Ist das schön?!
Der Podcast über die Kraft, die im Schönen steckt.
Episode #2 | 27. Februar 2026
Schönheit ist keine, die mit Pauken und Trompeten durchs Dorf zieht
Über Schönheit als Bedürfnis, Resonanz und Sparringspartnerin
Vor drei Jahren sagte Anne Seubert, Schönheit sei ihre Komplizin. Ich habe sie jetzt gefragt, ob das noch stimmt. Die Antwort war komplizierter. Und schöner.
Anne ist Künstlerin, Lyrikerin, Wortschöpfende und hat eine angenehme Portion Frechheit. Wir reden über Schönheit, die uns ergreift, ohne dass wir wissen warum. Über Gänsehaut als Beweis. Über Zahlen, die ohne Aufgabe schön sind. Über Stille. Über Fülle. Über die Sehnsucht, einen Moment festzuhalten und warum das nie so ganz gelingt.
Und darüber, ob man Schönheit eigentlich kaufen kann.
Anne Seubert
Website: »Wortlaute«, Beitrag »Die Zahl als stille Muse …«, auf LinkedIn und Instagram
Transkript
Jana: Ich starte heute das erste Interview bei »Ist das schön?!«.
Anne Seubert ist Künstlerin, Speakerin, Wortschöpfende und war auch mal für ein Jahr Poetin in Residenz. Sie hat ein Faible für Zahlen, so habe ich sie jedenfalls kennengelernt. Und sie strahlt eine angenehme Portion Frechheit aus. Wir haben vor drei Jahren schon einmal über Schönheit gesprochen. Und heute wollen wir da noch mal tiefer reingehen. Liebe Anne, ich freue mich ganz doll, dass du da bist. Herzlich willkommen.
Anne Seubert: Vielen Dank, liebe Jana, dass ich ein zweites Mal zu dem Thema mit dir sprechen darf.
Jana: Okay, dann starte ich doch ganz klar mit einer Frage, Anne, drei Jahre später. Du hast damals gesagt, Schönheit ist deine Komplizin. Seid ihr euch treu geblieben?
Anne Seubert: Gute Frage. Also ich weiß gar nicht, ob Schönheit treu ist. Weil ich glaube, was Schönheit nicht ist, sie ist nicht exklusiv. Und da ähneln wir uns vielleicht auch. Und ich kann aber ganz bestimmt sagen, dass wir es weiterhin gut miteinander meinen.
Jana: Oh, na, das klingt erstmal nach einer guten Beziehung sozusagen. Wenn man es gut miteinander meint, hat man ja schon mal eine gute Basis für eine eigene Beziehung.
Anne Seubert: Und wenn ich da noch was ergänzen darf, weil es mir tatsächlich in den letzten Monaten auch immer wieder aufgefallen ist, dass es tatsächlich Momente gibt, wo ich ein explizites Schönheitsbedürfnis habe. Ich weiß nicht, ob du das nachvollziehen kannst, aber wo ich so merke, ich brauche Schönheit um mich rum. Nicht, dass ich jetzt selber mich aufhübschen will, nicht in dem Sinne, sondern dass ich irgendwie was Schönes mir anschauen möchte, dass ich in einer schönen Umgebung sein möchte, dass ich die Räumlichkeiten um mich rum, dass ich so ein gewisses ästhetisches Nachholbedürfnis habe.
Jana: Nachholbedürfnis direkt, ja. Also ich finde ja, ich habe ja die Theorie sogar richtig aufgestellt, dass Schönheit ein Lebensmittel ist. Also dass es ein Grundnahrungsmittel ist, das wir einfach brauchen, um ein gutes Leben zu führen.
Anne Seubert: Ja, schöne Idee.
Jana: Ich kann das gut nachvollziehen, dass du sagst, dass du das brauchst und die Schönheit auch suchst. Also ich glaube, dass ich das genauso tue. Es ist natürlich, also die einen legen mehr Wert darauf, die anderen legen weniger Wert darauf. Und das ist ja vielleicht gerade das, was die Schönheit eben immer so ausmacht. Dass man nie sagen kann, das ist Schönheit. Du sagtest, Schönheit ist nicht exklusiv. Man kann die Schönheit nicht pachten, man kann sie am Ende auch nicht kaufen. Kann man sie kaufen? Die Schönheit, oder ist das etwas, was sozusagen den Schönen und Reichen vorbehalten ist?
Anne Seubert: Schrecklicher Begriff, der da irgendwann in den, für mich gefühlt in den 80ern aufgekommen ist, vielleicht auch etwas früher, diese Schönen und Reichen. Also wenn man tatsächlich sich dieses Schönheitskonzept anschaut und das habe ich, ich glaube, als Kulturanthropologin irgendwann in meinem Studium mal gemacht, dann ist eben Schönheit zugleich eine Art Werturteil, wie du es jetzt gerade auch angedeutet hast. Es gibt jemanden, der die Deutungshoheit hat und sagen kann, das ist schön, das ist nicht schön. Es ist zugleich ein Phänomen, was auftaucht, was einen ja auch ergreifen kann. Wir denken an Himmelsgestirne, die plötzlich eine Stimmung verursachen, wo man vor Gänsehaut und Ergriffenheit kurz stehen bleiben muss und am liebsten auch nicht alleine dem ausgesetzt ist, vielleicht weil es einen sonst wirklich überwältigen würde. Also ich finde, diese Kraft hat Schönheit ja auch. Wir nutzen es unglaublich viel, diesen Begriff der Schönheit. Also ich erinnere mich an meinen Kunstlehrer in der Schule, der gesagt hat, wenn du mir hier ankommst mit „Das ist schön“, dann war das dein letzter Besuch in meiner Klasse. Differenziere bitte, das ist kein adäquater Begriff mehr, sage ich mal. Versuch genau auszudrücken, was du meinst, was dich Schönheit empfinden lässt in dem Moment, in dieser Situation, in dem Anblick eines Kunstwerkes vielleicht oder dem Hören eines Musikstückes.
Jana: Ich finde, du hast jetzt hier gerade mehrere Klammern aufgemacht und ich würde gerne auf die mehreren Klammern eingehen. Das Erste, was ich ganz dringend fragen möchte, steigert sich ein Schönheitsempfinden, indem ich es teile? Weil du sagtest, manchmal ist ja Schönheit so dermaßen überwältigend, dass man ja förmlich gar nicht weiß, wohin mit sich, wenn man es nicht teilen kann. Wird sie größer dadurch?
Anne Seubert: Dass man sie teilt? Gute Frage, habe ich noch nicht drüber nachgedacht. Ich weiß gar nicht, ob man Schönheit messen kann. In was für einer Einheit würdest du denn das festlegen? Ja, jetzt ist sie um zwei.
Jana: Womit wir bei den Zahlen wären. Das ist interessant. Siehst du, du verstehst was völlig anderes, als ich gefragt habe. Also als ich dachte zu fragen. Weil ich mache schon die Erfahrung, dass in dem Moment, wo ich jemanden anschubsen kann und sagen kann, guck doch mal, wie schön das ist, dass ich in dem Moment ja die Schönheit teile und irgendwie gleich als noch viel wertvoller empfinde. Aber das würde ich ja nie in einer Zahl oder in einer Messlatte vergleichen, irgendwie so.
Anne Seubert: Aber da machst du wieder was Interessantes auf und ich komme gleich auf deine Zahlen zurück, aber ich würde da gerne noch kurz drauf eingehen, weil ich schon auch bei der Schönheit sehe, dass sie zum einen eben ein, kommen wir vielleicht auch noch mal drauf, objektiv in irgendeiner Weise fassbare Größe ist. Also, dass ich sage, hier haben wir einen goldenen Schnitt, das ist schön, der Blauton ist schön. Und da versuchen wir schon, in einer Art kollektivem Verständnis von Schönheit uns zu bewegen. Also, dass ich davon ausgehe, du empfindest das Gleiche, das ist schön, das ist eine schöne Frau, das ist ein schöner Mann, das ist ein schönes Bild. Und gleichzeitig ist sie was unglaublich Subjektives. Ich sehe dich nicken, das sehen unsere Hörer gerade nicht, aber sie hat eben auch diese ganz subjektive Variante, wo ich mich dann eben vielleicht mit einem anderen Menschen auch verschwestern oder verbrüdern kann und sagen kann, es ist gerade echt berückend schön. Also wir haben da ja auch tolle Begrifflichkeiten für. Das verzaubert mich, dass die Engländer haben dieses Intriguing, wo ich auch immer so denke, ja, und ich kriege jetzt schon Gänsehaut beim drüber sprechen. Aber da gibt es eben diese zwei Bereiche und die Zahlen gehören natürlich eher zu diesen, oder tendenziell eher zu diesen objektivierenden Maßeinheiten, haben aber für mich tatsächlich, und da trete ich vielleicht dem einen oder anderen auf den Fuß und werde meiner Frechheit gerecht, auch ganz ohne Aufgabe eine Schönheit für mich.
Jana: Zahlen haben ohne Aufgabe eine Schönheit für dich. Okay. Na, das ist doch mal ein Satz, würde ich sagen. Das eine Thema war, du sprachst gerade davon, dass es ja, ich möchte mal so sagen, sowas wie eine universelle Schönheit gibt. Wir sehen schöne Menschen, den goldenen Schnitt, also ein paar ästhetische Basics, keine Ahnung, kann man universell bezeichnen. Ich glaube, dass sie kulturell über die Welt immer ein bisschen differenzieren, also je nach kulturellem Hintergrund durchaus unterschiedlich sind. und trotzdem gibt es wahrscheinlich schon auch so ein ziemlich allgemein mögliches Maß. Und die Kehrseite davon oder der Gegensatz dazu ist natürlich die komplett subjektive Ansicht. Finde ich dich schön? Finde ich ein Kunstwerk schön? Finde ich eine Situation schön, in der ich mich befinde? Oder finde ich eine Zahl schön? Oder ein Wort? Ich liebe ja Wörter. Auch ein ganz spannendes Thema. Und das ist zum Beispiel für mich eine Dimension. Die Dimension zwischen dem subjektiven, eigenen, persönlichen Empfinden für Schönheit und dem universellen Empfinden für Schönheit. Und ja, da gibt es keine Messlatte. Also das ist eben kulturbedingt unterschiedlich und persönlichkeitsbedingt unterschiedlich, also so in diesem Rahmen.
Anne Seubert: Und das ist ja auch das Interessante, wenn man jetzt so, ich habe gerade so Miss-Wahlen vor Augen, wo man versucht, Schönheiten zu vergleichen. Und da merken wir ja schon, wie absurd das eigentlich ist, weil jede Schönheit steht für sich und da gibt es keinen Schön, Schöner, am schönsten. Und trotzdem, und das ist ja auch das, was Schönheit hat. Es ist etwas, wonach man sich sehnen kann, wonach wir uns sehnen. Und vielleicht sind die Ausformungen, wie du gerade sagtest, kulturell sehr unterschiedlich. Aber dass wir so ein Schönheits- und durchaus eine kollektive Schönheitssehnsucht haben, dass wir unsere Kirchen schön machen wollen, dass wir so ein Schönheits-, ja, ich komme immer wieder auf dieses Bedürfnis zurück, in irgendeiner Form in unseren Gesellschaften verankert haben, so weit würde ich schon gehen.
Jana: Ja, da gehe ich total mit. Also da sind wir sozusagen wieder an dem Punkt, Schönheit ist ein Lebensmittel, ein Grundnahrungsmittel und ein, ich glaube, tief in uns drin sitzendes Bedürfnis, ein gutes Leben zu führen. Also Schönheit ist essentiell sozusagen, um ein gutes Leben zu führen. Ich glaube, das drückt das auch ganz gut aus. Ich komme nochmal auf die Zahlen zurück. Du liebst Zahlen und du liebst Worte. Das eine lebt von Präzision und das andere ja von Eigensinn. Wo entsteht bei dir die Schönheit? Also wenn alles stimmt oder wenn es kippt, also wenn es ausbricht.
Anne Seubert: Guter Punkt. Und ich muss trotzdem, oder wenn ich darf, nochmal zu deiner Fragestellung. Vielen Dank für die. Definitiv besteht meine Ausdruckslust in Worten. Und gleichzeitig könnte ich ohne Zahlen nicht. Ich mag die sehr für ihre Stringenz und ihre Zahlenlogik, die man damit abdecken kann. und ich hatte gerade so die ketzerische Idee zu sagen, wem schreibst du denn jetzt die Präzision und wem den Eigensinn zu, weil für mich als Lyrikerin tatsächlich die Suche nach der Prägnanz, nach der präzisen Ausdrucksform für diesen einen Moment, für diese eine Situation elementar ist. Das heißt nicht, dass meine Wörter keinen Eigensinn haben, was du vermutlich meintest, aber für mich ist Präzision im Ausdruck, im sprachlichen Ausdruck mit Worten elementare Aufgabe. Und Zahlen können, glaube ich, auch einen Eigensinn haben.
Jana: Wir waren uns vor drei Jahren schon mal sehr einig darüber, dass Johann Sebastian Bach, der Zahlenkünstler schlechthin war, der es drauf hatte, also ein wirklich durchgetaktetes, ganz großes Werk zu schaffen, was davon lebte, dass er die Takte permanent gestört hat. So würde ich es mal ausdrücken. Also das ist immer mein Empfinden, was die Musik von Bach mit mir macht. Dass man auf der einen Seite, sie ist vorhersagbar, sie ist mathematisch, sie ist klar, sie ist rhythmisch, sie ist meiner Meinung nach ja Swing. Und bis er dann sozusagen den Aussetzer hat, den es aber eben auch braucht, damit es schön wird. Und da wären wir ja schon wieder bei einem ganz interessanten Thema. Aber du willst was sagen?
Anne Seubert: Ja, ich wollte deine Frage noch beantworten. Wenn ich die richtig noch im Kopf habe, deine Frage war so ein bisschen, die Fragestellung, entsteht Schönheit in der Präzision oder eher im Ausbrechen? Und ich, wenn ich dieser Frage folge, sehe da schon eine Qualität von Schönheit, sich eben nicht so greifen zu lassen und sich nicht einsperren lassen in: Du musst diesen Regeln folgen und du entstehst, wenn hier rechter Winkel auf rechter Winkel trifft, dann ist es schön. Dann ist es gut, dann ist es vielleicht richtig, dann ist es korrekt. Und das ist ja nicht zuletzt in unserer Kultur ein hoch angesehenes Gut, aber ob damit schon Schönheit erreicht ist, wage ich zu bezweifeln. Für mich ist da auch genau diese Linie zwischen jemand ist hübsch und jemand ist schön. Dann kommt eben dieses Ergreifende, dieses nicht stupide Herstellbare dazu. Dann kommt dieser Moment dazu, dieses Wilde, dieses, der ist schön.
Jana: Toller Ausdruck. Ich verstehe genau, was du meinst. Interessant ist, ist das schön, was hinter der äußeren Fassade ist? Oder ist es das Äußere? Also gerade das Bild eines schönen Menschen, sagen wir mal so: ich habe ein junges Mädchen, noch sozusagen völlig narbenlos, noch rein, noch irgendwie alles glatt, alles schön, alles strahlend, alles toll und dann habe ich eine ältere Dame, die eben gezeichnet ist vom Leben und trotzdem mache ich oft genau die Erfahrung, dass das was gezeichnet ist, was Narben hat, vielleicht auch Brüche zeigt, oft das viel Schönere ist, weil viel spannender, viel aufregender. Und dadurch viel mehr die Frage stellt: was steckt dahinter?
Anne Seubert: Das bringt mich zu dem Punkt: Erzählt Schönheit eine Geschichte? Also ich kann deiner Beobachtung folgen und sehe eben auch diese zweidimensionale Hübschheit reicht noch nicht für Schönheit. Die vielleicht nicht mal nur dreidimensional, sondern vier-, fünfdimensional ist und uns dann eben auch auf anderen Ebenen erreicht, als jetzt nur, und das ist ja vielleicht der erste Sinn, der uns in den Sinn kommt: der Sehsinn. Wir schauen etwas an und empfinden es als schön oder beurteilen es als schön. Und ich glaube, da muss zu diesem Sinn eben noch eine zweite Sensorik eingreifen oder angesprochen werden.
Jana: Ja, es braucht etwas dahinter. Es braucht nicht nur die glatte Oberfläche. Es braucht einfach eine zweite Ebene oder eine fünfte Ebene. Das finde ich ganz spannend. Übrigens haben wir uns darüber auch damals schon unterhalten. Und zwar hast du damals gesagt, damals vor drei Jahren, gesagt: Morgende hätten eine eigene Schönheit für dich. Also sie hätten so ein Potenzial, bevor der Tag kommt. Das hat mich schwer beeindruckt. Ist denn Schönheit an kurze Momente gebunden? Also ich komme jetzt mal auf das Thema Vergänglichkeit und auch Zeitlosigkeit, weil also gerade dieses Bild, junge Frau, ältere Frau hat ja auch was mit Vergänglichkeit zu tun oder du hast eine gerade aufblühende Rose und was ist mit der Rose, die verblüht und ihre Blätter verliert und ist sie dann weniger schön? Also ich finde die ja oft genauso schön, wie wenn sie frisch aufblüht. Und genauso ist das mit solchen Momenten. Wenn ein Tag beginnt, das ist ja so ein ganz kurzer Moment. Aber den kann man ja nicht festhalten.
Anne Seubert: Also Schönheit können wir festhalten, wirft Fragen auf. Spannend, was dir für Fragen eingefallen sind. Und ich erinnere mich an den Moment mit den Morgenden und ich stehe da weiterhin voll dahinter und ich hoffe, dass mir der ein oder andere folgen kann und vielleicht auch für sich feststellt, stimmt, ich habe es noch nie so benannt, aber ja. Und vielleicht ist es für den einen oder anderen auch eher der Abend, wo sich Genugtuung über den geschafften Tag breitmacht oder das Abendlicht, finde ich, hat ja auch so eine Qualität, wo plötzlich alles in eine Stimmung getaucht wird. Wir haben diese flacher scheinende Sonne vor Augen, die auch so einen leicht goldenen Schimmer schafft zu verbreiten. Ich würde auf jeden Fall sagen, dass Schönheit für mich die Qualität haben muss, eine Resonanz auszulösen. Da bin ich bei Hartmut Rosa mit diesem Resonanzbegriff, der uns auch verbunden fühlen lässt mit der Welt oder mit anderen Menschen, weil eben etwas in uns, dieses Etwas ist noch nicht definiert, in Schwingung gebracht wird. Und das finde ich eine sehr schöne Beschreibung für das, was Schönheit auszulösen vermag. Anders als jetzt eben oberflächliche Korrektheit oder was wir vorhin hatten, so rein plastisch bewerkstelligte Harmonie. Sondern diese Kraft von Schönheit entsteht erst, wenn diese Schwingung stattfinden darf. Und ob jetzt dazu gehört, dass etwas flüchtig ist oder fragil, könnte man ja auch sagen, vulnerable, ich würde mal sagen, das schadet Schönheit nicht, das kann sie tatsächlich gut ab. Aber ich habe auch durchaus Bilder von robuster Schönheit im Kopf. Wir haben ja auch den Begriff der zeitlosen Schönheit, wo wir einfach, da kommt nichts ran, wie du hast gerade einen Menschen beschrieben, das kann mit einem Menschen passieren, der hat einfach so eine Schönheit in sich, nicht nur an sich, die sich wandelt und die sich metamorphosenhaft vielleicht auch extrem wandelt und trotzdem bleibt diese Qualität der Schönheit erhalten und ergreift dich jedes Mal. Oder du hast ein Musikstück und es hört sich nach 30 Jahren vielleicht anders für dich an, aber diese Schönheit bleibt inhärent.
Jana: Gehe ich völlig mit.
Anne Seubert: Toll, oder? Ich glaube, da sind wir bei diesem Phänomen Schönheit, was uns eben auch so, weil wir es nicht greifen können, weil wir es nicht eins zu eins herstellen können, sondern weil wir eben fast Teil davon werden in diesen Momenten und ergriffen werden.
Jana: Es ist eine ganz tiefe Emotion. Das Interessante ist, dass sie ja trotzdem flüchtig ist. Also ich habe mir hier notiert, dass du ja als Schreibende, als Poetin, jetzt habe ich den Begriff Poetin in Residenz vergessen gehabt, da hältst du Momente fest. Du hast mir kurz bevor wir hier gestartet sind, auch im Gespräch erzählt, dass das 12 Monate waren und dass du immer wieder an den Ort zurückgekehrt bist und dass das, was mit dir gemacht hat, auch die Tageszeiten, die Jahreszeiten und so weiter. Also die Momente, die du dort erlebt hast, hast du festgehalten, obwohl es ja eigentlich flüchtige Momente sind. Kann man Schönheit haltbar machen? Oder, ja, wie soll ich das ausdrücken? Gelingt das tatsächlich oder ist es halt trotzdem flüchtig?
Anne Seubert: Schönheit zu konservieren. Ich glaube, das ist auch so eine ewige Sehnsucht, wo man dem Teufel sogar seine Seele zum Teil für verkaufen würde. Weil Schönheit durchaus ja auch Wirkungsmacht hat. Also der eine oder andere sagt, als schöner Mensch hat man es leichter, findet leichter in Jobs, in Beziehungen, auf der Karriereleiter nach oben, in Gespräche vielleicht zu allernächst, weil Leute mit einem sprechen möchten, mit einem gesehen werden möchten. Davon kann der eine oder andere sicher auch ein Lied singen. Und gleichzeitig ist sie zumindest nicht, ich würde sagen, dem würde sie sich entziehen, nicht konservierbar. Und das, was ich da versuche als Schreibende, was, glaube ich, ich mit vielen KünstlerInnen gemein habe, ist ja tatsächlich so ein Versuch der Übersetzungsarbeit einer empfundenen Schönheit, eines Moments oder etwas, das wir beschreiben oder besingen oder dem wir eine Ode schreiben möchten, in eine für andere, für unsere Mitmenschen, da sind wir wieder beim Teilen von Schönheit, vermittelbare, verstehbare, greifbare Formen zu übersetzen. Also wir erinnern uns an die Minnesänger, die ja mehrseitige Texte, Lieder geschrieben haben. Und deswegen war ich vorhin auch so, es ist ein irre anstrengender Prozess. Man denkt ja so ein Gedicht, drei Zeilen, was brauchst du schon dafür, dass wer sich mit Lyrikern unterhält, das ist wie so Bildhauen, Steinbildhauen, wo man wirklich unter Anstrengung, es ist vielleicht eher geistige Anstrengung, denn körperliche, aber es kann einen durchaus ins Schwitzen bringen, versucht, wirklich diese Schönheit, diese Empfindung, nicht mit Pathos, nicht mit Kitsch, nicht mit abgegriffenen Begriffen zu übersetzen in unsere Sprache. Und bei mir sind es tatsächlich die Worte. Für andere KünstlerInnen ist es dann eben die Musik oder die bildende Kunst. Und das ist ein Ringen.
Jana: Ein Ringen, um die Schönheit, um sie zu übersetzen. Ich finde den Begriff gerade sehr, sehr schön, dass du als Künstlerin sagst, ich sehe mich als Übersetzerin, um das, was meine Empfindungen sind, für andere zugänglich zu machen. Das finde ich eine schöne Beschreibung dessen, was du tust.
Anne Seubert: Ja, ist gar nicht so einfach, das zu beschreiben. Aber ich glaube, das ist zumindest ein Teil davon. Und auch einer, der glücklich machen kann, wenn das gelingt. Da sind wir wieder bei, wenn es mir gelingt, das zu teilen. Und jemand sagt auch vielleicht, danke, dass du es geschafft hast, das zum Ausdruck zu bringen. Mir ist es nicht gelungen. Also ihr kennt vielleicht alle noch dieses: Last Night a DJ saved my life, weil er den eher negativen Liebeskummer vielleicht so geschafft hat in eine Musik ,in Songs, zu übersetzen, dass ich mich verstanden gefühlt habe
Jana: und weinen kann
Anne Seubert: Genau, und das ist glaube ich tatsächlich eine Aufgabe die Künstlerinnen gerade auch im Moment wo uns die Welt ja an diversen Ecken und Enden zu überwältigen droht, übernehmen können. Die können die Welt nicht retten, aber vielleicht können sie uns bei dem ersten Schritt helfen.
Jana: Ja, Brücken bauen.
Anne Seubert: Und auf Schönheit aufmerksam machen. Ich glaube, das ist auch ein wichtiger Punkt, weil die eine andere, ich will nicht sagen feinere, aber ich sage eine andere Sensorik vielleicht dafür haben.
Jana: Ja. Um jetzt mal ein bisschen wieder in eine andere Richtung zu gehen in dem Gespräch, fällt mir jetzt gerade mal dabei ein, kann denn Schönheit auch unverschämt, unnütz sein?
Anne Seubert: Eine typische Jana-Frage, also Columbo-mäßig, bevor wir jetzt hier so zu sehr schwärmen kommen. Finde ich sehr gut, dass du das wirklich so von unterschiedlichen Ecken beleuchtest und es ist lustig, weil der Schönheitsbegriff, also jetzt unser deutscher Schönheitsbegriff, der ja offenkundig eine andere Wurzel hat, als der englische oder französische Beauty Boutet Begriff, das Schöne, das verwenden wir auch im Schöngeistigen, was ja tatsächlich eher so was überflüssiges, negativ konnotiertes hat. Du Schöngeist, Du beschäftigst dich hier mit Sachen, die uns hier nicht wirklich weiterbringen. Und ich glaube, dieses keinem Zweck dienen, zumindest nicht offenkundig, ist durchaus etwas, was man der Schönheit unterstellen kann. Da ist sie vielleicht auch so ein bisschen sich selbst genug. Und es ist interessant, weil die Kunst ja genau, also die Kunst jetzt als Feld, sage ich mal, in unserer Gesellschaft genau diesen Schönheitsbegriff ja auch bedient. Die eben versucht immer wieder zweckfrei zu schaffen, nicht dekorativ zu sein, nicht nützlich zu sein, sondern sich ja darüber definiert, etwas zu schaffen, was eben keinem Zweck erstmal dient. Und da auch immer wieder unseren Schönheitsbegriff herausfordert, möchte ich mal sagen, bis hin dahin zu gehen, dass sie nicht mehr schön sein mag oder darf, um in diesem Markt, in diesem Feld zu bestehen, erfolgreich zu bestehen.
Jana: Aber das bezieht sich jetzt auch sehr auf Kunst. Und was ich nämlich dachte, und das ist vielleicht jetzt wirklich die 180-Grad-Wendung, ich finde es ja so erstaunlich, und oft wird das halt nicht bemerkt, dass die Schönheit einfach da ist. Wir sind nämlich umgeben von Schönheit, egal wo wir sind. Also wenn wir draußen sind, also Natur natürlich per se sowieso, die Natur ist schön. Und die schert sich überhaupt nicht darüber, ob wir darüber ein Maß haben, ob wir es beurteilen oder nicht beurteilen, ob wir es empfinden oder auch nicht empfinden. Sie ist, was sie ist. Und sie ist schön. und das finde ich phänomenal, weil das was du jetzt gerade beschrieben hast über die Kunst, ja das ist ja auch ein ganz wesentlicher Aspekt der Kunst, also auch das zu zeigen was halt nicht schön ist. Also auch mal genau in das Gegenteil zu gehen beziehungsweise zweckfrei zu sein und einfach für sich selbst zu stehen. as ist schon das Schönste was man in der Kunst erreichen kann, glaube ich. Aber verrückt ist doch, dass wir so viel über Schönheit reden und so viel um Schönheit ringen und dabei oft gar nicht bemerken, wie viel Schönheit überhaupt da ist.
Anne Seubert: Ja, da bin ich auch sehr dankbar für, dass ich da eine Sensorik entwickelt habe, vielleicht aus diesem Bedürfnis heraus, Schönheit zu empfinden. Ich glaube, man macht sich selber ein Geschenk, wenn man offen ist für Schönheit sozusagen. Und ich habe eben das große Vergnügen, dass ich Schönheit in einem Wort entdecken kann, in einem Moment, in einer Häuserfassade, in einem Garten, in einem Park. Und ich glaube tatsächlich, das ist etwas, ich will nicht sagen, dass man Schönheit lernen kann, aber ich glaube, diese Sensorik einzustellen, das kann man sich gönnen, wenn man das möchte. und weil man auch das Gefühl hat, ein bisschen mehr Schönheit täte gut. Man kann den Fokus darauf ausrichten und man kann sich dafür auch Hilfsmittel nehmen, eine Kamera zum Beispiel, ganz offensichtlich, und sich dann ein bisschen auf die Suche machen nach schönen Ecken. Ich fand nochmal interessant, was du gesagt hast mit der Schönheit, die einfach so da ist in der Natur, weil ich glaube, ich würde es sogar andersrum drehen. Ich glaube, unser Schönheitsbegriff und auch unser Verhältnis zur Schönheit rührt tatsächlich daher, dass Schönheit in Form von Harmonie, Symmetrie, von Ausgeglichenheit, von eben auch diesen Wirkungskräften, die wir vorhin hatten, uns zu beleben auf eine positive Art, also nicht im Sinne von Übererregen, sondern eher diese ausgleichende, Resonanz spüren lassende Art, dass eben Schönheit Teil unserer Natur ist und deswegen evolutionsbiologisch wir eine Sehnsucht danach haben, das immer wieder zu finden, zu erschaffen. Oft ja auch scheitern, weil wir mit der Natur nicht konkurrieren können. Was die für Formen von Schönheit hervorgebracht hat, ist unfassbar. Unglaublich.
Jana: Unglaublich, oder?
Anne Seubert: Und immer wieder neu zu entdecken. Deswegen auch da kann ich nur zu ermuntern. Und das Zweite, was ich gerade dachte, ist bei all der Wirkungskraft, die Schönheit hat. Wir hatten es vorhin davon, wie überwältigend die sein kann, wie die uns alle lahmlegen kann in ihrer Kraft. So leise kommt sie daher. Sie ist keine, die mit Pauken und Trompeten durchs Dorf zieht und alles in Schutt und Asche legt, sondern sie ist in dieser Absolutheit, in ihrer sich auch eben selbst genug seienden Art, braucht sie dieses Trara nicht. Und deswegen ruhen wir, glaube ich, auch mit unseren Augen oder unseren Sinnen da so gerne drauf.
Jana: Das ist toll, wie du das ausdrückst – sie braucht es nicht.
Ich baue jetzt mal einen neuen Bogen. Ich komme zur Stille. Denn du hattest gesagt, Stille kann unglaublich schön sein. Klar. Wie klingt denn aber Stille, wenn sie schön ist? Ich gehe jetzt wirklich mal auf die Stille ein. Und gibt es da auch so einen Kipppunkt in Leere, in Banalität? Also womit hängt Stille zusammen? Und zwar, ich möchte dann hinaus auf Fülle. Also Stille wird ja oftmals verbunden mit wenig bis hin zu nichts. Und wenn ich das im Gesamtspektrum angucke, dann als Dimension, ist die andere Seite ja die Überfülle. Das Überbordende, das von allem zu viel. Und beides hat seine unglaublich schönen Seiten. Aber was ist an der Stille eigentlich schön?
Anne Seubert: Ja, Stille, vielleicht ein schöner Moment, dass wir nochmal auf unser Verhältnis zu Schönheit zu sprechen kommen. Wir hatten das vorhin, als wir noch bei der Definition von Schönheit waren, so ein bisschen angesprochen, dass Schönheit zwar sich selbst genug ist, aber sie muss ja wahrgenommen werden, um zu existieren. Das heißt, sie braucht uns auf eine Art schon als Resonanzraum, in dem sie wirken kann. Und die Stille, glaube ich, hat ganz viel damit zu tun, wie wir sie wahrnehmen. Stille kann uns beängstigen, sie kann uns unglaublich alleine fühlen lassen und sie kann der herbeigesehnte Moment sein. Sie kann sich eben auch mit dieser Kraft der Schönheit über uns legen oder über eine Situation. Wir stellen uns einen Dezembermorgen vor, in dem der Schnee fällt und eine Stille uns verschafft, wo wir auch kurz diesen Moment haben und Stille wirklich auch so eigenständig, fast greifbar wird, obwohl sie natürlich nicht wirklich greifbar ist und vielleicht nie greifbar sein wird. Aber jeder Musiker, jeder Redner weiß, wie elementar wichtig stille Momente sind. Kleist war ein großartiger Zelebrator, möchte ich sagen, des Gedankenstrichs und der stillen Momente in seinen Texten. Und da kommt Stille zum Wirken, in dem Kontrast zu ihrem Gegenteil.
Jana: In der Pause auch. Es ist nicht einfach nur eine Pause, sondern es ist eben oft, also was du gerade beschrieben hast, hat mich ja dazu geführt, dass Stille in dem Moment so richtig befreiend auf mich wirkt, wenn man zum Beispiel einen übervollen Tag hatte und dann die Möglichkeit da ist, zu Hause, hinsetzen und erst mal durchatmen und dann ist erst mal nichts da. Was für ein schöner Moment. Also so nichts ist, wo alles wegfällt, alles abfällt, alles vorbei scheint. Und natürlich kann es genau das Gegenteil auslösen: Ich bin komplett verloren. Ich denke, das ist das Ende der Welt.
Anne Seubert: Ja. Ich weiß nicht, ob es am Ende der Welt still ist. Es wäre aber durchaus denkbar, dass wir aus der Stille entstanden sind und in die Stille zurückkehren. Man weiß es nicht, ob es im All still ist. Wir haben da ja auch unsere Bilder vor Augen. Ich war letztens in einer Ausstellung, wo es um die Töne unter Wasser ging und dass es da überhaupt, also in unseren Ozeanen, dass es da diverse Geräusche gibt. Und wenn wir von Stille und Geräuschen reden, müssen wir natürlich auch wieder über unsere Wahrnehmung reden und über die Frequenzen, die wir überhaupt fähig sind, wahrzunehmen. Also was ist Stille für uns? Das ist ein gewiss definierter Frequenzbereich. Da kann rechts und links noch ganz schön viel sein, was nicht still ist, nur weil wir es so empfinden. Aber eben, also Stille und Schönheit zusammenzudenken, ich würde sagen, Schönheit würde sich auf jeden Fall eher auf der stillen Seite bewegen, denn auf der lärmigen, schreienden.
Jana: Ja, und wenn man dann in die Fülle reingeht, also die Fülle ist schon toll und ist ein Genuss und man kann sich darin verlieren und es zelebrieren bis ins kleinste Detail, in die Üppigkeit, in sonst was. Aber irgendwann ist an sich immer der Moment da, wo man dann wieder die Stille braucht. Wo man das Gegenteil davon braucht. Also ich glaube auch, dass der Rückzug in die Stille ein ganz wichtiger Punkt ist, um sich zu erden, um sich zu klären, um bei sich anzukommen, zu sich zu kommen und so weiter. Ich glaube, dass die Fülle eher am Außen ist, würde ich dann fast sagen, würde ich jetzt mal als Theorie aufstellen, und die Stille eher ins Innere reingeht. Kann das sein?
Anne Seubert: Ich habe gerade noch mal gedacht, weil du vorhin ja auch gefragt hast, kann man Schönheit steigern? Und das ist ja manchmal so, wenn man was Schönes hat, will man noch mehr und man will noch mehr. Man möchte von dem Guten, von dem Schönen mehr und mehr und mehr und irgendwann kippt es aber. Und es lässt sich dann nicht mehr steigern, sondern kippt dann eben ins Gegenteil und in die Übelkeit, in das Zu-viel, in die Sehnsucht nach Stille. Das ist aber, finde ich, genau ein guter Punkt, dass Schönheit etwas mit einem macht. Man kann sie körperlich spüren. Das ist nicht mit allen Phänomenen so. Und dieses Ergreifende lässt sich ja dann wirklich an Gänsehaut, an Schluckauf, an ich weiß nicht, was es bei dem einen oder anderen auslöst, wenn er Sprachlosigkeit, ich stehe jemandem gegenüber, der mich, der so schön ist, dass ich nicht mehr weiß, dass man in die Knie gehen will. Das ist auch ein schöner Begriff. Dass man Schönheit wirklich, ja auch ehrfürchtig gegenübertreten kann oder sie einen bescheiden macht. Dass sie einen wieder an das Leben aber auch glauben lassen kann. Dass man sagt, ich bin wieder verbunden mit dieser, mich hat es wieder erreicht. Und das ist dann eben, vielleicht wird mir die Kehle immer kurz eng, vielleicht fangen die Knie mal an zu zittern. Und das ist durchaus was, was man genießen kann. Also das finde ich ist auch nochmal ein wichtiger Punkt, dass Schönheit etwas ist, die hat so eine Großzügigkeit. Und du hast es in meiner Einführung eingangs gesagt, dass ich die Schönheit so als Komplizin sehe. Und ich mag den Begriff der Komplizin sehr gerne. Und ich bin sehr dankbar dafür, dass ich die Schönheit da als eine der Komplizien habe.
Jana: Ich habe ein Quiz vorbereitet. 12 Fragen, wirklich ganz kurz zu beantworten. „Ist das schön?“
- Ist ein Druckfehler auch schön? –> definitiv
- Ist ein überquellender Schreibtisch schön? –> nein
- Ist ein Satz schön, den man nur ein einziges Mal hört und nie wieder findet? –> Das kann er auf jeden Fall schaffen. („Auf jeden Fall schaffen“ ist ein JA für mich.)
- Ist ein nützliches Objekt ohne Poesie hässlich? –> nein
- Ist eine gut funktionierende Straßenkreuzung schön? –> für mich ja
- Ist ein Wort schön, das nichts bedeutet, aber fantastisch klingt? –> aber hallo! (Ist das jetzt ein Ja? Ja. Wie viele Möglichkeiten es gibt, Ja zu sagen?)
- Ist Verschwendung auch mal schön? –> Mal schön, ja.
- Ist eine Stadt schön, in der du dich komplett verlierst? –> nein
- Ist ein leeres Blatt Papier schön? –> mittlerweile ja
- Ist ein Marktplatz am Samstagmorgen schön? –> ja
- Ist es schön, wenn man sich nicht einig ist? –> Ja, hat eine Qualität.
- Und die letzte Frage: Gibt es ganz objektiv schöne Dinge? –> Definitiv ja.
Jana: Herrlich. Ich danke dir.
Wir kommen auf die letzte Frage: Ich habe dir beim letzten Mal die Frage gestellt, wenn du die Schönheit mit einem Wort belegen würdest, was wäre es? Und du sagst, sie wäre deine Komplizin. Ist sie das immer noch oder hast du sie inzwischen befördert? Oder ist es etwas anderes geworden?
Anne Seubert: Ah, guter Punkt.
Jana: Du kannst natürlich auch ein anderes Wort finden.
Anne Seubert: Ja. Ich habe das vorhin ja schon so angedeutet, also die Schönheit beschäftigt mich auf jeden Fall immer noch. Ich glaube tatsächlich die Qualität unserer Beziehung hat sich weiterentwickelt. Ich überlege gerade, auf was für einen Begriff ich das definieren könnte oder zum Ausdruck bringen. Das ist nicht Mentorin, aber vielleicht so Sparringspartnerin.
Jana: Oh, okay. Ja.
Anne Seubert: So zwischen Sparringspartnerin und Muse. Die hat manchmal noch so eine gute Perspektive auf Lage und man denkt, ja, aus der Richtung könnte ich es auch mal sehen. So wie du vorhin gerade sagtest, wenn man sich ein Gespräch, was man sich nicht einig ist, da ist man ja versucht zu sagen, es nervt, jetzt versteht er mich nicht, jetzt muss ich hier noch Argumente rausgraben, aber man kann auch eine Schönheit da drin entdecken. Und plötzlich wandelt sich die Dynamik des Gesprächs und ich finde, da ist, ja, da bin ich oft dankbar für.
Jana: Liebe Anne, ich danke dir, es war mir ein großes Vergnügen, mit dir über die Schönheit zu sprechen.
Anne Seubert: Vielen Dank, liebe Janne, für die Einladung. Es war wieder so, dass man sagt, man könnte auch noch weitersprechen, aber hier machen wir mal einen Punkt und lassen es wirken, wie du so schön gesagt hast. Vielen Dank.