Seite auswählen

Ist das schön?!

Der Podcast über die Kraft, die im Schönen steckt.

Episode #1 | 20. Februar 2026

Ich fand sie nicht schön –
bis ich es plötzlich tat

Über den Moment, in dem Schönheit aufhört, Geschmackssache zu sein

Alles begann mit einem graubraunen Umschlag und einer kleinen Tonfigur: der Venus von Willendorf. Jahrzehntelang fand ich sie nicht schön – bis ich in einem Erzählsalon plötzlich merkte, dass sich mein Blick auf sie komplett gedreht hatte. In dieser ersten Solo-Episode erzähle ich, wie mich diese Begegnung zur Pressesprecherin der Schönheit gemacht hat, was Schönheit mit Frieden zu tun hat und warum sie viel mehr ist als hübsch.

Abbildung Venus von Willendorf

Venus von Willendorf, Naturhistorisches Museum Wien, Österreich, Ansichten der Figurine von allen vier Seiten (Foto: Bjørn Christian Tørrissen)

Transkript

 

… und starten möchte ich natürlich ganz einfach da, wo alles begann.

Ja, wo begann dann alles? Tatsächlich in meiner Kindheit. Denn in meiner Schulzeit, ich war noch relativ jung, Ende der 70er Jahre, hatte mein Zeichenlehrer eine Arbeit von mir zu einem Mal- und Zeichenwettbewerb des Warschauer Paktes eingereicht.

Für die jüngeren Zuhörer hier, der Warschauer Pakt war das Gegenstück der NATO.

Und ich erhielt irgendwann von eben jenem Zeichenlehrer einen graubraunen DIN A5-formatigen Umschlag mit der Bemerkung, ich hätte gewonnen. Darin befand sich die Beschreibung des Wettbewerbs und auf dem Titelbild der Broschüre war die Abbildung der Venus von Willendorf. Und die Venus von Willendorf, das musst du dir so vorstellen, das ist eine kleine Tonfigur, ungefähr 10 Zentimeter hoch. Und das ist eine ganz üppige, ja ich würde sagen dicke Frau mit leicht adipösen Beinchen, ganz kleinen Füßen, riesigen Brüsten, ganz dünnen Armen. Sie hatte ihre Hände auf den Brüsten abgelegt und einem Kopf, der merkwürdig gesichtslos wie von einer Badekappe überstülpt war.

Jedenfalls wirkte das so auf mich. Der Titel der Broschüre lautete „Was ist schön?“ Eins weiß ich heute noch, als ich diese Broschüre sah. (Ich habe mir das über viele Jahre aufgehoben.) Eins kann ich mit Sicherheit sagen, schön fand ich diese Frau tatsächlich ganz und gar nicht.

Es wurde sogar so, dass ich später, als ich natürlich älter geworden bin, Jugendliche wurde, empfand ich die dicke Dame sogar als Affront gegen mich. Eine üppige, mütterliche, hilflose, dicke, ja aus meiner Sicht machtlose Frau, die irgendwie als Gebärmaschine herhalten sollte.

So mein Eindruck. Ich mochte sie nicht.

Und dann habe ich alles vergessen. (Jedenfalls diese Episode aus meiner Kindheit.)

Nach der Schulzeit studierte ich, lernte ich den Beruf des Schriftsetzers. Ich lernte Bleilettern, Druckfarben, den Geruch von Büchern kennen. Ich entwickelte eine große Liebe zur Gestaltung von Büchern und studierte später auch Kommunikationsdesign, immer mit dem Blick auf Bücher und Buchgestaltung und Typografie.

Ja, und dann kamen noch weitere Stücken Leben dazu und ich arbeitete, bekam Kinder, hatte Familie, arbeitete vor allen Dingen für einen großen Verlag und gestaltete viele Bücher.

Und das Thema Schönheit, naja, das war natürlich da, denn wenn man Design studiert hat, dann hat man auch Kunstgeschichte studiert und sich mit Ästhetik beschäftigt. Und die Schönheit ist halt für mich in meinem Leben ein integraler Bestandteil meiner Arbeit, die sich auswirkt auf alles in meinem Leben.

Irgendwann brach allerdings genau diese Arbeit ein. Also der Verlag verabschiedete sich von mir und plötzlich war ich als Freelancer auf mich selbst zurückgeworfen und musste zusehen, ja, was mache ich denn jetzt, wenn ich keine Bücher für einen Verlag gestalte?

In dieser Zeit entstand für mich selbst ein komplett neues Bild meiner Arbeit und ich merkte, wie wichtig der Bereich oder das Thema Schönheit in meiner Arbeit ist, denn ich wurde immer wieder damit konfrontiert, dass Menschen sagten, naja, Design ist halt ein bisschen hübsch machen. Und ich immer dachte, nee, Design ist viel mehr als schnell mal hübsch. Design ist Strategie, ist sehr gut durchdachte Gestaltung, die bis ins letzte Detail eine konkrete Wirkung entfalten sollte.

In der Zeit entwickelte sich für mich auch tatsächlich mein eigenes Selbstbewusstsein zum Thema Schönheit. Ich merkte, dass mein Blick über die einfache Schönheit hinausging und Schönheit viel mehr ist als eben einfach hübsch. Schönheit wirkt viel stärker auf uns Menschen.

Mir begegneten auch solche Themen wie die Broken Glass Theorie, sprich Orte, die bereits kaputt sind oder von Zerfall geprägt sind. Und die zerfallen ganz, ganz schnell weiter. Das werden ganz schnell Lost Places. Währenddessen aber Orte, die sehr gut gepflegt sind, und eine freundliche Ausstrahlung haben, weniger Kriminalität aufweisen.

Das ist zum Beispiel eine Sache, die mich schwer beeindruckt hat und wo ich merkte, okay, in der Schönheit steckt wahrlich sehr, sehr viel mehr als halt hübsch.

Und dann kam 2024 ein Moment, der meine ganze Situation noch einmal gekippt hat. Und zwar hatte ich die Gelegenheit, in einem Erzählsalon das Thema zu setzen. Und was lag für mich näher, als die Frage zu stellen, was ist schön? Ich wollte natürlich nicht unvorbereitet in diesen Erzählsalon reingehen und habe aus diesem Grund mal nachgeforscht in mir selbst, in meiner eigenen Geschichte, warum beschäftigt mich dieses Thema Schönheit, verdammt nochmal, so sehr. Es verfolgt mich ja regelrecht – immer wieder diese Frage, ist das schön? Warum ist das schön? Was ist schön? Woran machen wir Schönheit fest?

Und siehe da, die Venus von Willendorf kam mir wieder in die Erinnerung. Plötzlich, ich fand auch das Täschchen wieder, ich habe das immer noch, dieses kleine aus Leder gefertigte Täschchen. Und ich habe immer noch eine ganz, ganz klare Erinnerung an die Broschüre und an die Venus von Willendorf.

Und dann habe ich recherchiert und geschaut, diese Figur ist tatsächlich 25.000 Jahre alt oder sogar noch älter. Sie gilt als sehr wertvoll, weil sie eben mit als eines der ersten Zeugnisse von skulpturaler Arbeit ist.

Und dann habe ich mir diese Venus von Willendorf noch einmal sehr genau angeguckt und dachte so, was macht das eigentlich mit mir, diese Idee, dass das eine so alte Darstellung einer Frau ist?

In diesem Erzählsalon kam es tatsächlich sogar auch dazu, dass ich in ein Streitgespräch geriet, weil eine andere Teilnehmerin mir dann die Frage stellte, warum ich das denn schön finde oder warum ich nun ausgerechnet von dieser dicken Frau erzähle, wenn ich doch von Schönheit rede.

Und das ist richtig tief in mein Herz gegangen, diese Frage, weil ich plötzlich dachte, ja, aber die Frau ist doch schön! Aha, plötzlich dachte ich, die Frau ist schön. Also ich sagte es auch, die Frau, diese Venus ist schön, obwohl dick, üppig, unbeholfen.

Was macht das mit mir? Was passiert hier?

Und ich habe festgestellt, okay, da sehe ich plötzlich nicht mehr einfach eine Frau, die hilflos ist, sondern plötzlich zeigt sich mir die Venus als die Urmutter, als eine weibliche, also als die Weiblichkeit schlechthin, als eine Göttin, als das Leben. Und zwar das Leben und die Fülle.

Die Situation bekam eine 180 Grad Kehrtwendung, über die ich selbst echt erstaunt war und wo ich sehen konnte, okay, das, was wir sehen können, ist halt nie alles, was in den Dingen drin steckt, sondern die Schönheit, die steckt zum Beispiel auch ganz, ganz stark hinter dem Sichtbaren.

Das war eine wirklich verrückte Erkenntnis für mich in diesem Erzählsalon und der Auslöser dafür, dass ich Stück für Stück eine neue Rolle einnahm. Und so habe ich mich dann vor einem Jahr zur Pressesprecherin der Schönheit erklärt, nicht zur Botschafterin übrigens, sondern wirklich zur Pressesprecherin, weil ich will ja gar nicht vermitteln oder irgendwelche diplomatischen Beziehungen knüpfen will, sondern ich möchte die Schönheit vertreten. Ich möchte ihre Kraft, ihre Meisterschaft, ihr Potenzial in die Öffentlichkeit tragen. Das ist wie ein Auftrag, den ich hier erfülle.

Denn ich habe in den letzten Monaten, fast Jahren, tatsächlich einen Dialog gestartet mit der Schönheit und habe immer wieder mit ihr geschrieben, habe ihr immer wieder Fragen gestellt. Ist das schön? Warum ist das schön? Und habe Antworten bekommen, die eben darauf hinweisen, dass nichts nur einfach Dekoration ist, sondern dass in der Schönheit Kraft steckt. Ganz viel Kraft. Und zwar eine Kraft, die dahin führt, dass wir zu uns selbst zurückkommen.

Wenn wir zum Beispiel feststellen in einem Moment, boah, das ist echt schön, dann kommen wir in unser Inneres. Und in uns, unserem Inneren werden wir friedlich. Und dieses Gefühl, dieses friedliche Gefühl, naja, das ist halt Frieden. Deswegen behaupte ich ja, dass Schönheit Frieden ist.

Das ist der eine Gedanke, zu dem ich gekommen bin, durch den Dialog mit der Schönheit.

Der andere Gedanke ist aber auch, dass die Schönheit uns nährt. Sie ist für uns ein integraler Bestandteil, uns gut zu fühlen. Zum Beispiel die simple Tatsache, dass wir dazu neigen, und das sind jetzt nicht nur Frauen, sondern auch Männer, uns Blumen zu kaufen und auf den Tisch zu stellen. Ja, warum um alles in der Welt tun wir das denn? Warum kaufen wir uns Blumen? Na, weil wir sie schön finden. Weil uns die Schönheit nährt. Schönheit ist halt auch tatsächlich ein Lebensmittel.

Und ich glaube, dass wir das alles unterschätzen. Unser unbewusstes Tun hat ganz, ganz viel mit der Schönheit zu tun. Und die Schönheit trägt uns sozusagen ganz stark durch den Alltag, ohne dass wir uns dessen bewusst sind.

Ja, und nun also der Podcast.

Ich habe beschlossen, dass ich meine ganzen Dialoge, die ich mit der Schönheit geführt habe, Stück für Stück auseinandernehme und die Gedanken hier auch in der Öffentlichkeit teile, denn Pressesprecherin ist Pressesprecherin und dann sollte ich natürlich auch in die Öffentlichkeit treten.

Da ich aber noch viel spannender finde, mit anderen Menschen in den Dialog zu treten, wird es in diesem Podcast ist dies ein Interview-Podcast, in dem ich immer wieder die Frage stelle, ist das schön, was du tust und warum ist das schön, was du tust?

Und ich mag das schon gern, den Gedanken, dass es auch ein polarisierendes Thema sein darf. Denn auch dessen bin ich mir bewusst, Schönheit ist ja nichts, wo man sagen kann, so ist es, das ist eine Regel, das ist schön. Und wenn du das nicht schön findest, dann hast du das nicht gelernt oder dann bist du dumm oder dann hast du halt keine Ahnung. Nein, so ist das eben nicht.

Schönheit ist subjektiv.

Die Schönheit ist ein riesiges Spektrum an Emotionen, Empfindungen, Ansichten, Einsichten, die bei jedem Menschen anders sind. Und schon auch deshalb lohnt es sich mit anderen Menschen darüber zu sprechen, denn es öffnet Perspektiven und es öffnet gedankliche Räume und Möglichkeiten, die wir vielleicht so noch nie gesehen haben. Und das ist das, worauf ich mich richtig, richtig freue. Auf Menschen, mit denen ich genau darüber spreche.

Meine allererste Episode sollte dir ein kleines bisschen ein Bild darüber vermitteln, wer ich bin und warum ich so viel über die Schönheit rede.

Ich hoffe, ich konnte dich neugierig machen. Ich werde auf jeden Fall die Venus von Willendorf in den Show Notes mit verlinken, denn es lohnt sich, sie anzuschauen und zu lesen, woher sie kommt.