, die uns nicht braucht, trifft uns am tiefsten – weil sie eben gar nichts von uns will. Weil sie einfach da ist.

    Ich habe da eine Idee für dich. Dreh doch heute mal deinen Blick auf die Ohren. Ja, du hast richtig gehört. Nicht schauen – sondern hören. Was hörst du gerade? Was ist da draußen vor deinem Fenster, in deiner Straße, über deinem Dach? Vielleicht ist es eine Amsel. Vielleicht eine Taube, die sonst eher für lästig befunden wird. Vielleicht auch nur der Wind oder ein Flugzeug.

    Und dann frag dich kurz:

    Ist das schön?