Ist das schön?!
Der Podcast über die Kraft, die im Schönen steckt.

Episode #25 | 25. September 2026
Irgendwas stimmt hier nicht.
Isabelle Romann über die Seele eines Textes, Sprache, die wütend macht, und den Moment, in dem ein Satz endlich stimmt.
Wer Fehler sucht, hat einen Gegner: das eigene Gehirn. Es liest großzügig und bügelt glatt, was wir selbst geschrieben haben. Wir sehen, was wir sehen wollen.
Was, wenn das Gespür für Fehler und das Gespür für Schönheit aus derselben Quelle kommen? Wenn beides im Körper beginnt, lange bevor der Kopf weiß, was eigentlich los ist?
Isabelle Romann ist seit 2012 freie Lektorin für Fach- und Sachbücher und nennt sich die Fehlerfinderin. Zwei Bücher haben wir gemeinsam bis zur Veröffentlichung gebracht. Im Gespräch erzählt sie, warum sie ein neues Manuskript erst einmal im Respektmodus liest und was die Seele eines Textes ausmacht. Sie erzählt auch von drei Büchern mit KI-Anteil, deren immer gleiche Satzmuster sie so wütend gemacht haben, dass sie zwischendurch einen Roman lesen musste, um wieder andere Sprache im Kopf zu haben. Wir fragen uns, wer unsere Sprache eigentlich schon vereinheitlicht hat, lange bevor es KI gab. Und wir landen bei Christiane Vulpius, die sich vor Goethe für ihre Rechtschreibung schämte. Ihn hat das nie gestört.
Am Ende stelle ich Isabelle 17 Fragen, die sie nur mit Ja oder Nein beantworten darf. Eine davon: Ist ein fehlerfreier Text ein schöner Text? Was sagt wohl die Fehlerfinderin? Hör selbst.
Isabelle Romann
Isabelle Romann ist seit 2012 Lektorin für Fach- und Sachbücher und begleitet als Mentorin für Autorinnen vorwiegend Trainerinnen, Coaches und Beraterinnen auf ihrer Reise zum eigenen Expertenbuch. Manuskripte profitieren von ihrem professionellen und zugleich behutsamen Feinschliff, (angehende) Autorinnen finden in ihr eine Textexpertin, Strukturgeberin, Mutmacherin und Sparringspartnerin auf Augenhöhe.
Website und Blog: www.isabelle-romann.de
LinkedIn: https://www.linkedin.com/in/isabelle-romann
Instagram: https://www.instagram.com/lektorisa/
weitere Links:
Mehr über Christiane von Goethe: https://de.wikipedia.org/wiki/Christiane_von_Goethe
Buch von Sigrid Damm »Behalte mich ja lieb!« Christianes und Goethes Ehebriefe. Suhrkamp | Insel
Transkript
Jana: Es wird Herbst und jetzt beginnt eine kurze Zeit, die ich ausgesprochen liebe. Ich finde gerne Pilze. Das kann ich wirklich richtig gut. Nicht so gut finde ich Rechtschreibfehler in meinen Texten. Und das ist auch normal, denn unser Gehirn ist hervorragend darin, Rechtschreibfehler oder sogar grammatikalische Wirren, die wir selbst erstellt haben, selbst geschrieben haben, während des Lesens so zu korrigieren, dass wir sie nicht sehen. Fehler zu finden ist nicht leicht. Mein heutiger Gast hat genau das zum Beruf gemacht und nennt sich dementsprechend die Fehlerfinderin. Doch was ist der große Unterschied zwischen Fehler finden und auch ein ganzes System zu durchschauen? Denn darum geht es bei ihr auch. Herzlich willkommen, Isabelle Romann.
Isabelle: Dankeschön, liebe Jana. Vielen Dank.
Jana: Ganzes System, damit meine ich zum Beispiel einen ganzen Roman. Du liest im Jahr ganz viele Manuskripte, vermute ich, und zwar komplett und roh und von der ersten bis zur letzten Seite. Wann hast du denn zuletzt mal einen Satz gelesen, den du dir gemerkt oder sogar aufgeschrieben hast, weil er schön war?
Isabelle: Also tatsächlich denke ich da jetzt eher an meine eigene Lektüre, nicht so sehr an meine Kundenprojekte. Da schreibe ich auch tatsächlich nichts raus. Also im letzten Jahr, da hatte ich wirklich mal so eine Phase, und zwar im Buch von Benedict Wells, dem recht bekannten Autor mittlerweile. Und da habe ich wirklich mehrere Sätze mal notiert, was ich sonst nie mache.
Jana: Also ich schreibe ja ganz wild in Büchern rum. Ich mag das total gerne, erstens mal Zitate rauszuschreiben, aber eben auch einfach mir Textstellen zu kennzeichnen. Ich mache auch Eselsohren in Büchern und alles was. Ich gehe mit Büchern ganz furchtbar um. Ich lege sie aufgeklappt hin und, und, und. Alles das, was man mit Büchern nicht machen sollte. Und ich als Buchgestalterin, oh, ganz schlimm. Aber umgekehrt könnte ich diese Frage natürlich auch stellen. Was war denn der letzte Satz, bei dem du gedacht hast, den habe ich jetzt schon hundertmal gelesen?
Isabelle: Ja, da hätte ich tatsächlich jetzt aktuell auch ein paar Beispiele. Das hat wiederum damit zu tun, dass ich gerade in der letzten Zeit, in den letzten drei Monaten kann man sagen, einige Bücher lektoriert habe, bei denen KI eine große Rolle gespielt hat, auch ganz transparent. Und da erkennt man eben, oder zumindest in den Beispielen, die ich hatte, so kann ich es jetzt eben nur aus der Erfahrung sagen, habe ich schon einige Konstruktionen, Satzkonstruktionen erkannt, die immer wieder vorkommen. Das ist tatsächlich so.
Und da geht es auch aus meiner Sicht gar nicht darum, dass diese Konstruktionen überhaupt auftauchen, sondern es geht darum, dass sie gehäuft auftauchen. Und das verändert das Leseerlebnis.
Jana: Woran entscheidest du eigentlich, ob etwas falsch ist? Also falsch oder einfach nur eigen?
Isabelle: Es gibt natürlich auch Autoren und Autorinnen, die sich ganz bewusst für eine andere Schreibweise entscheiden, um zum Beispiel bestimmte Wortteile zu betonen. Ich nenne mal so ein Beispiel: entwickeln. Da machen manche, wenn sie das betonen wollen, einen Bindestrich: ent-wickeln. Also um zu sagen, dass wirklich, also auch zum Beispiel, wenn es um die eigene Persönlichkeit geht, da etwas richtig entwickelt wird, wie in einer Spule . Und für so was kann man sich natürlich entscheiden, das mal zu machen, und dann geschieht das bewusst, und dann ist das natürlich an sich falsch. Ja, aber als vielleicht Stilmittel oder als ganz bewusste Wortkreation ist das dann auch in Ordnung. Also im Zweifel recherchiere ich Dinge natürlich auch nach. Das gehört auch zu meiner Aufgabe als Lektorin. Wenn mir etwas spanisch vorkommt, so will ich es mal sagen, dann recherchiere ich das.
Jana: Meine nächste Frage hast du im Grunde genommen schon ein bisschen beantwortet. Und zwar gibt es Sätze, die grammatisch daneben sind und die du aber trotzdem stehen lässt. Das kommt wahrscheinlich immer bezogen auf das Gesamtwerk an.
Isabelle: Ja, man muss es im gesamten Kontext sehen. Ich merke so was natürlich immer an in Kommentaren, wenn ich es nicht direkt korrigiere, weil ich eben denke, okay, hier liegt ein Fehler vor. Wenn ich aber die Idee habe, das könnte vielleicht auch absichtlich passiert sein, dann stelle ich das zur Diskussion. Und ja, gegebenenfalls im Gespräch besprechen die Autorin und ich das dann gemeinsam. Und es mag auch Ausnahmefälle geben, wo man das dann auch lassen kann. Aber ich sage auch ganz ehrlich, also wenn so was zu häufig vorkommt, ohne dass auch dem Leser klar gemacht wird, dass das hier absichtlich passiert und aus welchem Grund, da distanziere ich mich dann schon auch. Weil das natürlich am Ende schon auch aufs Lektorat zurückfällt.
Jana: Du hast im Allgemeinen ja mehrere Durchgänge, die du ein Werk liest. Mit welcher Neugier, mit welcher Lust gehst du so rein in so ein Buch, wenn du das erste Mal reinguckst?
Isabelle: Also ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich ganz am Anfang auch noch ein bisschen so im Respektmodus bin. Und solange ich selbst noch nicht genau weiß, was auf mich zukommt, auch wenn ich natürlich im Angebotsprozess oft schon eine Textprobe gelesen habe, eine kleine, so weiß ich doch nicht so ganz genau, was mich im Laufe des gesamten Manuskripts erwartet. Und dann bin ich auch erst mal noch verhalten. Also ich kann nicht sagen, dass mich so etwas wie Vorfreude packt. Also klar, ich habe natürlich ein Projekt angenommen, weil mich ein Thema interessiert, weil ich mit der Autorin gut klargekommen bin. Es gibt natürlich viele gute Gründe und die bestätigen sich dann natürlich auch meistens. Aber doch dann erst, wenn ich wirklich auch selbst mittendrin bin, und dann bekomme ich auch selbst das Gefühl, den Text auch beherrschen zu können, dann bis zum Schluss. Und da auch zu wissen, was ist da wohl meine Aufgabe? Was sind die Schwerpunkte? Worauf muss ich besonders achten? Und das geht immer erst nach einem gewissen Bearbeitungsaufwand, der dann schon erfolgt ist. Da kann ich das dann sehen und dann entspanne ich mich und kann dann auch die Freude über diese Textarbeit auch selbst mehr empfinden.
Jana: Ich habe ja im Vorfeld ein bisschen über dich recherchiert und habe auch verschiedene Zitate gefunden oder Meinungsäußerungen über deine Arbeit. Und du hast zum Beispiel eine Kundin, die gesagt hat, du würdest jedes Manuskript veredeln, ohne die Seele zu verändern. Was ist denn die Seele eines Textes? Also mal so handwerklich gesprochen.
Isabelle: Also ich würde sagen, da gibt es zwei Komponenten. Das eine, was eine Seele oder die Seele eines Buches oder eines Manuskripts ausmacht, ist der Inhalt, ganz klar. Also entweder eine Geschichte, wenn wir im Romanbereich sind, oder im Sachbuchbereich ja ein Thema, oft ja auch ein Herzensthema meiner Kundinnen und Kunden, und die Botschaft, die dahintersteckt. Und der andere Part ist im Grunde genommen der Sprachstil. Also wie das Ganze denn dann transportiert wird an uns Leser. Und ich sehe das dann eben so, dass diese, ich bezeichne das Lektorat ja auch als Feinschliff des Manuskripts. Und ich denke eben, dass Lektorat immer auch eine Anpassungsleistung ist. Also ich gehe als Lektorin ja nicht mit dem Anspruch daran, oh, hier habe ich ein Manuskript und daraus mache ich jetzt mein eigenes. Also egal, ob das nötig wäre oder nicht. Oder wenn ich Texte, also wenn ich neue Formulierungsvorschläge mache, weil eine Stelle vielleicht nicht gut verständlich ist oder etwas besser zum Ausdruck kommen könnte, dann mache ich natürlich eigene Textvorschläge, und ich versuche dann aber natürlich nicht unbedingt, meine Sprache zu verwenden. Also die natürlich immer da auch mit drin ist, logischerweise. Aber es soll sich ja einfügen in den Text, den es schon gibt von der Autorin. Und es ist und bleibt, so verstehe ich Lektorat auch, eben der Text des Autors.
Und das Lektorat kann da nur veredeln, feinschleifen, nenne es so, wie du es willst. Aber es ist etwas, es muss sich einfügen. Es darf nicht dominieren.
Jana: Apropos Norm und Vereinheitlichung von Texten etc. Wir haben den Duden. Wir haben schon seit vielen Jahren und Jahrzehnten Verlagsrichtlinien. Es gibt ein Ratgeberdeutsch. Es gibt eine Coaching-Sprache. Es gibt in den letzten Jahren verstärkt aufgetreten unheimlich oft die Heldenreise. Wer hat unsere Sprache eigentlich schon vereinheitlicht, bevor irgendeine KI dabei war? Also ist das nicht schon ein sehr langer Prozess, der hier stattfindet?
Isabelle: Also ich würde sagen, die Frage ist natürlich, was bedeutet Vereinheitlichung und Normierung? Also du hast natürlich recht, wenn du solche Beispiele wie Coaching-Sprache erwähnst, klar, dann ist das innerhalb von so einer Branche, gibt es da schon einen gewissen Wortschatz und etwas, was sich dann auch immer wiederholt. Da würde ich auch zustimmen, also so branchenspezifisch. Wenn wir jetzt aber auf den allgemeinen Sprachgebrauch gehen, da würde ich schon sagen, dass das noch mal was anderes ist. Wir haben natürlich Normierung, Sprachnormierung, wie du schon sagst, immer schon gehabt, Dudenredaktion, Dudenverlag. Wir haben natürlich auch den Rat für deutsche Rechtschreibung. Es gibt andere Institutionen, die auch unsere Sprache natürlich immer auch normieren. Übrigens auch noch mal anders als in anderen Sprachen. In Frankreich und Spanien ist das zum Beispiel viel zentralisierter, als das in Deutschland je war. Also ich habe ja auch Romanistik studiert, romanische Sprachwissenschaft, und von daher kenne ich mich da ein bisschen aus. Also da gibt es heute ja noch diese Sprachinstitutionen, also wirklich zentralistisch, ob das jetzt die Académie française ist oder die Real Academia Española. Und da gibt es eine Instanz, die eben sagt, das ist richtig. Wir sind da ja schon viel, man kann sagen, vielfältiger oder zerbröselter unterwegs, je nachdem, welche Brille man aufzieht. Aber natürlich gibt es das und gab es das immer schon. Es gibt ja immer schon Sprachentwicklung auch und eine Reflexion darüber. Nur, ja, hier würde ich jetzt allerdings sagen, dass das ja nichts Branchenspezifisches ist bei der KI, sondern wenn sich eben KI-Texte in vielen Lebensbereichen eben durchsetzen, dann würde ich sagen, dass das noch mal eine etwas andere Dimension ist. Aber das bleibt ja auch in manchen Teilen noch abzuwarten vielleicht.
Jana: Es gibt Sprachwissenschaftler, die immer wieder darauf hinweisen, dass Sprache auch ganz viel mit unserem Denken zu tun hat und Einfluss auf unser Denken hat. Es gibt aber auch Sprachwissenschaftler, die den Einfluss von Sprache auf unser Denken für überschätzt halten. Wie ist das aus deiner Sicht? Also wie viel Macht hat Sprache aus deiner Sicht?
Isabelle: Also ich nehme es jetzt mal wirklich an dem Beispiel, weil ich es an mir selbst beobachtet habe. Ich habe jetzt, wie gesagt, in den letzten drei Monaten diese drei Bücher bearbeitet, die eben eindeutig mit KI auch konzipiert wurden. Also nicht nur konzipiert, sondern auch geschrieben wurden. Also KI war im Schreibprozess auch beteiligt. So allgemein kann man es vielleicht sagen. Aber ich habe diese Texte ja auch verändert. Also die Aufgabe war dann auch, diesen typischen KI-Sprech da eben wieder rauszunehmen. Also ihn zu erkennen, ihn rauszunehmen und die Sprache des Autors wieder stärker zu machen.
Und ich musste wirklich öfter Pausen machen, und dann habe ich mich wirklich hingesetzt und einen Roman kurz gelesen. Ich brauchte andere Sprache.
Und ich habe gemerkt, dass mein eigener Wortschatz, also ich musste schon ein bisschen intensiver nach anderen Worten suchen, und darum ging es ja, weil es ging ja nur darum, Alternativen, Formulierungsalternativen zu finden. Ich habe ja den Inhalt des Buches an der Stelle gar nicht verändert, sondern nur die Art, wie er übermittelt wird. Und um da eben mehr Varianz reinzubringen, mehr Vielfalt, mehr Abwechslung für den Leser, brauche ich einfach andere Worte. Und auf die muss ich noch Zugriff haben. Und ich kann mir eben deshalb, also aus dieser eigenen Erfahrung heraus, schon sehr gut vorstellen, dass sich, wenn man nicht für einen guten Ausgleich sorgt oder wenn eben, keine Ahnung, diese KI-Texte zu stark überall präsent werden und wir keine Alternativen haben, die wir konsumieren, dass die etwas machen mit deinem eigenen Sprachvermögen. Das glaube ich, weil ich es selbst erlebt habe.
Jana: Ich bin nämlich gerade auch dabei, ein Buch zu lesen, beziehungsweise bin auf eine Autorin gestoßen, von der ich jetzt gerade mehrere Bücher lese, weil ich sie so wahnsinnig interessant finde. Und zwar geht es um Briefe, die Johann Wolfgang von Goethe geschrieben hat, und zwar einmal im Austausch mit der Frau von Stein und einmal im Austausch 28 Jahre lang mit seiner Ehefrau, also späteren Ehefrau, mit der Christiane Vulpius. Und Christiane Vulpius kam ja aus etwas einfacheren Kreisen, war nicht so gebildet und hat sehr oft in ihren Briefen an Goethe, also die haben sich viele, viele, viele Zettelchen ausgetauscht. Die haben täglich miteinander mehrere Briefe geschrieben. Auch mit der Frau von Stein hat er das getan, aber vor Christiane. Und Christiane schrieb doch mehrfach auch, dass es ihr so peinlich sei, dass ihre Rechtschreibung so schlecht sei und dass sie nicht die richtige Wortwahl hätte und dass sie das nicht so gut könne. Er ja nun, der große Schriftsteller und so. Und interessanterweise war das für Goethe absolut kein Thema. Also er hat immer wieder betont, und es war ja auch zu der Zeit noch nicht mit dem Duden verbreitet und, und, und. Ich weiß gar nicht, wann ist denn der Duden entstanden?
Isabelle: Ach, das habe ich gestern zufällig noch mal irgendwo gelesen. 1880 hat Konrad Duden …
Jana: Sehr, sehr, sehr viel später als Goethe.
Isabelle: Genau.
Jana: 80 Jahre danach oder 100 Jahre danach. Und wenn du sagtest, du musst dich dann zwischendurch mal hinsetzen und mal was anderes lesen, das klingt ja fast, als müsstest du dich entspannen, indem du mal was liest, was irgendwie auch ein bisschen ausufert, ein bisschen nach rechts und links geht, auch mal so einen anderen Duktus hat. Die andere Geschichte ist eben diese Frage der Lesbarkeit. Wenn du selbst schon feststellst, dass die Arbeit an diesen Texten ja irgendwie auch müde macht, also so interpretiere ich das jetzt einfach mal, oder eben anstrengend ist und so, leidet die Lesequalität unter solchen vereinheitlichten oder undifferenzierteren Texten?
Isabelle: Ja, ich würde sagen schon, ja. Also ich weiß auch gar nicht, also neben müde, das kann sogar auch sein, dass es mich auch müde gemacht hat, aber es hat mich auch sehr wütend gemacht. Also ich habe da wirklich so einen richtigen, also auch körperlich tatsächlich so ein: Oh, ich kann es jetzt nicht mehr sehen. So, das war meine Reaktion, und interessanterweise habe ich mich ein paar Tage, oder jetzt vor ein paar Tagen mit einem anderen Autor unterhalten, der das auch so in Worte gefasst hat, dass ihn das wirklich körperlich irgendwie, ja, negativ anfasst. Ich sage es mal vorsichtig. Er hatte ein bisschen krassere Worte, aber man spürt das natürlich. Und so ist es doch immer mit dem Lesen, oder? Also auch wenn ich sehr schöne Texte lese, dann erreichen die mich ja auch irgendwie auf einer ganz tiefen Ebene. Und so wie du jetzt auch beschrieben hast bei den Werken, die du gerade liest, ja, das ist eben schön. Und Schönheit und schöne Texte in diesem Fall, das macht ja auch was mit uns. Und ich finde es daher auch gar nicht so erstaunlich, dass umgekehrt natürlich auch was passiert. Nur es ist natürlich schon noch mal interessant, wenn man das dann selbst so am eigenen Leib erfährt, quasi. Aber von daher würde ich sagen, ja, auf jeden Fall beeinflusst das das Lesen eben auch. Und so, wie wir Lesen und Literatur auch empfinden.
Jana: Aber weil wir bei Schönschreiben waren, was meinst du, kann man das, also Schönschreiben, ist das eher Können oder ist das eher eine Eigenart? Kann man das lernen?
Isabelle: Ja, das ist eine gute Frage. Da bin ich ehrlich gesagt nicht ganz so sicher, ob man das so zum einen einheitlich mit Ja oder Nein beantworten kann. Und aber auch, welche Antwort dann quasi überhaupt die richtige wäre, wenn man sich denn entscheiden müsste. Ich habe ganz großen Respekt vor den Menschen, die eben sehr, also gerade im literarischen, also im belletristischen Bereich sehr schön mit Worten umgehen können oder eine sehr vielfältige Sprache haben, um bestimmte Dinge auszudrücken. Ich weiß nicht, ob man das lernen kann oder ob man nicht vielleicht entweder selber schon immer sehr, sehr viel gelesen haben muss beispielsweise und sich das dadurch vielleicht angeeignet hat. Ich sage jetzt nicht, es muss von Natur aus ein angeborenes Talent sein oder so. Und wenn man es nicht hat, dann Pech. Das glaube ich jetzt nicht immer so. Ob man jetzt sagen kann, jetzt mache ich mal einen Kurs und dann kann ich es, das glaube ich wiederum auch nicht. Also die Wahrheit liegt vielleicht irgendwo dazwischen oder so. Aber ich kann nur für mich sagen, ich weiß, dass ich mich beim Selberschreiben in Sachtexten auf jeden Fall wohler fühle, weil es mir da leichter fällt, die richtigen Worte zu finden, um etwas zum Ausdruck zu bringen. Mehr Respekt habe ich wirklich vor literarischen Texten noch, also auch, wenn ich selber so etwas schreiben wollen würde. Also ich kann es nicht abschließend beantworten. Was denkst du darüber?
Jana: Na, ich vermute, dass das Schreiben genauso wie jede andere Kunst zwei Seiten hat. Also, dass es schon ein gewisses Talent geben sollte, möchte ich mal so behaupten. Also, wobei ich auch ja aus anderen Künsten, ob Bildhauerei, ob Malerei, ob Grafik, ob Musik und so weiter, wir wissen alle, das Handwerk macht es beziehungsweise die Übung macht den Meister. Also je mehr, und da stimme ich dir völlig zu, je mehr ich selbst gelesen habe und sozusagen ja mir auch einen Wortschatz in mein eigenes Repertoire aufnehme, je mehr Sprache ich beherrsche, also nicht Sprachen, sondern Sprache. Und je vielfältiger ich damit umgehe, desto leichter fällt es mir natürlich auch, diese Wörter zu benutzen und vielfältiger zu schreiben.
Ich glaube nicht, dass in jedem Menschen ein Romanautor steckt. Aber jeder Mensch kann lernen, gut zu schreiben.
Es ist einerseits Handwerk und andererseits eben auch Kunst.
Isabelle: Ja, spannend.
Jana: Es ist ja auch eine andere Frage noch, wenn ich die Perspektive jetzt hier noch mal umdrehe, und da frage ich dich mal ganz konkret auch nach deinen Autorinnen. Die sind ja, wenn du bei Fachbüchern bist, eher Expertinnen und weniger Schriftstellerinnen. Wie gehen die denn daran? Wollen die schön schreiben oder wollen die einfach verstanden werden?
Isabelle: Also das ist ganz unterschiedlich, würde ich sagen. Ich muss jetzt tatsächlich auch sagen, dass ich wirklich das Glück habe, dass sehr viele Manuskripte zu mir kommen, die oft auch schon sehr gut sind, und zwar in beiderlei Hinsicht. Also sowohl was die Vermittlung des Inhalts angeht, als auch, man merkt ganz oft, dass diese Menschen eben schon auch gerne schreiben oder auch durch diesen Schreibprozess auch tatsächlich gerne selbst gehen wollten und das auch von Anfang an klar war und sich das auch widerspiegelt im Text. Auch im Sachbuchbereich und da vielleicht speziell auch beim Expertenbuch oder Expertinnenbuch geht es ja eben auch nicht nur darum, irgendwelche sachlichen Inhalte rüberzubringen, sondern es geht ja auch darum, das Eigene daran, ich lasse es mal so allgemein, das Eigene daran auch mit zu verpacken. Denn der Sinn so eines Buches ist ja auch dann tatsächlich sehr oft, dass es einen Zugang zu dem bieten soll, was die Person anbietet. Also durchaus auch als Marketinginstrument, aber eben halt jetzt nicht um jeden Preis so einfach Inhalte vermitteln, sondern auch zu zeigen, wer ist denn diese Person, mit der man idealerweise vielleicht später als Leser mal zusammenarbeiten wollen würde. Also natürlich will jeder verstanden werden. Das, glaube ich, ist auf jeden Fall die Intention. Aber im Sachbuch, glaube ich, möchte schon jeder verstanden werden und dann aber natürlich auch wirklich das rüberbringen, was eben das Besondere und das Eigene eben ist. Da kann man dann auch wirklich diesen Feinschliff machen.
Jana: Das ist ja interessant, um mal sozusagen den Bogen zu schließen und noch mal auf dich und deine eigene Arbeit zurückzukommen. Wo begegnet dir denn beim Lektorieren Schönheit in der Arbeit? Ist es eher das noch nicht fertige Buch oder dann das fertige Ergebnis oder der Prozess? Wie ist das für dich?
Isabelle: Während der Arbeit, ja, da habe ich natürlich auch schöne Momente. Manchmal verstecken sie sich ein bisschen erst noch. Aber ich merke dann schon auch, wenn mir selber was gut gelungen ist. Ja, also das kann ich schon, oder auch gerade so ein Problem, was vorher knifflig war. Ich lese irgendwas und man merkt, ist was nicht stimmig. Irgendwas passt hier nicht. Und das ist so ein, das merke ich auch im Körper. So: Irgendwas stimmt hier nicht, aber ich komme halt nicht sofort drauf, was das sein könnte. Und ich merke aber, es geht nicht, es geht nicht. Entweder gehe ich dann noch mal so ein Stück weiter oder dann muss ich auch vielleicht was anderes machen oder am nächsten Tag noch mal draufschauen oder so. Und dann finde ich eine Lösung und merke dann so: Ah, jetzt ist es schön. Oder jetzt ist die Lösung quasi da. Und auch das merke ich dann wieder so körperlich, so Erleichterung, dieses Problem ist irgendwie verschwunden. Das ist auch ein sehr schöner Moment.
Jana: Das ist ja total spannend, dass das für dich sozusagen tatsächlich so eine Art körperliche Empfindung ist. Kann ich voll nachvollziehen. Also ich kann vor allen Dingen auch nachvollziehen, dieses Gefühl, das stimmt nicht. Irgendwas stimmt hier nicht. Irgendwas ist nicht in Ordnung. Und dann ist man wie so eine Katze, die um den heißen Brei rumschleicht. Und dann, wenn man das gelöst hat, und es löst sich ja im Allgemeinen immer irgendwie, ist das auch eine ganz tiefe körperliche Befriedigung. Ja, das kann ich sehr gut nachvollziehen. Ach Mensch, das ist ja ein ganz toller Übergang. Ich würde jetzt mal sagen, wir machen an dieser Stelle Schluss. Das heißt, wir machen noch nicht ganz Schluss. Ich habe ja mein Quiz. Also ich habe ein paar Fragen mitgebracht. Du darfst mit Ja oder Nein antworten. Bist du bereit?
Isabelle: Ja.
Also, ist ein fehlerfreier Text ein schöner Text? –> Ja.
Ist das Semikolon schön? –> Ja.
Findest du Rechtschreibfehler in Liebesbriefen schön? –> Nein.
Ist Handschrift schöner als Gedrucktes? –> Im Zweifelsfall nein.
Findest du das Wort Herzensprojekt schön? –> Ja.
Sollte man Kommaregeln abschaffen? –> Nein.
Ist ein unlektoriertes Manuskript ehrlicher? –> Nein.
Findest du das Gendersternchen hässlich? –> Nein.
Ist Dialekt schöner als Hochdeutsch? –> Im Zweifelsfall nein.
Findest du, dass ein Text zu schön sein kann? –> Nein.
Und findest du, dass ein Text, den eine KI geschrieben hat, wertlos ist? –> Nein.
Ist ein Bestseller zwingend gut geschrieben? –> Nein.
Ist es schön, jemandem zu sagen, dass sein Text nicht gut ist? –> Nein.
Sind kurze Sätze schöner als lange? –> Nein.
Ist die deutsche Sprache schön? –> Ja.
Und was meinst du, ist der Duden ein schönes Buch? –> Ja.
Und meine letzte Frage: Schreibst du selbst schön? –> Ja.
Jana: Aber jetzt die feste Abschlussfrage, die ich auch an jeden stelle und natürlich auch an dich. Was an deiner Arbeit findest du schön?
Isabelle: Also wirklich diese, gerade am Ende, diese schöne, die Ernte, will ich mal sagen, sowohl für mich jetzt als Lektorin, aber natürlich in erster Linie für Autor und Autorin, wenn das Ergebnis in den eigenen Händen gehalten werden kann, in Form eines haptischen Buches. Und ja, derjenige wirklich stolz ist auch auf das Ergebnis, aber eben halt auch auf die Reise. Denn auf dieser Reise passiert bei den meisten Autorinnen und Autoren auch sehr, sehr viel in ihrem Inneren. Und ja, das Ergebnis, das kann man eben dann auch sehen. Und zwar nicht nur im Buch, sondern oft auch ganz weit darüber hinaus. Und nicht umsonst sagen einige Leute, ein Buch zu schreiben, ist Persönlichkeitsentwicklung. Und ja, die Menschen, die das eben selbst so erfahren haben, die würden das, glaube ich, auch unterschreiben. Und das ist, glaube ich, ja, das ist richtig schön.
Jana: Liebe Isabelle, ich danke dir ganz, ganz herzlich für den Einblick, auch den tiefen Einblick in deine Arbeit, und für dieses Gespräch. Vielen Dank.
Isabelle: Ich danke dir, Jana.