Ist das schön?!
Der Podcast über die Kraft, die im Schönen steckt.

Episode #16 | 5. Juni 2026
Worte schaffen Wirklichkeit
Ein schöner Gedanke: Über eine schimpfende Frau auf dem Fahrrad, Goethes Geister und die Frage, wem ein Gedanke eigentlich gehört.
Kann ein Satz, den ein anderer geschrieben hat, plötzlich der eigene werden? So sehr, dass man ihn weiterdenkt, als wäre er immer schon der eigene gewesen?
Vorgestern fuhr eine Frau schimpfend an mir vorbei. Mitten in den Frühling hinein sprach sie wütend in ihr Telefon. Ich habe ihr lange nachgeschaut und mich gefragt: Wie klingt gerade ihre Innenwelt? Ich glaube ja, dass Sprache in beide Richtungen wirkt. Sie formt, was wir sagen, und sie formt uns. Wer wütend spricht, hält sich in der Wut. Wer schön spricht, und damit meine ich nicht hübsch, sondern bewusst, mit Liebe zu den Worten, der lebt in einer anderen Welt.
Worte schaffen Wirklichkeit. Dieser Satz ging mir nach. Nur ist er nicht meiner. Er stammt von Frank Georg Schlosser, Schriftsteller, und steht ganz am Anfang seiner Website. Also habe ich ihn gefragt, was er damit meint und warum ihm der Satz so wichtig ist.
In dieser Folge wird aus einem schönen Gedanken ein Gespräch. Wir sprechen darüber, warum Worte die Wirklichkeit nicht abbilden, sondern erschaffen. Über ganze Welten, die aus Sprache entstehen, von Harry Potter bis zu Goethes »Zueignung« und den schwankenden Gestalten, die uns wieder einholen. Und darüber, was es heißt, sich seine eigenen Worte, seinen Ausdruck, sein Denken anzueignen.
Ist das schön? Diesmal keine rhetorische Frage, sondern eine Übung. Bei jedem Hören neu.
Frank Georg Schlosser
Website: https://frankgeorgschlosser.de/
Transkript
Jana: Vorgestern bin ich einer Frau begegnet. Sie fuhr mit dem Fahrrad an mir vorbei und telefonierte dabei. Nein, sie schimpfte laut und nicht nur kurz und gehaltvoll, sondern sie schimpfte mit vollem Einsatz, wütend und mitten in den Frühling hinein, natürlich in ihr Smartphone. Ich habe der echt lange nachgeschaut, denn ich war ein bisschen sprachlos. Was geht in einem Menschen vor, dass er sich so echauffieren muss auf dem Fahrrad? Und dabei lasse ich mal die Person, die am anderen Ende des Telefons steckt, die lasse ich jetzt außen vor und frage nur, was macht es mit dieser Frau? Wie klingt ihre Innenwelt gerade? Ich glaube ja, dass Sprache in beide Richtungen wirkt. Also sie formt den Ausdruck und sie formt den Sprechenden. Wer wütend spricht, hält sich in der Wut. Wer präzise spricht, denkt klar. Wer schön spricht, und damit meine ich nicht hübsch und auch nicht unbedingt höflich, sondern bewusst, sorgfältig, mit Liebe zu den Worten, der lebt in einer anderen Welt, als jemandem, dem Sprache egal ist. Das klingt vielleicht ein bisschen groß, aber ich glaube, dass das stimmt, denn Worte schaffen Wirklichkeit. Diese Worte gingen mir durch den Kopf, als ich immer noch staunend hinter der Frau hinterher guckte. Gerade erst in der letzten Solo-Episode hatte ich über die Kraft schöner Sprache und schöner Worte nachgedacht. Und ja, klar weiß ich, dass die Welt bunt und vielfältig ist und viele Menschen einen ganz anderen Bezug zu Sprache und Wörtern haben. Was ist daran so schlimm? Wir erschaffen uns unsere Wirklichkeit doch durch das, was wir denken, was wir sprechen, was wir tun, also auch durch unsere Worte. Ich möchte an dieser Stelle das Zitat vervollständigen, das so punktgenau in meinem Kopf aufploppte. Im Ganzen heißt es nämlich, Worte schaffen Wirklichkeit. Sie müssen sich nicht immer darum scheren, sie getreulich abzubilden. Das stammt von Frank Georg Schlosser. Das ist im Grunde sein schriftstellerischer Leitsatz, denn er schreibt Geschichten und Bücher und nutzt Worte. Eben in einer ganz anderen Form, als ich das mit dem alltäglichen Sprachumgang meine. Ich denke, dass es gut ist, wenn ich ihn einfach mal frage, was er mit seiner Formulierung ausdrücken will und warum sie ihm so wichtig ist, dass sie gleich am Anfang seiner Website steht. Hallo Frank.
Frank: Hallo Jana.
Jana: Warum dieser Leitspruch in dieser prädestinierten Stellung?
Frank: Weil es ein schöner schriftstellerischer Leitsatz ist, weil es für einen Autor ja klar ist, dass Worte Wirklichkeit erschaffen. Und wenn ich jetzt kein Sachbuchautor bin und mein Anliegen sein muss, die Wirklichkeit so darzustellen, wie ich sie sehe, dann muss die Sprache oder müssen die Worte sich auch nicht darum scheren, die Wirklichkeit getreulich abzubilden. Was sie nach meinem Dafürhalten nebenbei sowieso nicht können. Es gibt da meiner Ansicht nach ohnehin eine Begrenzung in der Möglichkeit der Worte. Wie meinst du das? Naja, ich kann ja immer nur meine Sicht auf die Dinge darstellen. Insofern ist ja dann die philosophische Frage, die dran hängt, gibt es überhaupt eine objektive Wirklichkeit oder gibt es nur das, was wir dann für die Wirklichkeit halten? Aber das ist ja schon wieder ein anderes Thema.
Jana: Und inwieweit, also du nutzt die Sprache, um verschiedene Figuren, Geschichten, Charaktere zu erschaffen, die halt jede in ihrer eigenen Wirklichkeit stecken?
Frank: Naja, was heißt ich erschaffe? Am Ursprung meines Schreibens stand ja schon die Widerspiegelung meiner Wirklichkeit. Aber schon da geht es ja los, dass ich den Figuren nicht gerecht werde und dann ist es ja besser gleich zu sagen. Das sind Erfindungen und das sind sie ja dann auch. Wenn ich etwas erzähle über das, was mir passiert ist oder beziehungsweise mich beschwere oder lustig bin oder was weiß ich, schaffen ja Worte meine Wirklichkeit in dem Moment auch stimmungsmäßig. Das tun sie ganz einfach. Insofern ist ja dieser Satz, Worte schaffen Wirklichkeit, nicht nur für den Schriftsteller in der Erschaffung von Welten. Und es gibt ja Schriftsteller, die haben ganze Welten, in denen sich Millionen Menschen zu Hause fühlen, geschaffen, ob das Harry Potter ist oder Herr der Ringe oder Song of Ice and Fire oder was es da alles gibt. So völlig fantasiehafte Welten, in denen wir uns aber trotzdem wiederfinden, obwohl sie völlig ausgedacht sind. Insofern ist das mit diesen Worten schaffen Wirklichkeit ein weites Feld an dieser Stelle.
Jana: Bleib mal noch einen Moment einfach dabei, dass sich andere Menschen in diese Welten ja auch richtig reinbegeben. Also die von Einzelnen erschaffen wurden durch Fantasie, durch Kreativität und in die andere Menschen eintauchen. Das ist ja ein total schönes Bild, was Worte in dem Moment machen.
Frank: Ja, das ist das, wovon jeder Schriftsteller träumt, eine solche Welt zu erschaffen, in die Millionen eintauchen. Und sich dann am Abendbrottisch drüber streiten, ob das jetzt Wingardium Leviosa oder Wingardium Leviosa heißt. Es ist einfach faszinierend, sowas in die Welt zu setzen.
Jana: Ja, es gibt ein Buch von Johann Wolfgang von Goethe. Es beginnt mit der sogenannten Zueignung. Und da geht es ja auch um die Gestalten, die er in seinem Werk oder in seinen Werken schafft.
Frank: Und die Zueignung ist zu mir gekommen, weil es ein schönes Stück Lust am eigenen Begreifen eines Textes war. Die Zueignung, also das, was ganz am Anfang steht, was mit dem eigentlichen Text ja nichts zu tun hat, hat bei mir lange ein Schattendasein gefristet, bis ich sie mir irgendwann erarbeitet habe. Und das hat mir so viel Spaß gemacht. Ihr naht euch wieder schwankende Gestalten, die früh sich einst im trüben Blick gezeigt. Das ist so viel Lust am Fabulieren, so viel Lust am Formulieren, so viel Lust an Worte gestalten. Das ist einfach ein traumhaft schönes Gedicht, was davon handelt, dass es Momente im Leben gibt, wo die Geister der Vergangenheit, über die ich ja auch gerne schreibe, uns wieder einholen. Was ich besitze, sehe ich wie im Weiten und was verschwand wird mir zu Wirklichkeiten. Das ist ja der Abschlusssatz dieser Zueignung und es ist einfach schön.
Jana: Ja, und ich finde es schön, weil du sagst, es ist einfach schön. Ich finde es auch sehr schön und ich finde auch schön, eben gerade diese Poesie, diese unglaublich präzise Darstellung der Lust, die daraus hervorspricht, finde ich jedenfalls.
Frank: Der Lust, sich darauf einzulassen, auf diese Geister. Er sagt, ihr drängt euch zu. Nun gut, so mögt ihr walten in meinem Herz und Hirn und Geist. Mein Busen fühlt sich jugendlich erschüttert vom Zauberhauch, der euren Zug umwittert. Es ist einfach, er ist in einer melancholischen Stimmung und er erschafft eine Welt oder eine Situation, die zwar mit dem kommenden Text eigentlich nichts zu tun hat, die aber ankündigt, dass da von unten was hochbrodelt. Dass also der ganze Faust wie so ein Aufblubbern, Aufbrodeln alter Gefühle, alter Geister ist. Und das ist der Faust ja dann zu großen Teilen auch.
Jana: Mich spricht bereits dieses eine Wort unglaublich an. Ich eigne mir meine Worte, meinen Ausdruck, mein Leben an. Und damit bin ich auch wieder bei der Frau auf dem Fahrrad. Denn wer weiß, welche Geister durch sie hindurch wabern, wenn sie mit einer solchen Wut durchs Leben geht und fährt. Und es ist ja eine Entscheidung. Vielleicht hat sie das bewusst gewählt. Ich weiß es nicht. Vielleicht war es ein beschissener Tag, kann man nicht sagen. Ich frage mich, wie es ihr geht und ihren Geistern. Ich hoffe, sie hat auch andere Momente. Ich mache hier einen Podcast über Schönheit und das ist eine Entscheidung, auch eine sprachliche Entscheidung. Jedes Wort, das ich hier wähle, formt nicht nur, was ihr hört, sondern es formt auch, wie ich die Welt erlebe, wie ich in dieser Welt lebe. Und ist das schön, ist in diesem Sinne keine rhetorische Frage, sondern es ist eine Übung, eine, die ich mit euch zusammen in einer solchen Episode mache, jeden Tag neu, bei jedem Hören neu. Beziehungsweise brauche ich doch auch nochmal in dich rein. Ist das für dich machbar, dir deine Worte, deine Sprache, seinen Ausdruck und sein Denken zuzueignen, anzueignen?