Ist das schön?!
Der Podcast über die Kraft, die im Schönen steckt.
Episode #14 | 22. Mai 2026
Peu à peu ist schön.
Ein schöner Gedanke: Über Wörter, die lächeln, Sprache als Haltung und ein Lexikon, das man nicht braucht — aber haben will.
Ich sitze auf dem Sofa und denke nach. Dabei hebe ich den Kopf, die Augen wandern in irgendeine Ecke — so kenne ich mich. Dann, mitten in den Gedankenwolken, ploppen so weiche P-Laute in meinem Kopf: Peu à peu. Warm, tänzelnd, irgendwie fröhlich. Und ich frage mich fast zeitgleich: Warum macht mich ein Wort glücklich, bevor ich überhaupt seinen Sinn erfasst habe?
Diese Solo-Episode dreht sich um Sprache jenseits von Bedeutung. Um Wörter, die klingen, riechen, Gewicht haben und manchmal sogar eine Temperatur. Um ein Lexikon, das ich nicht brauche und doch nicht weglegen kann. Und darum, warum schöne Sprache keine Frage des Bildungsgrads ist, sondern eine Entscheidung.
- Warum Peu à peu tänzelt und „nach und nach" das nicht tut
- Was Heimweh und Homesickness über die Schönheit von Sprache verraten
- Über ein Lexikon, das Wörter an Zitate knüpft — und warum das der richtige Weg ist
- Und ob du heute einmal zuhörst, wie deine Sprache klingt
Wie klingt deine Sprache? Peu à peu — fang einfach an.
Links
»Lexikon der schönen Wörter« von Roland Kaehlbrandt und Walter Krämer: https://www.piper.de/buecher/lexikon-der-schoenen-woerter-isbn-978-3-492-31511-1
Die Textzusammenfassung meines 5-Minuten-Vortrags auf dem Storytelling-Symposium von Anja Timmermann: https://janaschlosser.de/warum-ich-in-buechern-schnueffle
Transkript
Wenn ich nachdenke, und, so gut kenne ich mich inzwischen, hebe ich beim Nachdenken den Kopf. Die Augen wandern in irgendeine Ecke, schauen nach innen, ein lieblicher Raum ohne Konturen, oder sie starren auf irgendetwas in der Ferne, ohne tatsächlich hinzusehen. Und während dessen wabern meine Gedanken durch die Gehirnwindungen — so stelle ich mir das jedenfalls vor. Und manchmal denke ich:
Aha.
Und manchmal entschlüpft mir auch ein Uff oder Oha. Und dann habe ich ganz bedeutungsvoll irgendwelche neuen Erkenntnisse. Der Grund, weshalb ich diesmal stutzig geworden bin, war aber ein anderer. Und zwar war plötzlich ein ploppendes Geräusch in meinem Kopf. Peu à peu. Ich spreche diese Silben gar nicht aus, sondern ich höre die weichen P-Buchstaben wie kleine Knaller in meinem Kopf und bin daraufhin stutzig geworden. Peu à peu. Das klingt warm und fröhlich und irgendwie ganz anders als zum Beispiel „bit by bit“ oder auch „nach und nach“. Kein Vergleich. Peu à peu. Das hat etwas Tänzelndes, etwas Leichtes. Als würden die Silben beim Aussprechen selbst ein bisschen lächeln oder mich foppen. Und dann frage ich mich: Warum macht mich ein Wort glücklich, bevor ich überhaupt seinen Sinn erfasst habe?
Ich bin der festen Überzeugung: Sprache bedeutet nicht nur. Sprache klingt und sie riecht auch.
Und manchmal hat sie Gewicht und manchmal hat sie sogar eine Temperatur und auch ein Gefühl. Und dazu muss sie nicht zwangsläufig in ihrer inhaltlichen Aussage verstanden werden. Jedenfalls habe ich das bereits bemerkt in meinem Gespräch mit Sanja Jardin, wo es in Episode #5 um Englisch ging und wir über meine englischen Lieblingswӧrter sprachen. Wörter, die ich einfach schön finde, die ich gar nicht unbedingt verstehen muss, sondern die schon aufgrund ihres Klangs so ein muliges Gefühl in mir auslösen. »Bumblebee« war da zum Beispiel ein Beispiel — das gehörte dazu, weil es die brummige und zugleich torkelige Art der Hummeln für mich deutlich fühlbarer ausdrückt als das deutsche Wort »Hummel«, wobei ich auch die Hummel ganz schön finde.
Noch stärker finde ich es zu bemerken in dem Wort »Heimweh«. Auf Englisch heisst das »Homesickness«, krank vor Heimat. Das klingt so ein bisschen wie eine Diagnose. Da empfinde ich das deutsche Wort Heimweh eher wie ein Weh, wie ein Ziehen, ein Sehnen. Beide Wörter beschreiben das gleiche Gefühl und doch drücken sie verschiedene Emotionen aus, und sie fühlen sich auch völlig verschieden an. Vielleicht ist das jetzt genau eine Erklärung dafür, warum Menschen, die mehrere Sprachen sprechen, oft von der einen in die andere switchen, also von der einen in die andere fallen, weil sie einen Gedanken hier oder da jeweils besser ausdrücken können. Gerade eben war ich noch eine Runde spazieren. Ich wollte zwischen der abgeschlossenen Auftragsarbeit und dem Einsprechen dieser Episode mich ein bisschen erholen und ging eine Runde raus. Doch der geplante, gemütliche Spaziergang unter großen Bäumen im Park verwandelte sich nach der Hälfte zu einem Wettlauf mit dem Wetter. Ich musste mich sputen und verlor dann auf den letzten Metern doch gegen den Gewitterregen und wurde pudelnass. Sputen. Pudelnass.
Sputen jedenfalls, das ist auch so ein Wort, das nur noch selten zu hören ist. Es drückt an sich Stress aus, aber es hat nicht die Wirkung von Stress. Ich bin spät dran, ich muss mich beeilen, es ist kurz vor knapp, doch die Eile hat so einen alten, warmen Klang. Sputen. Als ob jemand Großmütterliches die Hand auf mich legt und so ein bisschen nachhilft.
Und mir scheint und darum erzähle ich das hier, dass Worte, die wir wählen, formen. Auch formen, wie wir etwas erleben.
Doch was sind schöne Worte? Und wer könnte das überhaupt bestimmen? Denn wie alles in der Schönheit ist es doch immer eine Angelegenheit, die im Auge des Betrachters liegt. Als bekennender Fan von Lexika habe ich gerade ein neues Buch erstanden: das Lexikon der schönen Wörter. Jetzt mal kurz rein.
Wie ich zu meiner Liebe für Lexika gekommen bin, das hatte ich übrigens in einem 5-Minuten-Vortrag auf dem Storytelling-Symposium von Anja Timmermann im letzten November erzählt. Denn die Liebe zu dieser Art von Büchern trage ich schon seit meiner Kindheit in mir.
Und jetzt habe ich also noch ein weiteres in meiner Sammlung. Noch dazu eins über schöne Wörter. Das Buch ist keine Satire über die deutsche Sprache und die schwierige deutsche Grammatik und auch nicht über die doch recht kuriose Art von zusammengesetzten Substantiven. Sondern es ist eher eine Liebeserklärung: an die Sprache und an ihre unglaubliche Vielfalt.
Wir sprechen, aber wir nehmen Wörter selten wirklich wahr. So gibt es ja zum Beispiel Wörter, die uns so vertraut sind, dass sie wie Heimat wirken: Andacht, Liebe oder auch Trauer. Mit diesen Wörtern verbinden wir Erinnerungen. Und manche Wörter erscheinen wie kleine Kunstwerke: Wehmut zum Beispiel. Oder Wagemut. Mut überhaupt, aber das ist ein anderes Thema. Und dann gibt es ja auch Wörter, die so »würzig« sind, wie die Autoren es selbst sagen. Sie drücken sozusagen nicht zwangsläufig schöne Empfindungen aus, sondern eher elementare Erlebnisse oder Erfahrungen, wie zum Beispiel »Wirr« oder auch »Wucht«. Und dann gibt es ja auch noch diesen unglaublichen Sprachschatz, der mehr und mehr in Vergessenheit gerät. Und da spreche ich an dieser Stelle gar nicht über Dialekte, denn: »Ick bin ja Bärlina und ick wees, wat 'n Dijalekt is«, sondern es gibt eben solche Wörter wie »sputen« oder auch »töricht«, die begütigend auf mich wirken. Aber so langsam (ich wollte gerade sagen: so peu à peu) verloren gehen.
Ist doch so.
Ich jedenfalls finde, dass Bedeutung und Klang von Wörtern direkt zusammengehören. Jedenfalls wird in dem Buch, im Lexikon der schönen Wörter, das Zusammengehören von Bedeutung und Klang direkt ausgdrückt. Was mich am allermeisten begeistert an dem Buch, das ist, dass die Auswahl der Wörter immer an ein Zitat gebunden ist. Die Autoren dieses Lexikons haben nicht einfach den Duden genommen und sind von A bis Z durchgegangen und haben dann gesagt: Du darfst ein schönes Wort sein und du bist kein schönes Wort — so einfach haben sie es sich nicht gemacht. Beziehungsweise: sie sind über ihre eigene Leselust gestolpert und haben Texte, die sie gelesen haben und in denen bemerkenswerte Wörter enthalten waren, als Zitate vorangestellt, den einzelnen Wörtern vorangestellt, und erst danach noch eine kleine Anmerkung gemacht.
Ich möchte mal ein Beispiel vorlesen: Zum Beispiel fand ich das Wort »dienlich«. Das Zitat lautet: »Ich habe es für dienlich erachtet, anstatt einer Einleitung zu meiner deutschen Poesie das treffliche Gedicht des Herrn Horaz zu übersetzen.« Dazu steht geschrieben: »Dienlich ist heute aus der Mode gekommen. Man sagt lieber nützlich oder hilfreich. Und dabei geht die Perspektive des Dienens verloren, eines durchaus nicht untergeordneten oder unterwürfigen Dienens, sondern eines Dienens an einer dessen würdigen Sache oder Person.«
Ich habe noch ein anderes Zitat gefunden, das hat mich total berührt, weil ich 20 Jahre lang in meinem Auftritt als Kommunikationsdesignerin als Logo eine Grille hatte. Und deswegen gehört die Grille ein bisschen zu meinen Lieblingstieren. Und es gibt auch das Wort »Grille« in diesem Lexikon. Zitat: »Ach, Grillen — dazu wird man nimmermehr zu alt.« Es ist von Gotthold Ephraim Lessing. Und das Lustige finde ich: »Schon die Tierchen gleichen Namens sind erfreuliche Geschöpfe. Und kann man sich einen schöneren Namen für die absonderlichen Verhaltensweisen denken, mit denen wir zuweilen unseren Mitmenschen auf die Nerven fallen?« Das ist doch mal eine Erklärung, oder?
Jedenfalls ein Buch, das mich begeistert, weil es meine Liebe zur Sprache anspricht. Muss man sich das Buch kaufen? Ich glaube natürlich nicht. Nur wenn man, wie ich, gerne in einem Lexikon liest und dabei so ganz vergnüglich auf dem Sofa liegt und neugierig auf Entdeckungsreise geht. Nicht durch Kontinente, sondern durch Buchstaben hindurch.
Wie bin ich jetzt auf das Thema gekommen?
Sprechknaller. Peu à peu. Und das heisst ja: in kleinen Schritten.
Ich fange klein an. Ein Wort, ein Satz, ein Moment des Innehaltens, bevor ich irgendwelche Worte ausspreche. Bewusst wählen. Schöne Sprache ist keine Frage des Bildungsgrads. Es ist auch kein Privileg. Sie ist eine Entscheidung. Schöne Sprache ist die Entscheidung darüber, wie ich mich ausdrücken will.
Peu à peu. Ein Wort, ein Satz und ein Moment des Innehaltens.
Und: Hast du Lust auf eine kleine Herausforderung? Dann hör heute auf die Wörter, die du benutzt. Einfach nur, um es zu bemerken. Du sollst dich nicht korrigieren und du sollst dich auch nicht anstrengen, sondern nur innehalten.
Wie klingt meine Sprache?
Klingt sie warm oder kalt?
Eng oder weit?
Spreche ich eher modern oder eher ein bisschen altväterlich?
Und, ist sie schön?