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Ist das schön?!

Der Podcast über die Kraft, die im Schönen steckt.

Ist das schön?! – Ich höre dir nicht zu – Ein schöner Gedanke

Episode #24 | 11. September 2026

Der Unterschied bin ich

Ein schöner Gedanke: Über meinen Garten als Vorwurf, das Unkraut als Erleichterung und eine Linie, die nie da bleibt, wo ich sie gezogen habe.

Kennst du das: Du schaust auf etwas, das dir gehört, und siehst nur noch, was zu tun wäre. Ich sitze im Eingang vom schönen Haus am Meer, schaue in den Garten, und was ich da sehe, ist keine Landschaft. Es ist eine Aufgabenliste mit Blättern dran. Das ist kein Hinschauen mehr. Das ist Buchhaltung.

Was wäre, wenn dieser Vorwurf gar nicht aus dem Garten käme? Wenn ein paar Schritte weiter genau dasselbe wächst, dieselben Gräser, dieselben Brennnesseln, derselbe Boden, und ich es dort ohne jedes Zögern schön finde? Wenn der einzige Unterschied darin besteht, dass hier drinnen einmal jemand etwas gewollt hat und da draußen nie?

In dieser Episode geht es um Natur und Kulturland und um die Frage, warum das eine nicht misslingen kann und das andere sehr wohl. Es geht um einen französischen Gärtner, der meinen ungemähten Rasen für das Beste am ganzen Grundstück halten würde. Und es geht um eine unsichtbare Linie, die durch dieses Stück Land läuft und nie da bleibt, wo sie war, mal weil die Natur sie verschiebt, mal weil ich es tue.

Eine Antwort habe ich nicht. Aber eine Frage, die ich dir mitgebe.

Mehr über Gilles Clément und seine »Dritte Landschaft«: https://de.wikipedia.org/wiki/Gilles_Clément

Transkript

 

Ich sitze im Eingang vom schönen Haus am Meer. Und ich schaue in den Garten. Es ist September. Es hat drei Tage so richtig, richtig doll gestürmt und geregnet. Und die zwei Stufen des Eingangs sind die einzige Stelle, auf der man bei diesem Wind draußen sitzen kann, ohne nass zu werden. Ich mache das oft. Ich sitze hier und schaue und trinke Kaffee und lasse meine Gedanken wandern. Und natürlich auch den Blick in den Garten.

Am Donnerstag musste ich feststellen, dass die Schwalben verschwunden sind. Am Morgen waren sie noch da, aber abends nicht mehr. Sie haben sich nicht verabschiedet und sie haben auch keine Ehrenrunde über dem Haus gedreht. Sie waren dann einfach weg. Wahrscheinlich war es zu nass. Ich fühle es. Es wird Herbst.

Und dann schaue ich in diesen Garten und ich sehe eine Liste. Im Frühjahr hatten wir den Lebensbaum gefällt, dafür gab es Gründe. Und der Pflaumenbaum wurde beschnitten und die Sträucher auch, und der ganze Garten ist lichter geworden. Aber ich sehe auch, dass auf den Fensterbänken keine Blumenkästen mehr stehen. Seit meine Mutter vor drei Jahren gestorben ist, wurde hier auch nichts Neues mehr angepflanzt. Was wächst, wächst, weil es von alleine wächst. Und bis auf den Beschnitt, Radikalschnitt muss man schon sagen, der im Frühjahr stattfand, passiert nicht viel in diesem Garten.

Und ich sitze hier und ich sehe an allen Ecken Arbeit. Ehrlich, ich fühle mich überfordert. Also nicht nur ein bisschen, sondern so richtig.

Doch das ist jetzt nur die eine Hälfte meiner Gedanken. Die andere Hälfte ist ein Gedanke, über den ich neulich gestolpert bin, in einem Satz, den ich aufschrieb. Im Grunde genommen ja ganz beiläufig. Ich schrieb, der Rasen des großen Gartens wird von anderer Hand gemäht, und zwar in unregelmäßigen Abständen. In Klammern: zum Glück.

Als ich das nochmal gelesen habe, habe ich gedacht: zum Glück? Wieso Glück? An dieser Stelle müsste doch Ärger stehen, müsste ich doch Ärger denken. Das müsste doch heißen: leider unregelmäßig. Da müsste doch der Gedanke stehen: schon wieder ist er zu hoch gewachsen. Aber ich empfand Erleichterung. Zum Glück. Ganz klein und ganz nebenbei, und ich hätte es ja fast überhört.

Ich beklage die Verwahrlosung meines Gartens und freue mich gleichzeitig heimlich über jede Ecke, um die sich niemand kümmert.

Wenn ich vom Eingang geradeaus schaue, dann hört der Garten ja irgendwann auf, natürlich. Viel Zaun gibt es bei uns nicht. Es gibt eine Stelle, an der sozusagen das Gemähte aufhört und das andere anfängt. Und in diesem anderen wächst im Grunde genommen genau das Gleiche. Dieselben Gräser, dieselben Brennnesseln, es ist der gleiche Boden und auch dasselbe Wetter und dieselben Stürme in dieser Woche. Aber das da draußen empfinde ich nicht als vernachlässigt. Da draußen ist einfach Landschaft.

Und ich frage mich, was ist denn eigentlich der Unterschied? Es sind ja dieselben Pflanzen, es ist dieselbe Sorglosigkeit, es ist derselbe Wildwuchs und auch dieselbe Ordnung, die sich von ganz alleine einstellt, wenn niemand eingreift. Der Unterschied liegt also nicht in den Pflanzen. Der Unterschied bin ich.

Da draußen hat nie jemand etwas gewollt. Hier drinnen schon. Irgendwann hat hier jemand in diesem Garten einen Baum gepflanzt und gedacht, hier soll ein Baum stehen. Und irgendwann hat jemand Beete angelegt und mit Hilfe von Hecken Räume geschaffen und entschieden, wo Rasen ist und sogar wo die Grenze ist. Und ein Teil davon entstand durch meine Mutter und ein Teil davon durch mich. Und deshalb sieht dieser Garten hier drinnen aus wie ein Vorwurf und die Wiese hinter der Grenze wie eine Wiese.

Natur kann nicht misslingen, dafür fehlt ihr die Absicht. Sie will nichts, also kann sie auch nichts verfehlen. Alles, was sie tut, ist genau das, was sie tut.

Ein Baum, der umfällt, ist kein Fehler, er ist ein umgefallener Baum.

Ein angelegtes Beet, das zuwuchert, kann aber schon misslingen, weil da mal jemand war, der das wollte.

Und das ist der Punkt, an dem ich gefragt bin. Also nicht wirklich, weil der Garten mich braucht. Der Garten kommt bestens ohne mich zurecht. Er würde dann nur ein anderer sein.

Ich bin gefragt, weil ich hier mal etwas gewollt habe. Isso.

Soweit diese Geschichte. Zusammengefasst geht sie ungefähr so: Ich habe hier eine Verantwortung. Ich komme ihr nicht nach. Das ist unschön. Ich müsste mich mehr kümmern.

Nur, das stimmt ja eben auch nicht ganz. Denn dieser ungemähte Rasen, über den ich mich beklage und heimlich freue, der ist ja voller Leben. Da sitzen Insekten drin, die auf einem englischen Rasen nichts zu suchen hätten. Und da blüht Zeug, das ich liebe und das andere Menschen rausreißen würden.

Übrigens, ich erinnere mich, es gibt einen französischen Gärtner, Gilles Clément, der hat für genau diese Flächen einen Namen erfunden. Er nennt sie die dritte Landschaft. Gemeint sind damit alle Orte, um die sich niemand kümmert. Brachen, Ränder, vergessene Ecken. Und er sagt, das sind die artenreichsten Flächen, die wir haben. In seinem Garten in der Creuse macht er seit den 80ern nicht viel mehr, als zuzuschauen. Was ich hier in meinem Garten also Verwahrlosung nenne, wäre für ihn, scheint mir, das Beste am ganzen Grundstück.

Tja. Also:

Verwahrlost ist kein Zustand. Verwahrlost ist ein Urteil. Und dieses Urteil, das fälle ich.

Mein Garten sagt dazu übrigens selbst gar nichts.

Und damit bin ich bei einem weiteren Bild, das mich seit Tagen nicht loslässt. Da läuft eine Linie durch dieses Grundstück. Die ist nirgends eingezeichnet. Ich könnte sie nicht abschreiten. Ich weiß ungefähr, wo sie ist. Auf der einen Seite bin ich zuständig. Und auf der anderen Seite bin ich es nicht.

Und diese Linie, die ist längst nicht mehr da, wo sie mal lag. Jedes Jahr rückt sie ein Stück. Mal holt sich die Natur etwas, weil ich nicht hingucke oder nicht hingucken will. Und mal hole ich mir etwas, weil ich einen guten Tag habe und auch eine Heckenschere. Und das passiert sowieso, in beide Richtungen, ununterbrochen, egal, ob ich das nun entscheide oder verschlafe.

Ich habe immer gedacht, ich muss diese Linie festlegen, ein für alle Mal, bis hierhin und nicht weiter. Und dann halte ich das durch. Aber ich glaube, das ist ein Denkfehler. Die Linie, das ist keine Entscheidung, die ich einmal getroffen habe. Die ist eine, die ich jeden Morgen treffe, indem ich rausgehe und etwas mache oder es bleiben lasse.

Ich weiß nicht, wo das Maß liegt. Ich sitze hier also seit einer Woche und schaue und komme zu keinem Ergebnis. Es hat ja schließlich auch geschüttet, und da gehe ich nicht in den Garten. Und ich weiß nicht, wie viel ich davon einfach an das Leben und die Natur abgeben darf, ohne dass es gleich aufgeben bedeutet. Ich weiß nicht, ob der Pflaumenbaum nächstes Jahr noch einmal geschnitten werden muss.

Ich weiß nur, dass ich jeden Tag neu entscheide. Auch an den Tagen, an denen ich halt im Eingang hier sitzen bleibe.

Die Schwalben sind weg. Der Wind drückt das Gras platt und rauscht auch wild durch die Bäume. Und irgendwo da vorne verschiebt sich diese Linie, während ich hier sitze.

Und jetzt du. Schau dir das an. Bei dir. Den Streifen zwischen Bürgersteig und Hauswand. Die Ecke im Hof, um die sich keiner kümmert. Oder auch das Regal. Den Balkonkasten. Das Zimmer, in dem du ja mal was vorhattest.

Und dann frag dich nur das eine: Ist das schön?

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