Ist das schön?!
Der Podcast über die Kraft, die im Schönen steckt.

Episode #23 | 28. August 2026
Darf ich mein Leben schönschreiben?
Anja Kuhn über das Freilegen von Geschichten, das Umschreiben des eigenen Lebens und den Nachruf, der ein Leben erzählt, wenn es erloschen ist.
Erlebt hat jeder etwas. Eine Geschichte wird daraus noch lange nicht. Zwischen dem, was einem widerfahren ist, und der Geschichte, die man davon erzählt, liegt eine Arbeit, die wir selten sehen. Meistens machen wir sie unbewusst, an der Kaffeemaschine, beim ersten Date, am Grab.
Was, wenn das Aufschreiben der eigenen Lebensgeschichte den Blick verändert? Nicht schönfärbt, sondern schärft. Was, wenn ein Leben nicht schöner wird, weil man es erzählt, sondern nur endlich sichtbar?
Darüber spreche ich mit Anja Kuhn. Sie schreibt Biografien, hat vor einem Jahr den Lebensgeschichten-Verlag gegründet und führt seit sechs Jahren ihren eigenen Podcast. Kennengelernt haben wir uns in einer Runde von zehn Frauen, die ihr ungeschminktes Gesicht gezeigt haben. Beruflich macht Anja genau das, nur mit dem ganzen Leben. Sie sagt einen Satz, der mich seither begleitet: Es ist immer alles da. Sie erfindet nichts. Sie stellt Fragen, bis das zum Vorschein kommt, was ein Mensch längst in sich trägt und oft selbst vergessen hat. Wir reden über die feine Linie zwischen ehrlich und schöngeredet, über das Erkennen der eigenen Muster und darüber, dass man seine Geschichte tatsächlich neu erzählen kann, sobald man sie verstanden hat. Und wir reden über den Nachruf, über das Erzählen eines Lebens, wenn es erloschen ist, weil auch das ihre Arbeit ist. Einmal wird es ganz still, da erzählt sie von ihrer Mutter und einem Satz, der eine Stunde vor unserer Aufnahme gefallen ist.
Am Ende, wie immer, das Quiz. Vierzehnmal »Ist das schön?«, Ja oder Nein. Eine davon: Kann Scheitern schön sein? Ausgerechnet die Frau, die aus ihrer eigenen Insolvenz einen Verlag gemacht hat. Was sie antwortet? Hör selbst.
Anja Kuhn
Anja Kuhn ist Storytellerin, Biografin, Podcasterin und Autorin. Seit 2020 spricht sie im Podcast »Lebensgeschichten« mit Menschen über prägende Wendepunkte.
2025 gründete sie den Lebensgeschichten-Verlag, um Geschichten ein Zuhause zu geben – überzeugt, dass jede Geschichte berührt, verbindet und verändert.
Website https://www.anjakuhn.com und Lebensgeschichten-Verlaghttps://www.lebensgeschichten-verlag.de/
LinkedIn https://www.linkedin.com/in/anja-kuhn-story-queen/
Instagram https://www.instagram.com/anja_kuhn_official/
Instagram https://www.instagram.com/lebensgeschichten_verlag/
Transkript
Jana: Ungeschminkt schön, so hieß der Aufruf von Andrea Ballschuh auf LinkedIn im September 2024. Und daraus kam es zu einem Treffen von zehn Frauen in ihrem Studio. Und ich als Elfte durfte dazukommen. Und die Spannung für mich entstand dadurch, dass ich praktisch immer ungeschminkt bin. Und hier traf ich auf Frauen, die wiederum im Alltag nie ungeschminkt auftreten. Mein heutiger Gast gehörte dazu und beruflich macht sie genau das. Sie zeigt Menschen ungeschminkt. Allerdings nicht im wörtlichen Sinne, sondern in ihrem Leben mit allen Höhen und Tiefen in Form ihrer ungeschminkten Lebensgeschichten. Mal schauen, ob das so ist. Das werden wir heute rausfinden. Herzlich willkommen, liebe Anja Kuhn.
Anja Kuhn: Liebe Jana, ich freue mich so sehr, dein Gast zu sein in deinem wunderbaren Podcast.
Jana: Anja, was heißt für dich ungeschminkt, wenn es ein ganzes Leben ist und nicht ein Gesicht?
Anja Kuhn: Wenn es ein ganzes Leben ist, heißt ungeschminkt für mich, dass ein Mensch sich mit seinen Höhen und Tiefen des Lebens zeigt, mit dem, was ein Mensch erlebt hat, was er dabei gefühlt hat, welche Emotionen er hatte, wie hart eine Phase war, wie schön eine Phase war, wo Tränen des Glücks und der Trauer und das, all dessen fließen dürfen, das heißt für mich ungeschminkt.
Jana: Und ist ungeschminkt für dich tatsächlich auch wirklich ein Wort, das du selbst verwendest oder in deiner eigenen Beschreibung mitnutzen würdest? Oder ist das jetzt eher zufällig, weil wir uns nun ausgerechnet an diesem Sonntag bei Andrea Ballschuh kennengelernt haben und der halt ungeschminkt hieß?
Anja Kuhn: Ich glaube, außer in diesem Zusammenhang mit all den tollen Frauen, die ich an diesem Tag kennenlernen durfte, habe ich ungeschminkt noch nicht verwendet. Glaube ich tatsächlich nicht. Ich benutze dann gerne dieses sich nahbar zeigen, sich verletzlich zeigen mit seiner eigenen Geschichte. Das nutze ich gerne.
Jana: Ja, ungeschminkt. Also ich hatte im Intro ja schon angedeutet, ich schminke mich im Grunde genommen nie. Aber wer zeigt sich ungeschminkt? Ich finde, das ist ja überhaupt ein Wort, das sehr vielschichtig ist. Auch ohne, dass man Kosmetik dafür verwenden muss. Wie ist das eigentlich? Ich bleibe mal noch einen Moment bei dem Wort. Für dich mit der ungeschminkten Wahrheit. Ist ungeschminkte Wahrheit für dich schön?
Anja Kuhn: Das ist eine gute Frage. Ungeschminkte Wahrheit. Vielleicht ist es für mich nicht schön, weil ich es oder nicht so, es ist nicht so in meinem Sprachschatz und deswegen kann ich das gar nicht so bewerten, ob ich es schön finde oder nicht, weil ich es einfach nie so benutzt habe. Obwohl es eben im Zusammenhang mit diesem Tag dann ganz normal wurde. Normal in Anführungsstrichen, was heißt schon normal? Könnten wir ja auch philosophisch eine Stunde drüber plaudern, denke ich. Ja, ich glaube, also ich finde ungeschminkt weder schlecht noch gut. Ungeschminkt finde ich ist für mich so neutral tatsächlich.
Jana: Lass uns mal in dein Handwerk reingehen. Wie wird denn aus einem Leben eine Geschichte?
Anja Kuhn: Dafür müsste man natürlich definieren, was ist eine Geschichte? Weil letztendlich, Geschichten sind ja auch Kommunikation. Und ich habe noch nie so genau darüber nachgedacht, wann wird ein Leben eine Geschichte? Deswegen eine sehr, sehr starke Frage, finde ich. Für mich wird eine Geschichte daraus, wenn ich, du hast gerade gesagt Handwerkszeug, wenn ich die Werkzeuge nutze, die mir das Storytelling zur Verfügung stellt. Dazu gehören für mich eine starke Bildsprache, dazu gehört für mich die Heldenreise als Werkzeug, wie ich eine Geschichte aufbaue, mit welchen Stationen ich eine Geschichte aufbaue, damit sie erstens einen roten Faden bekommt und zweitens einen Spannungsbogen bekommt, der einfach auch die Zuhörer und Leser dazu bringt, dran zu bleiben, jedes Wort in sich aufzusaugen beim Lesen oder den Erzählenden an den Lippen zu hängen. Und das dritte Werkzeug sind für mich die Archetypen, weil ich die einfach so stark finde, wenn wir über die Eigenschaften der Hauptfigur sprechen, des Menschen, von dem die Geschichte handelt. Dann wird für mich einfach aus bloßer Kommunikation eine Geschichte draus.
Jana: Aber die schöne Geschichte liegt doch schon im Leben. Ich kann mir vorstellen, dass die Menschen, die zu dir kommen, um ihre Geschichte schreiben zu lassen oder auch selbst in Begleitung zu schreiben, dass sie sich nicht immer unbedingt bewusst sind darüber, welche Geschichte in ihnen eigentlich drin liegt. Ich würde behaupten, du holst die Geschichte durch das Schreiben erst hervor?
Anja Kuhn: Durch die Fragen. Das stimmt, ja, durch die Fragen. Weil du hast völlig recht, ganz viele Menschen sagen ja, ich habe gar nichts zu erzählen. Und sobald sie sich mit ihrer Geschichte beschäftigen, merken sie sehr schnell, wie viel sie zu erzählen haben. Dann ist es für mich immer eher so dieses, das Gegenteil, dass ich sage, wir müssen gucken, was wirklich wichtig ist, damit eine Geschichte auch eine Geschichte wird und nicht eine Aneinanderreihung von Erlebnissen oder Erinnerungen. Also wirklich schauen, was ist wichtig für diese Hauptgeschichte, die wir erzählen wollen. Denn die Menschen kommen ja auch zu mir, weil sie eine Botschaft mit ihrer Geschichte verbinden, weil sie etwas sagen wollen, weil sie etwas zu sagen haben. Und durch die Fragen kommt ganz, ganz viel hervor, was so tief in ihnen im Unterbewusstsein auch geschlummert hat, von dem sie oftmals auch gar nichts mehr wussten. Und das dann eben herauszukürzeln, ist eine Aufgabe. Und dann in eine Struktur zu bringen, dass es wirklich eine Geschichte wird, ist die nächste Aufgabe. Und auch, wenn das jetzt gerade vielleicht künstlich geklungen hat mit der Heldenreise, mit den Stationen, es ist eigentlich schon immer alles da. Nicht eigentlich, es ist immer alles da.
Es ist nie etwas, was wir künstlich zusammensetzen, sondern es ist alles da. Man muss nur eine Struktur entwickeln,
um das Ganze so zu erzählen, dass es auch der Zuhörer versteht.
Man selber hat ja eher immer so dieses, man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr, weil man so wahnsinnig viel dann plötzlich aus sich herausholt. Und das ist eben wichtig, dass man dann schaut, was ist denn wirklich jetzt so der Wald und was darf wieder weichen, damit es nicht verwirrt.
Jana: Ja, ja, ich kann mir vorstellen, dass das eine sehr, also eine Gratwanderung ist, oder eben eine sehr feine Linie zwischen der ehrlichen Geschichte, also der ehrlichen, der Biografie, und dem, was dann daraus gemacht wird. Verändern sich die Menschen in der Zeit, wo sie ihre Geschichte aufschreiben?
Anja Kuhn: Ja. Ganz klares Ja. Jeder, natürlich unterschiedlich, aber jeder, mit dem ich bisher gearbeitet habe oder gerade arbeite, sagt und erzählt und beschreibt, wie viel da mit ihm passiert, was es mit ihm macht, was sich auch verändert. Und es ist super spannend. Ich habe eine Kundin, die das auch ganz bewusst nutzt, unsere Zusammenarbeit nutzt, das Schreiben nutzt, um endlich Themen loszulassen zu können. Sie sagt ganz bewusst, das ist so der letzte Schritt am Aufarbeiten und alle sagen, es hat auch ganz viel mit Heilung zu tun.
Jana: Muss man eigentlich eine Geschichte dann so von Anfang bis Ende so schreiben? Also in Romanen gibt es ja oft Rückblicke, Vorausblicke, Verwirrungen, Wege, Abzweigungen, was auch immer. Und in einer Biografie schließt sich das immer so ganz regelmäßig, gleichmäßig aneinander? Oder gibt es auch Geschichten, biografische Geschichten, wo vielleicht auch einfach vom Ende angefangen wird?
Anja Kuhn: Ich glaube einfach, es gibt alles. Ich finde ja grundsätzlich, dass es dafür keine Regel gibt, wie man eine Biografie zu schreiben hat. Es ist einfach ganz, ganz unterschiedlich. Ein Buch, was jetzt fertig ist, da gibt es Überschneidungen, was gar nicht zu vermeiden ist. Das ist nicht ganz klar in zwei Erzählstränge aufgegliedert. Es gibt einfach immer wieder Überschneidungen, weil wir eine Geschichte, ein Kapitel zu Ende erzählen und im nächsten Kapitel hat das, was wir erzählen, schon vorher begonnen. Das überschneidet sich einfach so ein bisschen, aber es würde total verwirren, wenn man beides miteinander mischen würde.
Jana: Ja, das kann ich mir gut vorstellen. So ein Leben, ich habe mich im Vorfeld gefragt, wie ist das eigentlich, wenn ich auf meine eigene persönliche Geschichte gucke, dann würde ich auch im ersten Moment erstmal sagen, naja, mein Gott, das Leben hat sich halt so zusammengefügt. Es ist so geworden. Und was mich wirklich bewegt, ist so die Frage, kann ich, indem ich meine Geschichte aufschreibe, vielleicht sogar Änderungen vornehmen oder eine eben wirklich neue Perspektive entwickeln? Also du sprachst ja gerade von Heilung.
Anja Kuhn: Auf jeden Fall. Ich habe jetzt neulich, glaube ich, ein kurzes Video aufgenommen, genau zu dem Thema und dazu auch einen Beitrag geschrieben und darin so sinngemäß gesagt, es ist nie zu spät, seine eigene Geschichte neu zu erzählen. Und das soll nicht heißen, dass wir uns jetzt hinsetzen können und sagen, so, jetzt schreibe ich mir mein Leben so schön, wie ich es haben will. So à la Pippi Langstrumpf, ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt. Aber irgendwie dann doch. In dem Sinne aber, indem ich mir angucke, was gibt es denn, was ist mir denn passiert, warum ist mir das passiert. Jetzt völlig unabhängig davon, ob ich meine Lebensgeschichte veröffentlichen möchte, erzählen möchte, sondern einfach nur, wenn ich mich damit beschäftige, was ist mir denn passiert und was ist mir vielleicht auch immer wieder passiert? Wo gibt es Wiederholungen, wenn nicht in gleicher Form, aber in ähnlicher Form, was immer wieder passiert ist, um mir auch so ein bisschen mich draufzustupsen, dass ich da eigentlich was verändern darf? Und wenn wir uns das angucken, dann ist nämlich genau das der Punkt, den ich gerade angesprochen habe. Dann kann man genau gucken, oh wow, da gibt es ja ein Muster. Das ist mir in meiner Kindheit mal passiert und das ist mir als junger Erwachsener passiert und das ist mir jetzt als Frau mit 30, 40 oder 50 nochmal passiert. Da sollte ich mich mal mit beschäftigen, warum mir das Gleiche irgendwie in unterschiedlicher Ausprägung immer wieder passiert. Und dann kann ich meine Geschichte ändern, weil wenn ich das Muster erkenne, kann ich es ja loslassen. Und das ist ein ganz wertvoller Punkt, wenn wir uns mit unserer Geschichte beschäftigen, dass wir Musterverhaltensprägungen aufspüren und dann auch sagen, okay, jetzt habe ich es verstanden, jetzt kann ich es auch gehen lassen. Und in dem Moment schreiben wir unsere Geschichte neu, weil das Muster dann ja weg ist und wir dann in ähnlichen Situationen anders reagieren werden.
Jana: Spannend. Das kann ich mir sehr gut vorstellen, dass das funktioniert. Jetzt stelle ich mir vor, ich käme zu dir mit meiner Geschichte, möchte meine Geschichte bei dir veröffentlichen. Und leider gibt es in meiner Geschichte weder einen Gipfel noch gibt es einen Neuanfang. Und irgendwie nichts Spektakuläres oder sogar was ganz Schreckliches, was so ungelöst ist, bleibt auch. Nimmst du die Geschichte trotzdem als Buch?
Anja Kuhn: Wenn es passt. Also der erste Punkt ist ganz, ganz wichtig. Es muss mit dem Menschen passen. Und wir müssen zueinander passen, wir müssen ein Match sein. Das brauchen wir nicht nur für irgendwelche Portale, Beziehungsportale, Flirtportale. Das brauchen wir für viele Bereiche, in denen man ganz eng zusammenarbeitet. Aber auch gerade bei mir, weil die Menschen erzählen mir so persönliche, so intime Details, von denen nicht alles ins Buch fließt. Aber es gibt, es hat schon einige spannende Situationen gegeben, wo ich mehr über diese eine Person wusste als die ganze Familie, die ich auch kannte zum Beispiel. Und da bekomme ich einfach Einblicke über diesen einen Menschen und da fallen auch Bemerkungen und da fließen ja auch Tränen in den Gesprächen. Deshalb ist es ganz, ganz wichtig, es muss matchen. Und wenn ich das Gefühl habe, ja, diese Geschichte, die will ich unbedingt erzählen, dann kann ich die ja mit voller Überzeugung mit erarbeiten, mitentwickeln und dann nach draußen tragen. Aber genau dieses Gefühl muss da sein. Und jetzt kann man sagen, ein Gefühl im Business. Aber es ist einfach super wichtig. Wenn ich der Geschichte nicht traue, kann ich sie nicht veröffentlichen mit voller Überzeugung. Das ist einfach so. Deshalb ja, auch wenn die Geschichte keine großen Brüche hat, wenn sie keine, wie du gerade gesagt hast, so Höhepunkte hat oder keine tiefen Teller hat, aber ich trotzdem das Gefühl habe, die ist erzählenswert, weil der Mensch insgesamt so viel zu sagen hat, dann nehme ich sie an. Und genauso, wenn etwas nicht verarbeitet ist, wenn etwas nicht geklärt ist, da muss ich schon abwägen, wie weit kann ich das leisten. Weil ich bin weder ein Coach noch ein Therapeut, noch etwas anderes in dieser Richtung. Und ich stoße da definitiv auch an Grenzen. Und das muss man sich auch immer wieder sehr bewusst machen, dass es irgendwo Grenzen gibt. Denn durch das Fragenstellen, was ich eben schon geschildert habe, kratzt das sehr an dieser Arbeit eines Therapeuten. Das hat auch mal jemand zu einer meiner Kunden gesagt. Was sie gesagt haben, das ist schon auch fast tiefenpsychologische Arbeit. Und da kann ich natürlich nur bis zu einem bestimmten Punkt arbeiten, weil ich auch nicht darüber hinausgehen will. Da ist eine Grenze dann irgendwann erreicht. Das muss man klären. Da muss man sehr offen und transparent miteinander darüber sprechen.
Jana: Es gibt ja sehr unterschiedliche Bücher in deinem Verlagsangebot. Also es gibt Bücher, in denen du als Co-Autorin aufgetreten bist. Es gibt Bücher, die von anderen geschrieben sind und über dich veröffentlicht werden. Und du hast auch ein eigenes Buch veröffentlicht. Wie ist es dir denn damit gegangen, mal so in die eigene Geschichte hineinzuschauen, auch psychologisch gesehen? Also es ist noch gar nicht lange her, es ist gerade erst auf den Markt gekommen. Wie geht es dir?
Anja Kuhn: Es geht mir sehr gut damit. Und ich gebe zu, ich musste mir, ich weiß nicht, ob es Absolution so das richtige Wort ist, aber ich habe mir die Absolution meiner Eltern geholt. Das war für mich ein ganz sensibler Punkt, weil ich mich bewusst entschieden habe, über meine Geschichte, also meine Geschichte aufzuschreiben und ich, als ich damit begonnen habe, verstanden habe, wie eng meine Geschichte mit der meiner Eltern verbunden ist. Und dann habe ich begonnen, Fragen zu stellen, um mehr von dem Leben meiner Eltern, wie sie aufgewachsen sind, was sie erlebt haben, an was sie sich erinnern, verstehen zu können, um mehr darüber zu erfahren, um darüber auch schreiben zu können. Und ich habe ihnen dann auch gesagt, ich schreibe darüber ein Buch. Und während des Schreibens ist mein Respekt vor dem, was ich da schreibe, immer größer geworden. Und ich habe mich dann sehr bewusst dafür entschieden, welche Menschen nenne ich beim Namen und welche nicht. Ich habe auch viele, also Freunde zum Beispiel, auch Freunde aus der langen Vergangenheit, mit denen ich heute kaum Berührungspunkte habe, auch danach gefragt, ob das in Ordnung ist oder ob ich sie anonymisieren soll. Da ist ganz viel auch Witziges passiert, das fand ich auch ganz schön. Aber es war mir super wichtig, bevor das Buch erschienen ist, meinen Eltern die wirklich wichtigen Passagen vorzulesen. Und dafür war ich total aufgeregt.
Jana: Dafür war ich wirklich aufgeregt. Das glaube ich. Das ist ja so ein bisschen wie die Absolution holen. Gab es den Moment, dass sie sagten, nee, das wollen wir nicht?
Anja Kuhn: Gar nicht. Und ich weiß, ich habe mir vorher natürlich darüber Nachgedanken gemacht, was passiert, wenn sie etwas nicht wollen? Dann war für mich klar, dann ändere ich es. Und es war sehr spannend. Meine Eltern sind beide 82 Jahre alt. Und in einer Lebensphase, in der zum Beispiel auch eine lange Konzentrationsphase nicht mehr so einfach ist wie mit 50. Ich glaube, das kennen auch viele von ihren Eltern oder Großeltern. Und ich habe, ich würde sagen, eine Dreiviertelstunde gelesen und sie haben so aufmerksam zugehört. Und mein Vater hat zwischendurch immer gemurmelt, ich habe eine Gänsehaut. Und meine Mutter hat am Schluss einfach gesagt, du hast das so toll beschrieben. Und das ist jetzt gerade eine Stunde her. Das hat mich total berührt, du hörst es. Meine Mutter liegt gerade im Krankenhaus, mir geht es gerade nicht so gut, aber heute war sie wieder ein bisschen fitter. Und dann hat sie doch tatsächlich zu mir gesagt, bringst du mir unser Buch mit? Ah, da musste ich mich umdrehen. Also das ist halt wirklich gerade ganz frisch. Es hat mich wirklich total berührt und zu Tränen gerührt, dass sie gesagt hat, kannst du mir unser Buch mitbringen, damit ich hier lesen kann und es hier hinlegen kann? Boah, das hat echt viel mit mir gemacht.
Jana: Mach es noch, wie du magst. Ja, das glaube ich dir. Ich finde das sehr schön, dass du das hier mit uns teilst. Also auch das kann passieren, wenn man seine eigene Geschichte aufschreibt. Da sind jetzt nochmal zwei Fragen in mir hochgekommen. Die eine Frage ist die, auch als Verlegerin, hast du sicherlich, also immer mal Momente, du musst dich ja auch ein bisschen schützen, also rein gesetzlich auch schützen. Wie gehst du bei deinen Kunden auch mit der Frage um? Darf ich die Namen anderer Menschen erwähnen? Darf ich über sie erzählen und schreiben? Also gibt es da so einen Grundsatz sowieso, um die Erlaubnis zu fragen? Oder wie ist das?
Anja Kuhn: Bisher hatte ich jetzt in der Umsetzung und der Erscheinung noch nicht das Thema, das wirklich etwas kritisch war. Wobei ich auch immer, wobei jeder, der seine Geschichte mit mir schreibt, ist da auch ganz, ganz sensibel. Und ich erinnere mich an einen Moment, dass eine Kundin gesagt hat, hier geht es auch um eine Freundschaft, die zu Ende gegangen ist. Ich werde diese Person fragen, darf ich deinen Namen nennen, ja oder nein? Dort kam keine Antwort und dann hat sie den Namen verfremdet. Und das würde ich auch jedem empfehlen, weil man muss einfach immer mit der Konsequenz leben, dass irgendjemand irgendwann sagt, das finde ich nicht gut. Und ich habe auch Menschen in meinem Umfeld gefragt, die gar nicht damit umgehen konnten und auch keine Antwort damit hatten. Jetzt wird hier etwas öffentlich. Und natürlich ist es so, wenn Menschen davon wissen, wenn Menschen deine Geschichte kennen, weil sie sie miterlebt haben beispielsweise und deine Wegbegleiter waren, dann wissen sie, wenn ich aus der Marie plötzlich eine Martina mache, dann wissen diejenigen, dass es aber in Wirklichkeit Marie war. Aber, wenn wir ganz ehrlich sind, jeder andere aus der Republik wird es nicht wissen.
Jana: Ich möchte gerne nochmal auf dein Buch zurückkommen, denn wenn man so seine eigene Lebensgeschichte schreibt, und du hast ja vorhin schon gesagt, aus rein therapeutischer Sicht, dass es ja so ist, dass man in Lebensthemen immer mal wieder auch in eine Wiederholungsschleife fällt. Also dass man merkt, man hatte als Kind schon das Thema und als Jugendlicher das Thema und dann ist es einmal auch noch dreimal als Erwachsenes, im Erwachsenen Leben passiert. In deiner eigenen Biografie schreibst du ja auch sehr offen darüber, dass du bereits einmal einen Verlag hattest und dass das nicht funktioniert hat, das Konzept. Das war ein völlig anderer Verlag als der, den du jetzt, zehn Jahre später, wieder gegründet hast. Ich kann mir vorstellen, dass es dich sogar ein bisschen stolz macht, das zu zeigen, was halt ein Leben ausmacht, beziehungsweise, ja, therapeutische Learnings.
Anja Kuhn: Ja, und ich finde auch, ich finde dieses Wort oder diese Formulierung auf etwas stolz zu sein, ist ja, wird ja immer so ein bisschen schräg angeguckt. Und ich finde, man darf und sollte das auch unbedingt sagen. Ich bin stolz darauf, was ich da geschaffen habe. Mir fällt es deswegen nicht leichter als anderen, das muss ich auch dazu sagen. Aber es ist schon so. Und zu gucken, ich glaube, jeder, der irgendwo in einem ganz, ganz tiefen Tal unterwegs war und es geschafft hat, sich daraus zu arbeiten, der darf mit Fug und Recht sagen, ich bin stolz darauf, dass ich heute wieder hier an einem Punkt stehe, in dem ich wieder ein neues Ziel, ein Gipfelkreuz, so sage ich das so gerne, anpeilen kann und dass ich das tiefe Tal hinter mir habe und das habe ich geschafft, alleine mit Hilfe, mit Unterstützung, ist völlig egal, völlig wurscht, weil es auch sehr mutig ist, sich Unterstützung und Hilfe zu suchen. Das darf man eben auch nicht vergessen, finde ich. Man muss nicht alles alleine machen. Und dann darf man einfach auch sagen, ja, ich habe es geschafft, da wieder rauszukrabbeln und das geht mir heute wieder gut und ich habe einen neuen Weg eingeschlagen.
Jana: Ja, das teile ich ganz unbenommen. Apropos Gipfelkreuz, du hast auch eine sehr schöne Gipfelgeschichte in deinem Buch bzw. in deiner Biografie drin. Magst du die ganz kurz mal mitteilen? Das ist so eine schöne Geschichte. Erzähl uns doch mal eine kleine Geschichte, so drei Minuten als Geschichte erzählen.
Anja Kuhn: Das ist, also der Großglockner, der Gipfel Großglockner ist für mich tatsächlich eine ganz besondere Geschichte, ein ganz besonderes Erlebnis. Ich hatte nie, nie die große Idee als Jugendliche oder junger Mensch, mich mit Bergen zu beschäftigen. Das fand ich immer sehr, sehr langweilig. Dann war ich in Tibet und habe im Base Camp 1 den Gipfel von Mount Everest gesehen. Und da ist etwas mit mir passiert. Da habe ich auf einmal verstanden, diese Berge sind etwas ganz Besonderes. Dann habe ich verschiedene Bergtouren gemacht, eine Alpenüberquerung, eine gescheiterte Zugspitzbesteigung. Und dann habe ich irgendwann gesagt, nach meiner Insolvenz damals mit dem Verlag, den du eben angesprochen hast, ich muss mal wieder auf den Berg. Und habe so, mir fiel einfach so sehr spontan ein, oh, Großglockner, Großglockner, habe ich schon mal gehört, der könnte es sein. Und dann hat eine Bekannte gesagt, oh ja, darf ich mitgehen? Ja, klar, machen wir zusammen. Dann habe ich angeguckt, der Großglockner ist ja bald 4000 Meter hoch. Und dann habe ich gedacht, das sollten wir vielleicht mit Bergführer machen. Und dann habe ich bei Facebook damals in einer Bergsteigergruppe nach einem Bergführer gesucht. Mir wurde einer empfohlen, Paul, und den habe ich angeschrieben, hat er gesagt, ja, das machen wir. Dann habe ich ihm schon geschildert, dass ich jetzt nicht der Crack bin. Das kriegen wir hin. Und dann haben wir das ein Jahr später in Angriff genommen, haben eine Testbesteigung des Dachsteins gemacht, 1000 Meter weniger und auch nur in Anführungsstrichen den Gipfelteil mit einem richtig schönen Klettersteig, wo man sich überall sicher einhängen kann. Das war herausfordernd, das war wahnsinnig anstrengend für Kopf und Körper, aber nichts gegen den Großglockner. Das war eines der großartigsten Erlebnisse, die ich hatte, weil ich so viel über mich gelernt habe auch. Wir sind dann an einem Tag aufgestiegen, gewandert, am Schluss eben auch intensiv geklettert, haben dort die Nacht verbracht und fast gar nicht geschlafen, weil in den Schlafsälen fast 50 Menschen geschlafen haben. Die einen waren schon auf dem Gipfel, die anderen hatten das noch vor. Die Luft ist dünn, es war eiskalt. Hier raschelt ein Schlafsack, da fällt ein Handy die Treppe runter, da schnarcht jemand und andere Geräusche. Und dann sind wir um halb fünf los und es gab plötzlich kein Frühstück, weil irgendwas in der Abstimmung schief gegangen ist. Und dann sind wir mit drei Jaffa-Keksen im Magen und drei Schluck Fanta pro Person zu dritt mit Stirnlampen raus, in den Schnee, in der Seilschaft dann marschiert. Es waren ja nur noch 400 Höhenmeter. Und das war so krass. Die scharfe Erfahrung war wirklich dieser Grat, über den man gehen muss, der so drei Meter lang ist, gefühlt. Und Paul war auf der anderen Seite, hat das Seil an der Stange gesichert, denn mit Klettersteig und Einhängen, das gibt es dort nicht. Man klettert dort frei. Und dann habe ich nur rechts und links runter geguckt und habe wirklich gedacht, ach du Schande, wenn hier was schief geht, dann stürzt man wirklich mehrere hundert Meter tief. Und dann hat mein Gehirn ausgesetzt. Das fand ich auch so bis heute faszinierend. Ich bin dann irgendwie über diesen Steig rüber. Auf der anderen Seite ging es dann weiter. Wir waren dann um, ich glaube, halb sieben am Gipfelkreuz. Der traumhafte Sonnenaufgang war da leider schon wieder verschwunden. Es war wolkig und ich habe gedacht, ja, das haben wir jetzt geschafft. Dann sind wir abgestiegen, mussten ja wieder über diesen Grat. Das weiß ich auch wirklich gar nicht mehr. Das ist komplett weg. Das ist, glaube ich, eine wunderbare Eigenschaft des Gehirns. Und dann wäre ich noch fast gestürzt. Selbstschutz, genau. Dann wird man schnell leichtsinnig. Das ist eine ganz große Gefahr beim Abstieg. Und dann bin ich mit dem Steigeisen in meiner Wanderhose hängen geblieben. Bin fast gestürzt. Und die anderen beiden haben ganz laut geschrien, ich muss, konzentrier dich. Weil wir hatten es am Dachstein geübt, was passiert, wenn einer stürzt. Dann stürzen alle und dann geht es rasant bergab. Ja, und dann kamen wir zur Hütte und dann gab es wieder kein Frühstück. Das war schon vorbei. Es gab wieder nur einen Kaffee. Und dann sind wir wirklich mit komplett leerem Magen wieder abgestiegen. Meine Freundin hatte über Nacht die Höhenkrankheit bekommen. Also der Körper ist ein Phänomen. Und erst fünf Tage später, da war ich schon längst wieder zu Hause, auf dem Weg zu einem Kunden, habe ich plötzlich auf der Autobahn gemerkt, du warst auf dem Großglockner. Du hast das wirklich geschafft. Dann habe ich sie angerufen und gesagt, hey, wir müssen noch mal kurz drüber reden. Wir waren da wirklich oben auf diesen 3.800 Metern. Das ist ja total verrückt. Das war Wahnsinn.
Jana: Das war wirklich Wahnsinn. Ja, haben wir. Wie gesagt. Sehr schöne Geschichte. Sehr, sehr schöne Geschichte. Und ich kann mir unheimlich gut vorstellen, dass das ja, also dass du danach fünf Zentimeter größer warst, würde ich mal behaupten.
Anja Kuhn: Es hat gedauert. Es war auch erst zu Hause. Also es gibt an diesem Abend, wir sind dann in unsere Pension, unser kleines Hotel zurück. Und hatten dann noch einen Tag dort. Und an dem Abend sind wir dann in ein Restaurant gegangen und saßen auf der Terrasse und dann haben wir den Dachstein gesehen. Und dann kam eine Kellnerin und haben gesagt, können Sie uns sagen, wo der Dachstein ist? Also der wirkliche Hauptgipfel? Nee, das weiß ich nicht. Es könnte der sein oder der. Sie zeigte dann so auf diese Bergkette. Und dann platzte es aus meiner Freundin raus. Wir waren übrigens gestern auf dem Großglockner. Aha. Und die Kellnerin nahm unsere Getränkebestellung auf und ging wieder und sie so, oh Gott, wir haben das gesagt. Und dann ist es mir auch passiert, einen Tag später, glaube ich, dass ich das irgendjemandem gesagt habe. Völlig ohne Not habe ich damit angegeben und wir beide haben gesagt, oh Gott. Aber es musste so raus. Es musste einfach raus, dass wir da waren.
Jana: Ich glaube, dass das eine ganz normale Sache ist, dass man das dann auch anspricht. Lass uns noch mal auf Geschichten zurückkommen. Also vielen Dank für diese Geschichte. Ich finde die toll. Und lass uns noch über eine kleine andere Tätigkeit in deinem Leben sprechen, gar nicht groß ausgeführt. Ich glaube, du machst das heute auch nicht mehr, aber es gab mal eine Zeit, da warst du Trauerrednerin, beziehungsweise, wenn ich mich ganz richtig erinnere, hast du sogar für Hochzeiten gesprochen. Das ist ja, glaube ich, auch nochmal so eine ganz andere Sache. Ich bleibe mal bei Trauerreden. Da geht es nicht mehr darum, die eigene Biografie aufzuschreiben und zu bewahren, sondern da geht es ja darum, zu erinnern. Ist das was grundsätzlich anderes, wenn du dich darauf vorbereitest oder ist das, ja, was macht das mit dir? Wie gehst du da ran?
Anja Kuhn: Das ist zu mir gekommen vor ein paar Jahren, das hatte ich nie geplant und ich mache das sehr gerne. Ich mache es heute immer noch, selten, aber wenn ich angefragt werde und es passt alles, dann nehme ich das gerne an, weil das eine besondere Form der Lebensgeschichte ist, wie ich die Lebensgeschichte eines Menschen eine Stimme gebe, dessen Leben dann erloschen ist. Also ich empfinde das erstens als große Ehre, dass ich das tun darf. Man kommt dort, und das ist wirklich ein bisschen skurril, man kommt zu einem Menschen, der jemand anders verloren hat, in seine persönlichen Räume und sitzt dort mittendrin, umgeben von persönlichen Gegenständen. Meist ist niemand anderes dabei. Das ist eine ganz, ganz merkwürdige Situation. Auf der einen Seite unglaublich schwer, voller Trauer und Tränen in der Regel und auf der anderen Seite so sehr berührend, weil der andere Mensch, und da sind wir wieder am Anfang des Gesprächs, sich so verletzlich zeigt vor mir, einem Menschen, den er noch nie gesehen hat. Und das ist schon besonders. Und was ich daran merke, ist, es ist sehr kurzfristig, es kommt heute ein Anruf, der Mensch ist in der Regel am Tag zuvor oder vielleicht zwei Tage zuvor verstorben und in der Regel wird die Beisetzung eine Woche später, vielleicht zwei Wochen später sein, die Trauerfeier. Und in dieser kurzen Zeit muss man einen Termin mit dem Hinterbliebenen vereinbaren, dorthin fahren, das Gespräch führen, zwei bis drei Stunden und dann daraus eine Rede entwickeln, die den Menschen so zeigt, möglichst so zeigt, wie er war. Auch mit seinen Ecken und Kanten. Und das finde ich auch sehr wichtig, dass man das nicht schön redet.
Jana: Schönfärberei, ne?
Anja Kuhn: Weil man merkt sehr schnell auch bei den Angehörigen, dass da so oft wie viel dahinter steckt und was da auch im Argen war, das hat man, das spürt man sofort und ich finde es nicht richtig, das alles unter dem Mantel des Schweigens zu verdecken, sondern zu sagen, da gab es auch Themen, die waren vielleicht nicht so rund.
Das Tolle an unserer Sprache ist ja und am Storytelling ist ja, wir können das mit Bildern zeigen, ohne alles erzählen zu müssen.
Und das, was der Zuhörer daraus macht, ist dann seine Sache.
Jana: Und ja, das war jetzt wirklich ein ganz toller Satz. Wir haben mit der Sprache ein Instrument, mit dem wir ja Bilder erzeugen können, ohne alles zu erzählen. Bisher haben wir uns ja nur darüber unterhalten, dass du Bücher entweder selbst schreibst oder herausgibst als Verlegerin oder auch begleitest. Das Spannende, um auch auf den Anfang noch mal zurückzukommen, wo wir uns kennengelernt haben, ist ja auch, dass du schon seit sechs Jahren einen eigenen Podcast hast und dich mit Menschen aller Couleur unterhältst über ihre Lebensgeschichten, das gesprochene Wort sozusagen. Ich bin wirklich, also ich ziehe den Hut, den nicht vorhandenen, für die lange Zeit und die vielen, vielen Episoden. Wie triffst du so viele Menschen? Wo findest du die Menschen? Und ja, was macht das sozusagen mit dir auch, diesen Podcast so weiterzuführen?
Anja Kuhn: Aus tiefstem Herzen, ich liebe es, diesen Podcast zu machen. Denn der hat, das ist das Fundament von all dem, was ich heute mache. Im ersten Lockdown habe ich entschieden, ich mache das. Davor hatte ich immer die Idee, das zu tun. Wollte den über Storytelling herausbringen, klassisches Storytelling. Und dann habe ich mir einen Mentor gesucht, der hat gesagt, Anja, deine Geschichte über meine Insolvenz mit diesem Verlag, den du angesprochen hast, Zeitschriftenverlag, deine Geschichte ist so stark, nutze sie als Basis für deinen Podcast und mach einen Interview-Podcast. Manchmal begegnen mir Menschen bei LinkedIn, so wie der Gast, der in meiner heutigen Folge Gast ist. Da habe ich gedacht, wow, das ist eine coole Geschichte. Ich gucke mal die Person jetzt mal an. Und dann gehen wir in den Austausch und zack, wird daraus eine Podcast-Folge. Genauso aber in Zeitschriften oder einfach so. Also es ist ganz oft, ich lasse mich da auch inspirieren durch alle möglichen Kanäle und sage, oh ja, mit diesem Menschen möchte ich ein Gespräch führen. Der hat einfach was zu erzählen, die möchte ich jetzt auch mal interviewen. So ist das entstanden.
Jana: Dann möchte ich an dieser Stelle jetzt meine Fragen an dich stellen. Du weißt vielleicht, dass ich ein Quiz habe, dass ich mit allen meinen Interviewgästen führe. Zwölf Fragen, manchmal sind es mehr. Und die bitte, sie nur mit Ja oder Nein zu beantworten. Bist du bereit? Ich bin bereit.
Kann ein Nachruf schön sein? –> Ja.
Findest du deine eigene Stimme in einer Aufnahme schön? –> Ja.
Ist es schöner, ein Buch zu beginnen? –> Ja.
Findest du es schön, wenn eine Geschichte nicht gut ausgeht? –> Ja.
Ist es schön, die eigene Insolvenz in einem Buch zu erzählen? –> Ja.
Ist es schön, oben auf einem Berg anzukommen? –> Ja.
Kann Scheitern schön sein? –> Nein.
Findest du es schön, deinen eigenen Geburtstag zum Gründungstag zu machen? –> Ja.
Findest du Köln schön? –> Ja.
Kann eine Zahl schön sein? –> Ja.
Und ist es schön für dich, jemandem zuzuhören und dabei zu schweigen? –> Ja.
Findest du es schön, wenn Fremde deine Geschichte lesen? –> Ja.
Kann eine Biografie schön sein, in der gelogen wird? –> Nein.
Und meine allerletzte Frage, ist der Tod ein schönes Thema für ein Buch? –> Ja.
Jana: Liebe Anja, du bist sehr tapfer, also mein großes Kompliment.
Anja Kuhn: Ich bin eine Ja-Sagerin, dabei habe ich mir das Nein so hart erarbeitet. Also es ist schon hart, aber man kann ja ein Ja und es hat nur zwei Buchstaben, mit seiner Stimme und seiner Tonalität und seinen Emotionen so viel in zwei Buchstaben hineinlegen, dass sie unterschiedlich klingen können.
Jana: Und der Hörer Assoziationen hat. Das ist wahr. Diese Möglichkeit haben wir immer. Eine allerletzte Frage, die stelle ich jedem meiner Gäste und deshalb auch dir. In einem Satz, was findest du an deiner Arbeit schön?
Anja Kuhn: Ich finde es unfassbar schön, Lebensgeschichten eine Stimme geben zu können, damit sie gehört werden und anderen helfen, etwas in ihrem Leben zu verändern.
Jana: Das ist ein toller Schlusssatz. Liebe Anja, ich danke dir sehr, dass du in meinen Podcast gekommen bist und wir uns über Lebensgeschichten und deinen Verlag und dich unterhalten konnten. Vielen, vielen Dank.
Anja Kuhn: Ich danke dir, dass du mich eingeladen hast und dass du als Pressesprecherin der Schönheit so viel Schönheit nach draußen trägst. Denn wir brauchen einfach so viel mehr Schönheit.